Der Milena Verlag wurde 1980 als Frauenverlag gegründet - von "couragierten Frauen", wie es auf der Facebook-Seite heißt. Mutig musste frau damals freilich sein, denn nicht nur gesellschaftlich und politisch war die Situation dürftig, auch die Arbeitsbedingungen im Verlag waren für Frauen denkbar übel. Alles, von den Räumlichkeiten bis zur Bezahlung, passte zur weiblichen Opferrolle.

Vanessa Wieser, die den Verlag durch Kindheit und Adoleszenz ins Erwachsenenalter begleitet hat und heute führt, erinnert sich mit Schaudern an ein schimmeliges Büro und eine selbstausbeuterische Grundstimmung. Zum Traumjob musste das Verlegen erst gemacht werden. Immerhin - das Potential war da.

Heute kennt und schätzt man Milena für die markanten Cover, das originelle Angebot (der treffende Slogan lautet "Heftige Bücher für heftige Menschen"), die Nähe zur Poetry-Slam-Szene. Gesellschaftskritik und Anspruch sind erwünscht, aber man muss nicht studiert haben, um die Bücher zu verstehen. Humor: ja. Was man bei allem Spaß indes oft übersieht, ist die immense Arbeit dahinter.

Keine Selbstausbeutung

Die heutige Verlagsleiterin heuerte 2003 bei Milena an. Damals war der Verlag hoch verschuldet und das Programm aufgrund der starken Verankerung in der feministischen Szene Wiens inhaltlich eingeschränkt. Bald schon stellte sich die Frage nach der Zukunft. "Ich wurde gefragt - und hab den Job genommen", sagt Wieser.

2007 hat sie die Verantwortung dann ganz übernommen und die Ärmel aufgekrempelt. Das hieß zuerst einmal ein neues Büro. "Selbstausbeutung war nicht mein Weg. Mein Job als Verlegerin ist ein wirtschaftlicher, das war mir von Anfang an klar." Schon ein Jahr später - 2008 - übersiedelte der Verlag an die heutige Adresse in der Wickenburggasse 21 im achten Bezirk.

Super Motto . . . - © Jungwirth
Super Motto . . . - © Jungwirth

Bunte Farben und dezentes Chaos, vor allem viele Bücherstapel definieren das ebenerdige Büro mit den großen, werkstattähnlichen Fenstern hin zur Straße. Die Belegschaft hat sich sukzessive reduziert, neben der Geschäftsführerin gibt es jetzt nur noch einen Mitarbeiter fürs Administrative und die Kommunikation ("Tausende Mails!"): Klaus Hintersonnleitner. Vanessa Wieser macht den Rest: Pressearbeit, Subventionsanträge, Lektorat, Vertrieb.

Dass es sich bei ihrem Mitarbeiter um einen Mann handelt, ist Zufall. Tatsächlich war eine der ersten Veränderungen, die Wieser durchgezogen hat, die Abkehr von feministischen Maximen. "Ein Buch muss gut sein, egal, ob es ein Mann oder eine Frau geschrieben hat." Und: "Der Frauenverein hat damals wirklich gute Arbeit geleistet, aber die Zeiten und das Denken ändern sich. Frauen sind kein Nischenthema mehr. Ich sehe mich auch nicht als Gleichstellungsbeauftragte, und dogmatische Beschränkungen machen mich unfrei."

Vanessa Wieser, 1970 in Linz geboren und "nie zum Klischeemäderl erzogen", suchte immer die Großstadt, wollte stets weg vom Konservativen und fand Veränderungen schon als Kind aufregend. Diesem Prinzip ist sie als Verlegerin gefolgt und bis heute treu geblieben.

Wie jede andere Verlegerin besuchte Wieser anfangs die großen Buchmessen im deutschsprachigen Raum und bemühte sich, internationale - vor allem deutsche - Autorinnen und Autoren zu gewinnen. Doch das funktionierte nicht so recht.

Aufs Geld schauen

"Irgendwann habe ich bemerkt, dass mir Massenveranstaltungen wie die Frankfurter Buchmesse auf die Nerven gehen. So was deprimiert mich! Die Wiener Buchmesse hingegen ist super und wichtig, da bin ich gern dabei. Und ich dachte: Wir haben in Österreich wunderbare Autoren und wunderbare Leser. Ich darf mich nicht zersprageln und höre jetzt auf, dem deutschen Markt nachzulaufen, der wird sowieso überschätzt. Diese Realität anzuerkennen, war hart, aber auch gut. Heute sehe ich mich als Wiener Verlag mit Wiener Publikum."

Die Anfänge waren mühevoll, und ein Kleinverlag ist sowieso keine Cash-Cow. Die Jungverlegerin hatte wenig Zeit, sich im Glanz ihrer Funktion zu sonnen: Wieser, die sich selbst als sparsam bezeichnet, lernte, aufs Geld zu schauen. Heute leistet sie sich nur, was fürs professionelle Arbeiten notwendig ist. So übersteht sie auch die eine oder andere Krise, wie etwa Corona. - Wie war das eigentlich?

"Ich bin immer so im Einsatz, dass ich die ersten zwei Corona-Wochen wirklich genossen habe", erzählt sie. "Das war wie krank sein, daheim auf dem Sofa liegen und lesen, aber das hat mir bald nicht mehr genügt. Ab dann war’s wie immer. Ich bin jeden Tag in den Verlag gefahren und habe gearbeitet."

"Obwohl der Verlag komplett mein Leben ist; und die Bücher - samt jüngeren Autoren - meine Kinder sind, habe ich auch gelernt, dass man sich gelegentlich losstrampeln muss, sonst kriegt man einen Vogel. Die Arbeitsfalle ist gefährlich!"

Apropos lernen: Die Corona-Krise hat das Informationsverhalten der Leute merklich verändert. Auch die Verlegerin, die Sachbüchern bis dahin nicht allzu viel abgewinnen konnte, begann sich intensiver als sonst mit dieser Literaturform auseinanderzusetzen: "Ich sehe erst jetzt, wie schön das ist, wenn man etwas lernt. Sachbücher sind alles andere als langweilig. Sie stillen ein elementares Bedürfnis."

Gescheit & witzig

Wie entscheidet eine Verlegerin, was gut und lesenswert ist?

"Es muss mir gefallen. Es muss gut unterhalten. Es muss möglichst viele Leute ansprechen. Es darf nicht zu kompliziert sein. Es muss gescheit sein. Es darf witzig sein. Und es muss eine Handlung geben. Viele Autoren können ja gut schreiben, sind sprachlich versiert, aber sie haben nichts zu sagen. Wenn man als Verleger auf einen trifft, bei dem alles zusammenkommt, wie etwa beim Bröderbauer, dann bin ich glücklich - Jackpot!"

Poetry-Slammerin Mieze Medusa gehört zum Milena-Fixprogramm. - © Sabine Pichler
Poetry-Slammerin Mieze Medusa gehört zum Milena-Fixprogramm. - © Sabine Pichler

Der Biologe David Bröderbauer erhielt für seinen 2019 bei Milena erschienenen Roman "Wolfssteig" den Heinrich-Gleißner-Förderpreis. Diesen Oktober erscheint sein nächster Roman, "Waltauchen".

Doch nicht alle Autoren sind Selbstläufer. So manchem guten Schreiber fehlt es an der Fähigkeit zur Selbstvermarktung. Die Verlegerin gleicht aus und wägt ab, tröstet und pusht. "Man darf das Feld nicht den Ego-Viechern überlassen", sagt sie. Oft ist psychologisches Gespür vonnöten.

Die Poetry-Slam-Szene rund um Mieze Medusa wiederum, die im Milena-Verlag quasi ihren Hafen fand, kann gute Auftritte hinlegen und sich wunderbar selbst verkaufen. Nur sind nicht alle Slammer daran interessiert, auch Literatur zu machen. Auch das musste die Verlegerin erst lernen.

Cover & Klassiker

Auch gute Cover gehören zum Erfolg. In diesem Punkt stach der Milena-Verlag schon immer aus der grauen Masse hervor. Bunt, frech und flashig, die Schrift lesbar, nicht verhuscht-bescheiden wie bei manch anderen Verlagen.

"Ja, mit den Buchcovern möchte ich mich abheben. Aber auch da bin ich erwachsener geworden. Wir arbeiten jetzt mit einem großartigen Team zusammen: Joe Wannerer und Ramona Scheiblauer", sagt Vanessa Wieser.

Ins Schwärmen gerät die Verlegerin auch über ein Buch aus dem eigenen Programm: über Jan Kossdorffs "Sunnyboys": "Das ist so großartig, das muss verfilmt werden. Wirklich, unbedingt!"

Und auch das neue Herbstprogramm hat es ihr angetan: "Nadia Bucher mit ihrer Doderer-Gasse. Bernhard Moshammer und der mitteleuropäische Reinigungskult - und dann noch Ludwig Hirschfeld und sein Wien-Reiseführer aus dem Jahr 1927. So wunderschön und so unendlich traurig, wenn man daran denkt, dass er mit seiner Familie in Auschwitz ermordet wurde und alles, was er beschreibt, zerstört wurde."

Der Klassiker-Reihe (einer von sieben Reihen bei Milena, neben Literatur, Humor, Krimi, Sachbuch, Zeitgeschichte und Beastie Books) lässt der Verlag besondere Sorgfalt angedeihen. In dieser Schiene werden alte, beinahe in Vergessenheit geratene Autorinnen und Autoren neu aufgelegt, wie etwa Frido Lampe, Gina Kraus, Otto Basil oder Annemarie Selinko. (Wieser: "Ach, die Selinko, die ist so ein Schätzchen! Natürlich schreibt sie reine Unterhaltung, aber sie war eine Feministin durch und durch.")

Auch bei den Klassikern hat sich die Verlegerin anfangs in Deutschland umgeschaut, sich dann aber bald auf österreichische Literatur konzentriert: "Ist ja alles da!"

Geburtstagswünsche?

"Dass es uns noch länger gibt, dass die Verlagsförderung weiter besteht und dass die Menschen weiterhin lesen."