"Wiener Zeitung": Frau Meixner, Sie haben im Laufe Ihrer Karriere schon zahlreiche Weltrekorde bei Ultratriathlon-Bewerben aufgestellt und sind die wohl ausdauerndste Athletin Österreichs. Unter anderem haben Sie es geschafft, an 20 aufeinanderfolgenden Tagen jeweils eine Ironmandistanz zu absolvieren, sind also 20 Tage in Folge 3,8 km geschwommen, 180 km Radgefahren und 42,2 km gelaufen. War das Ihr bisher härtester Wettbewerb?

Alexandra Meixner: Ultratriathlons gibt es in zwei Varianten, zum einen die von Ihnen angesprochenen One-per-day-Variante und zum anderen die "Klassik-Variante", wo die Schwimm-, Rad- und Laufdistanzen zusammengefasst werden. Der Deca Ultratriathlon continous in der "Klassik-Variante" war für mich bisher der anstrengendste Bewerb, nach 38 Schwimm- und 1.800 Radkilometern noch 422 Kilometer zu laufen, war sehr hart.

Noch anstrengender als das Race Across America, das als das härteste Radrennen der Welt gilt und das Sie als erste Österreicherin gemeistert haben?

Ja, weil man beim Radfahren im Gegensatz zum Laufen nicht die ganze Zeit das Körpergewicht auf den Gelenken hat. Deshalb hätte es mich unheimlich gereizt, heuer in New Orleans den 20-fachen Ultratriathlon in der "Klassik-Variante" zu probieren, also 76 km zu schwimmen, 3.600 km zu radeln und 844 km zu laufen, aber da ist leider die allgemeine Lage, sprich die Corona-Krise, dazwischengekommen.

Alexandra Meixner nach dem 20-fachen "Ironman" beim "Swissultra" 2016 - © Katrin Meier
Alexandra Meixner nach dem 20-fachen "Ironman" beim "Swissultra" 2016 - © Katrin Meier

Was ist Ihre Hauptmotivation, dass Sie sich diesen extremen Herausforderungen stellen?

Ich liebe das Training! Der Wettbewerb ist für mich eigentlich nur die Krönung, um zu sehen, ob ich meinen Körper so gut vorbereitet habe, dass ich an diese Grenze gehen kann. Andere Athletinnen und Athleten trainieren auf ein ganz bestimmtes Ziel hin, ich stecke mir ein Ziel, um zu sehen, fruchtet mein Training?

Es geht Ihnen also in erster Linie um das Ausloten Ihrer Kräfte?

Mich reizen neue Herausforderungen. Für mich steht nicht im Vordergrund, Bestzeiten zu unterbieten, sondern ich will beispielsweise wissen, wie es sich anfühlt, wenn man von der Westküste der Vereinigten Staaten zur Ostküste radelt. Christoph Strasser (sechsfacher Sieger des Race Across America, Anm.) sagte einmal zu mir, dass er sich wundert, wie jemand mit so viel Spaß und "Leichtigkeit" die Strapazen eines solchen Wettbewerbs in Angriff nehmen kann.

Im Vorjahr sind Sie mit dem Fahrrad in neun Tagen und 12 Stunden 4.000 Kilometer von Perth nach Sydney gefahren. Diese Zeit ist beim Race Across Australia nun auch als Weltrekord registriert. Wie viel Zeit blieb da für Schlaf?

Rund eineinhalb Stunden pro Nacht. Der Schlafmangel war letztlich die größte Herausforderung.

Da drängt sich natürlich die Frage auf, wie man das aushält: kaum Schlaf und extreme körperliche Belastungen.

Christoph Strasser formulierte das einmal so: Ein Drittel macht der Kopf, ein Drittel der Körper und ein Drittel das Team - wobei ich glaube, dass das Team manchmal sogar noch mehr dazu beiträgt, zumal es im Laufe des Rennens Phasen gibt, in denen man mental ganz besonders viel Unterstützung benötigt.

Wie viele Frauen gibt es weltweit, die solche extremen Distanzen in Angriff nehmen?

Mit der Zeit werden es mehr. Bei meinem ersten Race Across America waren wir, die es ins Ziel geschafft haben, zu zweit, fünf waren am Start. 2019 starteten sechs Athletinnen und fünf schafften es ins Ziel. Wenn ich gefragt werde, warum ich das mache, beziehungsweise weshalb der Frauenanteil bei diesen Bewerben sehr gering ist, sage ich immer, dass ich nicht besser bin als andere, aber vielleicht ein bisschen mutiger. Und wie gesagt, ohne Betreuung wären all diese Weltrekorde nicht möglich gewesen.

Sie betonen immer wieder, dass auch Ihr Mann eine sehr wichtige Rolle in Ihrem Betreuerteam spielt.

Mein Mann spielt generell in meinem Leben eine ganz tragende Rolle, er ist mein Promoter, mein Mentor, meine seelische Stütze, mein externes Selbstbewusstsein - er ist wirklich alles für mich.

Ist er ebenfalls Extremsportler?

Er ist intermittierender Sportler und wäre extrem gut, würde er auf lange Sicht ein Training konsequent durchziehen. Hauptberuflich arbeitet er als Pfleger und widmet seinen ganzen Urlaub meinen Bewerben.

Alexandra Meixner im Gespräch mit Christine Dobretsberger. - © Robert Wimmer
Alexandra Meixner im Gespräch mit Christine Dobretsberger. - © Robert Wimmer

Waren Sie schon von Kindheit an so sportlich?

Nein, im Grunde habe ich deshalb mit dem Sport begonnen, weil ich aus Liebeskummer innerhalb von sechs Wochen zehn Kilo zugenommen hatte. Damals war ich knapp 30 und habe aus lauter Frust in der Früh fünf Nutellasemmeln gegessen - und in diesem Stil ging es tagsüber weiter. Da ich zu diesem Zeitpunkt dieses übermäßige Verlangen nach Essen nicht abstellen konnte, dachte ich mir, ich versuche so eine Art Einnahmen-Ausgaben-Rechnung, also die Kalorien, die ich zu mir nehme, mit Radfahren und Laufen wegzusporteln.

Und mit der Zeit wurden die Distanzen immer länger...

Das passierte eigentlich durch Zufall. Eines Tages habe ich mich beim Joggen verlaufen und statt meiner üblichen 10-km-Runde wurden es letztlich 20 Kilometer. Als ich das einem Bekannten erzählte, meinte er, das ist ein Halbmarathon, und wer einen Halbmarathon laufen kann, schafft auch einen Marathon. Zwei Wochen später fand der Wachau Marathon statt, ich meldete mich spontan an und es war ein unsagbares Glücksgefühl, als ich ins Ziel kam. Das war der Beginn von allem, richtig extrem wurde es dann ab 2011, als ich meine erste doppelte Ironmandistanz schaffte.

Sie sind hauptberuflich Ärztin und führen eine eigene Praxis als Gynäkologin. Wie lässt sich das Trainingspensum mit Ihrem Beruf vereinbaren?

Als ich die Ordination aufbaute, arbeitete ich extrem viel, 50-70 Stunden pro Woche. Damals war meine Ordination 30 Kilometer von meinem Wohnort entfernt und mein Training hat so ausgesehen, dass ich in die Arbeit geradelt bin und nach der Arbeit wurde die Heimfahrt dann oft so ausgedehnt, damit ich insgesamt auf 100 Trainingskilometer komme. Heute stehe ich meistens um halb fünf in der Früh auf und absolviere einen Teil meines Trainings vor der Arbeit.

Christoph Strasser kann vom Extremsport leben. Wäre das auch für Sie denkbar oder ein Ziel gewesen?

Ich habe eine Zeitlang sehr damit gehadert, dass es nicht gelungen ist, entsprechende Sponsoren zu lukrieren. Beim Race Across America hatte ich allerdings das große Glück, von einem amerikanischen Sponsor unterstützt zu werden, und es gibt auch viele lokale Sponsoren, die sagen, wir möchten unsere Waldviertlerin unterstützen. Dafür bin ich sehr dankbar, aber im Schnitt trage ich rund die Hälfte der anfallenden Wettbewerbskosten selbst.

Als Extremsportlerin hören Sie sicherlich des Öfteren den Satz: Das kann ja nicht gesund sein! Sie sind auch Sportärztin, wie gehen Sie mit dieser Aussage um?

Wenn jemand sagt, so viel Sport kann nicht gesund sein, dann antworte ich, jene acht Wochen im Jahr, in denen ich meine Bewerbe absolviere, ist mir bewusst, dass ich meinem Körper irrsinnig viel abverlange, ja, man könnte sagen, das ist Raubbau am Körper. Aber abgesehen von diesen Wettkampfperioden kümmere ich mich sehr um meine Gesundheit.

"Ich liebe das Training! Der Wettbewerb ist für mich nur die Krönung, umzu sehen, ob ich meinen Körper so gut vorbereitet habe, dass ich an diese Grenze gehen kann." - © Robert Wimmer
"Ich liebe das Training! Der Wettbewerb ist für mich nur die Krönung, umzu sehen, ob ich meinen Körper so gut vorbereitet habe, dass ich an diese Grenze gehen kann." - © Robert Wimmer

Was machen Sie zum Ausgleich?

Ich gehe in die Sauna, mache Krafttraining und Yoga, lasse mich von meiner Schwester nach der Tuina-Praktik (TCM-Heilmassage, Anm.) behandeln und suche auch regelmäßig einen Osteopathen auf, um zu sehen, ob alles im Gleichgewicht ist. Ich weiß, wie viel mein Körper mir gibt - und dass ich ihm auch etwas zurückgeben muss. Ich glaube, das verabsäumen viele Hobbysportler und Hobbysportlerinnen, die neun oder zehn Stunden in der Woche trainieren, aber dem Körper keine Zeit zur Regeneration geben.

Sie sind 49 Jahre alt und topfit, plagten Sie nie Verletzungssorgen?

Als junge Frau hatte ich einen Bandscheibenvorfall, aber seitdem ich trainiere, geht es mir sehr gut. Mein Standardspruch lautet: Es heißt Bewegungsapparat und nicht Ruheapparat. Ich glaube, ich habe deshalb keine Gelenksprobleme, weil ich rundherum eine gute Muskulatur aufgebaut habe. Es gibt für ein Gelenk oder für die Wirbelsäule keinen besseren Schutz oder Stütze als die Muskulatur. Hinzu kommt das Glück, dass ich sehr gute Gene habe. Als mein Vater mit 74 bei einem Verkehrsunfall verstorben ist, war er zu diesem Zeitpunkt kerngesund. Meine Mutter ist jetzt 87 und braucht ebenfalls keine Medikamente.

Wie ernähren Sie sich?

Seit 12 Jahren vegetarisch und seit vier Jahren fast vegan. Auslöser dafür, dass ich kein Fleisch mehr esse, war ein Erlebnis, als ich eines Morgens zeitig in der Früh in die Arbeit geradelt bin und bei uns in der Ortschaft beim Schlachthof vorbeifuhr. Im ersten Moment dachte ich, da schreit ein Kind, dann wurde mir erst klar, dass das die Schweine sind. Dieses Quieken ging mir durch Mark und Bein, und in diesem Moment schwor ich mir: Ich esse nie wieder Fleisch.

Ihr Credo als Ärztin lautet: "Es kommt darauf an, den Körper mit der Seele und die Seele mit dem Körper zu heilen." Mit anderen Worten, Sie verfolgen als Medizinerin einen ganzheitlichen Ansatz?

Dieser Satz von Oscar Wilde gefällt mir insofern so gut, weil es zwischen körperlichem und seelischem Wohlbefinden eine Wechselwirkung gibt. Deshalb finde ich auch die Definition von Gesundheit von der WHO so passend, weil hier ebenfalls die psychischen Faktoren miteinbezogen werden. Meine Erfahrung ist, dass Bewegung wirklich ein gutes Instrument dafür ist, Körper und Geist in Einklang zu bringen.

Wie gingen Sie damit um, dass heuer Corona-bedingt alleTriathlonbewerbe abgesagt werden mussten?

Ich bin in ein ziemlich tiefes Loch gefallen, weil diese Wettbewerbe für mich eine wunderschöne Auszeit sind. Das mag seltsam klingen, aber ich darf in dieser Zeit nur bei mir sein. Es sind die einzigen Wochen im Jahr, in denen ich mich um nichts anderes kümmern muss - alle Alltagssorgen, alle Verpflichtungen fallen weg -, ich bin einzig und allein im Hier und Jetzt und darf einen Schritt oder einen Tritt nach dem anderen machen.

Sich mit Spaß und Leichtigkeit Strapazen stellen: Alexandra Meixner bei einem 24-Stunden- Rennen . . . - © Sportograf
Sich mit Spaß und Leichtigkeit Strapazen stellen: Alexandra Meixner bei einem 24-Stunden- Rennen . . . - © Sportograf

Was war Ihr Ersatz für die Wettbewerbe?

Ich habe mich meines Trainings erfreut und würde am liebsten noch mehr sporteln, damit es mir noch besser geht.

Würden Sie sich als sportsüchtig bezeichnen?

Früher habe ich diese Frage immer bejaht. Mittlerweile ist mir das Wort "Sucht" zu negativ behaftet. Ich würde "süchtig" lieber durch "leidenschaftlich" ersetzen. Das passt für mich besser. Ich bin eine leidenschaftliche Sportlerin und auch bereit dafür zu leiden, soziale Kontakte zurückzustellen oder im Wettkampf Schmerzen zu ertragen.

Zusätzlich zu Ihrer Facharztausbildung als Gynäkologin sind Sie auch Sexualtherapeutin, gibt es dafür einen bestimmten Grund?

Ich wurde als Jugendliche sexuell missbraucht, das war auch der Hauptgrund dafür, weshalb ich unbedingt Gynäkologin werden wollte, weil ich Frauen die Möglichkeit bieten wollte, auf einer Vertrauensbasis auch über solche Erfahrungen sprechen zu können.

Haben Sie damals selbst professionelle Hilfe in Anspruch genommen?

Sieben Jahre später habe ich mich zunächst meiner Schwester anvertraut und kam dann über die Frauenberatung zu einer sehr guten Therapeutin. Muster aus dieser Opferrolle waren aber auch viele Jahre danach immer noch latent vorhanden - und mir wurde klar, dass ich mit der Gynäkologie alleine nicht so weit komme, wie ich wollte, um eine fundierte Beratung anbieten zu können. Um diese Lücke zu schließen, machte ich dann zusätzlich eine sexualtherapeutische Ausbildung.

Glauben Sie, dass der Extremsport ebenfalls ein Verarbeitungsventil für Sie war?

Ich glaube schon, ich habe meinen Körper sehr lange nicht gespürt und der Sport bot mir eine gute Möglichkeit, wieder ein Körperbewusstsein zu entwickeln.

Wie denken Sie über die #MeToo-Bewegung?

Mir tut es irrsinnig weh, dass Sexismus im Alltag immer noch viel zu wenig erkannt wird. Deshalb hat mir die #MeToo-Aktion gefallen, auch wenn sie manchmal zu extrem war. Aber mit diesem Problem war ja auch Alice Schwarzer schon konfrontiert, anders wird man offenbar nicht gehört. Ich denke, letztlich geht es um Feinfühligkeit - und es wäre so wichtig, dass wir in unserer Gesellschaft das Bewusstsein entwickeln, dass ein anderer Mensch andere Grenzen haben kann als ich. Dabei geht es nicht allein um Sexualität, sondern ebenso um viele andere Lebensbereiche. Von daher hat mir die #MeToo-Aktion gefallen, manchmal braucht man das Extreme, um auf etwas aufmerksam zu machen, deswegen ist vielleicht auch mein Sport so extrem, um Frauen zu zeigen: in uns steckt so viel, man muss es sich nur zutrauen.