"Wiener Zeitung": Herr Komarek, worin genau gründet Ihre Seelenverwandtschaft mit Herrn Steinhauer?

Alfred Komarek: Seelenverwandt heißt ja nicht, dass man ähnlich oder gleich ist, sondern dass man im Dialog einander gut ergänzt, miteinander auf Ideen kommt, sich gut versteht. Das ist für mich mit Erwin im idealen Fall gegeben - und das schon über eine lange Zeit hinweg.

Erwin Steinhauer: Wir haben in den 70er Jahren im Radio zum ersten Mal miteinander gearbeitet.

Komarek: Das war damals ein Schundroman mit dem schönen Titel "Die entgleiste Bahnwärterstochter oder Dein ist mein halbes Herz". Es gab über 20 Fortsetzungen, Erwin hat alle männlichen Rollen gesprochen, Chris Lohner alle weiblichen.

Steinhauer: Das war eine ungeheure Gaudi! Und wenn wir schon bei Schundromanen sind - Schlagertexte verbinden uns ebenfalls.

"Ich habe damals, als ich Schlagertexte schrieb, drei verschiedene Pseudonyme verwendet, jenes für die schlechtesten Texte war Alfred Schilling, damit jeder gleich weiß, worauf es mir hierbei ankommt..." - © Robert Rutoed
"Ich habe damals, als ich Schlagertexte schrieb, drei verschiedene Pseudonyme verwendet, jenes für die schlechtesten Texte war Alfred Schilling, damit jeder gleich weiß, worauf es mir hierbei ankommt..." - © Robert Rutoed

Komarek: Ich hatte bei Ö3 eine Achterbahnlaufbahn, phasenweise sehr gut verdient, dann wieder nichts - in den verzweifelten Phasen habe ich dann angefangen, Schlagertexte zu schreiben, weil es ein schnelles Geld war.

Für welche Interpreten haben Sie Schlagertexte geschrieben?

Komarek: Zum Beispiel für Aniko Benkö...

Steinhauer: ..."Sag zum Leben ja, sag zur Liebe ja."

Komarek: Das war furchtbar, aber es wurde ein Hit. Die besseren Songtexte waren dann schon für die Milestones. Ich habe damals drei verschiedene Pseudonyme verwendet, jenes für die schlechtesten Texte war Alfred Schilling, damit jeder gleich weiß, worauf es mir hierbei ankommt. Erwin, bei dir habe ich das Gefühl, es ist immer authentisch, was du machst. Ich glaube, du würdest nichts tun, was dir ernsthaft gegen den Strich geht.

Steinhauer: Ich kann nur etwas machen, wenn ich es mir entweder zurechtrichten kann, oder ich sehe von vornherein, das hat viel mit mir zu tun, wie damals zum Beispiel, als mir vom Haymon Verlag dein erster "Polt"-Roman zugeschickt wurde. Diese Initiative ging ja von dir aus.

Komarek: Ich habe gesagt, sollte der Roman verfilmt werden, gibt es nur einen Einzigen auf der Welt, der für die Rolle des Simon Polt in Frage kommt - und das ist der Erwin.

Steinhauer: Beim Lesen des Buches wusste ich sofort, das ist etwas, das es in der damaligen Fernsehlandschaft noch nicht gegeben hatte, dieser Blick, diese Art der Beschreibung, die Nähe zu einer Landschaft und zu Figuren.

Komarek: Vonseiten des Fernsehens hatte zunächst niemand an diese Idee geglaubt. Mir wurde gesagt, das ist eine Gegend, die niemand kennt, ein Ermittler, der nicht ermittelt, das wird der größte Flop des Jahrhunderts.

- © Robert Wimmer
© Robert Wimmer

Steinhauer: Wir haben lange gesucht - wir wussten, wir brauchen eine Filmfirma, einen Regisseur, eine Kalkulation, und wenn wir die wichtigsten Grundpfeiler beisammen haben, dann gehen wir zum ORF. Zuvor hatte ich gerade in Bayern einen Film gedreht, "Zärtliche Sterne", bei dem Julian Pölsler Regie geführt hat - und so hat dann alles seinen Weg genommen.

Komarek: Julian Pölsler kam bei mir bei der Tür herein und sagte, er hat keine Ahnung vom Weinviertel, er will lernen und ist bereit, sich auf dieses Projekt einzulassen.

Herr Steinhauer, hatten Sie damals bereits einen Bezug zum Weinviertel?

Steinhauer: Meine Vorfahren sind aus Ernstbrunn und hatten dort vor dem Ersten Weltkrieg eine Hufschmiede.

Komarek: Von dem Konnex wusste ich damals nichts. Ich wusste nur, Erwin hat ein Gespür für Zwischentöne, er kann mit Schweigen umgehen, er muss nicht immer ganz vor an die Rampe - er kann auch leise Töne spielen.

Wie klappte letztlich die Zusammenarbeit mit der Regie?

Steinhauer: Ich bin kein Harmoniker, sondern ein Disharmoniker, ich versuche aus dem Unterschied ein gemeinsames Projekt zu erstellen - und das bedingt natürlich, dass ich bei vielen Regisseuren als schwierig beschrieben bin. Auch mit Julian Pölsler gab es heftige Kämpfe.

"Ich bin kein Harmoniker, sondern ein Disharmoniker, ich versuche aus dem Unterschied ein gemeinsames Projekt zu erstellen." 
 
- © Robert Wimmer

"Ich bin kein Harmoniker, sondern ein Disharmoniker, ich versuche aus dem Unterschied ein gemeinsames Projekt zu erstellen."

- © Robert Wimmer

Komarek: Aber das Endergebnis war dann so, dass es für beide Teile ein Segen war. Und das könnt ihr mir ja beide bestätigen: Ich habe es euch nicht leicht gemacht. Es gibt ja keine filmische Dramaturgie in den Romanen, sie sind nicht so aufgebaut wie ein Krimi oder ein Thriller.

Steinhauer: Es ist ein anderesliterarisches Genre.

Komarek: Mir musste auch klar sein, dass Film und Text zwei unterschiedliche Erzählweisen sind. Im Film dauert es endlos lange, bis eine Stimmung aufgebaut ist, beim Schreiben kann ich sie in einem Halbsatz vermitteln. Auf der anderen Seite brauche ich vier Seiten, um eine Landschaft zu beschreiben, die wiederum im Film in ein paar Sekunden sichtbar gemacht werden kann.

Wie ging es Ihnen mit der Rollengestaltung des GendarmenSimon Polt?

Steinhauer: Wenn ich lese, lese ich bildlich, so ist das auch bei Drehbüchern. Ich sehe das Geschehen bildlich vor mir und kann nicht anders, als die direkte Rede so zu gestalten, wie das der Figur entspricht, die ich in dem Bild sehe.

Wären Sie da nicht der geborene Regisseur?

Steinhauer: Ich habe es an der Josefstadt siebenmal probiert, aber mir fehlt etwas ganz Wichtiges - und zwar Geduld. Es geht mir alles zu langsam, ich bin kein Psychologe und ich kann mit Untalent nicht umgehen. Otto Schenk hat mich einmal bei einer Probe in den Kammerspielen beobachtet und ein paar Mal dreingeredet. Sofort haben wir heftig zu streiten begonnen und der Gipfel des Streites war, dass er gesagt hat: "Hast du in der Früh deine Blutdrucktabletten genommen?" Da wusste ich, Regie ist nichts für mich, außerdem bin ich ein spielerischer Mensch.

Komarek: Mir ist heute noch in bester Erinnerung, ich komme zum Dreh und Erwin hat schon eine dunkelrote Färbung und ist knapp davor zu explodieren. Ich dachte mir, vielleicht kann man das noch bereinigen und erzählte ihm eine wahre Geschichte aus meinem Leben. Ich sagte, wissen Sie, mir geht es manchmal ähnlich, ich habe einmal einen Sessel in kleine Stücke zusammengehaut. Woraufhin du sagtest: Bei mir war es eine Dachbodentreppe.

Damals waren Sie noch per Sie?

Komarek: Den ganzen "Polt" hindurch. Ich bin nicht der Typ dafür, am Filmset rasch per Du zu sein. Das ist nivellierend und untergräbt auch bei manchen die gegenseitige Achtung und die gute Zusammenarbeit. Am Schluss, nach allen sechs Folgen, haben wir dann festgestellt, jetzt haben wir ein paar Kinder miteinander.. .

Erwin Steinhauer als Simon Polt in der ORF-Serie. - © ORF/Epo-Film/Oliver Roth
Erwin Steinhauer als Simon Polt in der ORF-Serie. - © ORF/Epo-Film/Oliver Roth

Steinhauer: ... und brauchen das Sie nicht mehr.

Gab es nach dem letzten Polt-Krimi so etwas wie einen Abschiedsschmerz?

Steinhauer: Eigentlich nicht, ich glaube, das verbindet uns ebenfalls, wir hören beide mit Dingen auf, bevor es den anderen zu lang wird.

Komarek: In meinem Lieblingsbuch "Handorakel und Kunst der Weltklugheit" von Baltasar Gra-cian steht der schöne Satz: "Nicht abwarten, dass man eine untergehende Sonne sei." Das sollte man berücksichtigen.

Umbrüche bewusst herbeizuführen, zieht sich auch durch Ihr berufliches Leben.

Steinhauer: Der Mensch entwickelt sich im Laufe seines Lebens und dabei verschieben sich Prioritäten. Wenn ich zum Beispiel an meine Kabarettzeit denke, ab 1974 habe ich ausschließlich politisches Kabarett gemacht. Dann kam eine Zeit, in der politisches Kabarett vollkommen verpönt war und nur mehr das "sehr lustige" Kabarett Erfolg hatte.

Komarek: Die billigen Lacher.

Steinhauer: Das hat mich schon ein bisschen beleidigt. Ich war sehr erfolgreich, aber ich habe gesagt, wenn das Einzige, das sich bei mir bewegt, das Bankkonto ist, dann interessiert es mich nicht mehr. Nach dem siebenten Programm entschloss ich mich dann aufzuhören. Das war im Jahr 1992, ab dann befasste ich mich wieder mehr mit Literatur und Theater. Als ich dann vom Theater genug hatte, kam die Musik und dann wieder ein bisschen Film. Ich bin eigentlich permanent auch auf der Flucht vor Dingen, die mir nicht gefallen.

Wovor sind Sie zuletzt geflohen?

Steinhauer: Vor dem Theater, ich hörte im Jänner 2018 auf, Theater zu spielen - und es geht mir bis heute nicht ab.

Herr Komarek, der Protagonist Ihres jüngsten Buches, "Alfred", das man als lyrische Prosa bezeichnen kann, durchläuft ebenfalls immer wieder die verschiedensten Stationen und lässt "auf seinen Wegen und Irrwegen keinen Himmel und keine Hölle aus".

Komarek: Die Höllen vor allem und die Himmel sind nicht ganz echt.

Wie autobiografisch bzw. wie seelenverwandt ist Ihnen dieser Alfred?

Komarek: Seelenverwandt kann man es durchaus nennen, autobiografisch ist es nicht - gleichzeitig ist mir nichts unbekannt, was in dieser Erzählung vorkommt. Höhen und Tiefen kenne ich sehr gut, aber man lernt dazu und irgendwann sind die Achterbahn-Tiefen und -Höhen flacher geworden, aber geben tut es sie immer noch.

"Höhen und Tiefen kenne ich sehr gut, aber irgendwann sind die Achterbahn-Tiefen und -Höhen flacher geworden, aber es gibt sie noch." - © Robert Wimmer
"Höhen und Tiefen kenne ich sehr gut, aber irgendwann sind die Achterbahn-Tiefen und -Höhen flacher geworden, aber es gibt sie noch." - © Robert Wimmer

Herr Steinhauer, für Ihr letztes Buch, "Aufgedeckt", waren Sie gemeinsam mit Ihrem Co-Autor Fritz Schindlecker kulinarischen Geheimnissen auf der Spur. Zudem finden sich darin viele originelle Rezepte. Wo bzw. wann haben Sie kochen gelernt?

Steinhauer: Ich habe ja zwei Kinder großgezogen, da musste ich kochen, meine Kinder haben mich wirklich diszipliniert. Als meine erste Ehe zerbrochen ist, konnte ich nicht kochen und musste mir alles erst mühsam aus Büchern zusammensuchen. Irgendwann fängt man dann selbst an zu probieren und bekommt plötzlich einen ganz anderen Bezug zu Lebensmitteln. Kochbücher geben zwar Hinweise, aber damit eine Speise auch wirklich gelingt, muss man auf viele Dinge selbst draufkommen.

Komarek: Als ich einmal einen Koch fragte, wie er weiß, wann ein Braten durch ist, sagte er: "Ich muss mich fühlen wie der Braten." Für mich gibt es kein besseres Gegengewicht zu einer kreativen Anspannung als kochen. Am liebsten habe ich Gerichte, die ewig lange schmoren oder vor sich hin köcheln, weil das einfach zum Schreiben eine ideale Nebenbeschäftigung ist. Kochen zwingt einem ja einen eigenen Rhythmus auf, der Braten sagt, wende mich, und so etwas lockert natürlich auf, holt einen aus dem Krampf heraus.

Steinhauer: Gute Sachen brauchen einfach ihre Zeit. Es hat lange gedauert, bis ich den Schnellkochtopf meiner Mutter aus der Küche verbannt habe. Alles, was wirklich Sinn machen und gut sein soll, dauert nun einmal lange - das zieht sich durch viele Lebensbereiche.

Herr Komarek, von Ihnen gibt es auch ein Buch mit dem Titel "Anstiftung zum Innehalten". Wie gelingt Ihnen das persönlich?

Komarek: Im Grunde ist es eigentlich ein aufmüpfiges Buch, weil man bekanntlich aus vielerlei Gründen nicht immer innehalten kann, selbst wenn einem danach wäre. Aber manchmal geht es ja doch und dann tu ich es auch. Wenn man es völlig verlernt, dann stimmt etwas nicht.

Steinhauer: Innehalten ist die Quelle der Inspiration. Ich kann ewig lang an einem Kai oder am Meer sitzen und drei Stunden ins Wasser schauen - und meine Gedanken nehmen mich dann mit auf eine Reise.

Sie haben über 150 Filme gedreht, wie schaffen Sie sich diese Zeitfenster?

Steinhauer: Ich suche sie mir. Es wird jetzt immer leichter im Alter, aber ich habe es auch früher immer wieder geschafft, mich dazwischen kurz rauszunehmen.

Denken Sie, dass sich in Sachen Entschleunigung durch die Corona-Pandemie etwas verändern wird?

Steinhauer: Ich bin kein Optimist: Sobald das vorüber ist, ist es vergessen und der ganze Wahnsinn wird weitergehen. Allein wenn ich an diese unsägliche Zerstörung der Umwelt denke, nur um die Wirtschaft am Laufen zu halten.

Komarek: Wirtschaft ist eben keine moralische Größe.

Steinhauer: Ich vermisse es, dass es heute keine Utopien mehr gibt. Wenn wir in der Geschichte zurückblicken, hat es doch immer wieder für die Menschen Vorstellungen gegeben, wie sich das Leben leichter gestalten lassen könnte. Heute begnügt man sich mit dem, was ist, und versucht das zu verteidigen. Niemand will sich den Kopf darüber zerbrechen, was wir machen könnten, damit wir besser zurechtkommen mit dem Leben. Ist dieses Leistungsdenken, dieses permanente wirtschaftliche Wachstum wirklich notwendig? Sind das Begriffe, ohne die es nicht geht? Vielleicht gibt es ja doch eine Utopie, um beispielsweise der Armut, die es auf der ganzen Welt gibt, zu begegnen, indem man den Menschen ein permanentes Grundeinkommen zukommen lässt. Aber daran denkt die Politik nicht, sondern es geht immer nur ums Wachstum, um den Profit, das ist das große Unglück unserer Zeit.

Komarek: Ich denke, dass die Idee eines permanenten Grundeinkommens nicht weiter verfolgt wird, liegt an dem fehlenden Glauben, dass eigentlich in jedem Menschen positive Ansätze stecken, man muss sie nur wachsen lassen. Natürlich gibt es Gfraster, aber 90 Prozent der Menschen haben einen guten Kern, den kann man hervorholen, daran glaube ich schon noch.