Hat heuer den Preis der Stadt Wien für Literatur erhalten: Hans Raimund, geb. 1945 (hier im Jahr 2015). - © apa/Edition Lex Liszt 12
Hat heuer den Preis der Stadt Wien für Literatur erhalten: Hans Raimund, geb. 1945 (hier im Jahr 2015). - © apa/Edition Lex Liszt 12

Eigentlich hätte ich auf Seite 25 zu lesen aufhören müssen. Da schreibt Hans Raimund nämlich, dass er keine Bücher von Autoren lese, mit denen er bekannt oder befreundet sei. Im Sinne der Umkehrregel sollte ich als einer aus dieser Kategorie zudringlicher Zeitgenossen demnach schleunigst die Finger von dem Buch lassen, das ein "Porträt des Autors als Leser" verspricht und dieses Versprechen, bis auf die fällige Ergänzung "...und Nichtleser", auch einlöst.

Auf die meisten hier versammelten Aufsätze über halb vergessene, bei uns erst durch ihn bekannt gewordene italienische, französische und angelsächsische Schriftsteller trifft zu, was Konstantin Kaiser über Raimunds früheren Prosaband "Das Raue in mir" (2001) geschrieben hat: "Die Essays zeichnen sich durch große Instruktivität aus, welche bei den Autorinnen und Autoren, die er uns vorstellt, oder bei den spezifischen Aspekten eines Werkes, auf das er eingeht, auch erforderlich scheint. Denn Raimunds Ort ist so wenig der philosophische Gemeinplatz als die Schleppe der Prominenz, an die sich andere hängen."

Das Problem ist freilich, dass Raimunds Rappelköpfigkeit, die ich lange als Selbstschutz vor der anfangs bang, dann geradezu sehnsüchtig erwarteten Enttäuschung über ausgebliebene Freundschaften und Lebensmöglichkeiten gedeutet habe, sich zwischen den Zeilen mit einer jammervollen Selbstgefälligkeit paart, woran auch die Tatsache nichts ändert, dass der Autor sich, scheinbar reumütig, als "grantiger, übertrieben kritischer, auf meine Privatkultur stolzer, in meinen Urteilen arroganter, altersmüder Liebhaber des Buchs und der Literatur" vorstellt.

Zwei Seelen in einer Brust

Er verallgemeinert seine abschätzigen, in vielen Fällen zutreffenden Urteile über Akteure und Mechanismen des sogenannten Literaturbetriebs - insbesondere "die Tätigkeit germanistischer Klüngel" - so sehr, dass sie keinen Erkenntniswert mehr aufweisen, und gibt sich abwechselnd als deren wehrloses Opfer oder stolzen Verächter aus, auf alle Fälle als Einzelgänger, der einerseits eifrig bemüht ist, sein literarisches, gesellschaftliches und finanzielles Außenseitertum zu verkünden, und sich andererseits dagegen verwahrt, als randständiger Autor gewürdigt zu werden.

Diese Mischung aus Wehleidigkeit und Hochmut nimmt gelegentlich komische Züge an, etwa wenn man bei der Lektüre erfährt, dass Raimund zweimal den Rotariern beigetreten ist, ebenso oft auch dem österreichischen PEN-Club, obwohl er beide Vereine mitsamt der Geschäftigkeit ihrer Funktionäre verabscheut und der zeitgenössischen Literatur als Ganzes sein Interesse aufkündigt. Offenbar wohnen - wie bei Goethes Faust - zwei Seelen in seiner Brust: Die eine hält "sich an die Welt mit klammernden Organen;/ die andre hebt gewaltsam sich vom Dust/ zu den Gefilden hoher Ahnen."

Schwer zu verkraften ist Raimunds Hang zu Rundumschlägen vor allem in den Briefen, die er in den Abschnitt "Erregungen" aufgenommen hat. Erstens, weil er den Lesern die entsprechenden Schreiben seiner Adressaten vorenthält und sich damit der Möglichkeit begibt, sie für seinen Standpunkt einzunehmen; und zweitens, weil er in seinen Briefen auch über Dinge räsoniert, die entweder banal oder peinlich sind, es jedenfalls schon aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht verdienen, öffentlich breitgetreten zu werden.

Manchmal wertet Raimund unbedeutende Personen durch ihre bloße Erwähnung auf, dann wieder missachtet er andere, ihm wohlgesonnene, wie in seinem Bericht über ein Dichtertreffen in Lissabon, in dem er "eine mit mir bekannte Lusitanistin" ebenso wie "einen mit ihr befreundeten portugiesischen Germanisten" - nämlich die in Portugal hoch angesehenen Publizisten und Übersetzer Ilse Pollack und João Barrento - durch Anonymisierung dafür bestraft, dass sie seine Teilnahme ermöglicht hatten.

Abzüglich all dieser und noch weiterer Torheiten bietet das Buch eine Menge anregender Aufsätze, an denen sich die von ihm verachteten Literaturapostel tatsächlich ein Beispiel nehmen könnten, etwa an seinen Erläuterungen zu Leben und Werk der Schriftsteller Alois Vogel, Klaus Sandler und Bruno Weinhals, deren Stärken wie Schwächen er mit seinem eigenen Schaffen in Verbindung setzt. Allerdings lässt er sich auch hier nicht vom Grübeln über den ausgebliebenen literarischen "Durchbruch" abhalten - den ihren wie den eigenen -, für den er fragwürdige Gründe konstruiert.

Zum Glück erliegt er in den Essays über die fremdsprachigen Schriftsteller selten der Versuchung, von diesen auf sich selbst und seine behauptete Erfolglosigkeit zu sprechen zu kommen. Umso stärker treten seine Tugenden hervor, die er unter einer dicken Schicht Groll, Ruppigkeit und Indiskretion versteckt hält: seine Entdeckerfreude, seine Begeisterungsfähigkeit, seine Treue zu Autoren, deren Werk ihm wesentlich erscheint, und seine Beständigkeit im Bemühen, sich dieses durch Übersetzen anzueignen und damit deutschsprachigen Leserinnen, Lesern zugänglich zu machen.

Hakel & Gelbard

Er ist darin kein Einzelfall, aber doch einer verschwindend kleinen Minderheit in Österreich zugehörig, vor allem in der Doppel- und Dreifachrolle als Autor, Übersetzer und Vermittler: Denn Raimund arbeitet nie, oder fast nie, auf Auftrag, was bedeutet, dass es ihm überlassen bleibt, für die von ihm entdeckten und geachteten Lyriker einen Verlag zu finden. Wie es einem dabei ergeht und was man dabei erlebt, an Geringschätzung, Desinteresse, Schlamperei, beschreibt er detail- und kenntnisreich in einem Aufsatz über den Triestiner Dichter Virgilio Giotti, "Übersetzen und Veröffentlichen fremdsprachiger Lyrik".

Andere Kolleginnen und Kollegen erzählen vertraulich zwar oft von ihren niederschmetternden Erfahrungen mit österreichischen Kleinverlagen (kein Vertrag, kein Honorar, keine Werbung, kein Verkauf, kein Echo), schrecken aber davor zurück, sie auch publik zu machen. Die Schwachstellen der staatlichen Verlagsförderung lassen sich bei Raimund nachlesen; es ist nicht anzunehmen, dass jemand aus der Jury, die über die Vergabe der Mittel entscheidet, oder der Ministerialbürokratie je Interesse dafür aufbringen wird.

Höchste Aufmerksamkeit verdienen zwei, eigentlich drei Aufzeichnungen über den Literaten und Zeitschriftenherausgeber ("Lynkeus") Hermann Hakel sowie den Kaufmann und zeitweiligen Redakteur Rudolf Gelbard. Hakel war vor dem Naziregime nach Italien geflüchtet, Gelbard als Kind nach Theresienstadt deportiert worden. Beide Männer haben Raimund, in unterschiedlichem Ausmaß und verschiedenen Zusammenhängen, bis an ihr Lebensende beschäftigt.

Rudolf Gelbard (1930-2018) - © Christian Michelides, CC BY-SA 4.0
Rudolf Gelbard (1930-2018) - © Christian Michelides, CC BY-SA 4.0

Nur von Gelbard hat er sich sagen lassen - und diese Äußerung auch unwidersprochen mitgeteilt -, dass er als Schriftsteller so schlecht nun auch nicht gefahren sei, bei den vielen Preisen und Auszeichnungen, die er im Lauf der Jahre erhalten habe, und er lässt aus Gelbards Perspektive zum ersten und einzigen Mal auf den knapp 300 Buchseiten so etwas wie Zufriedenheit mit sich selbst erkennen, dem Sohn eines Nazis, aus dem "wider alles Erwarten kein Antisemit geworden war, sondern ein ganz im Gegenteil in aperter Opposition zum Vater stehender, aufmerksamer Beobachter der gegenwärtigen politischen und weltanschaulichen Szene, der sich nicht scheute, ‚den Mund aufzumachen‘ - auch wenn es nicht opportun war".

Hermann Hakel war, Raimunds Worten zufolge, sein geistiger Ziehvater und als solcher denkbar schlecht gewählt. Hakel hatte nämlich die Angewohnheit, seine Jünger - die er häufig unter schuldgeplagten Nazikindern gewann - durch Besserwisserei in ihrer künstlerischen Entfaltung zu hemmen. Mir leuchtet der Standpunkt des Malers Rudolf Schönwald ein, der Hakel nicht ungern, aber aus gehöriger Entfernung beobachtet hat, dass man angehende Schriftsteller erst einmal alles ausprobieren lassen müsse; Hakel jedoch habe immer schon zu wissen geglaubt, was alles zu nichts führe, und seine Schützlinge mit dieser Gewissheit entmutigt.

Die schönsten Stellen im Buch stehen ganz hinten, im Kapitel "Orte": lapidare Notizen von einer Dorfbegehung im Kanton Graubünden, in der Manier des genialen Schriftstellers George Perec;eine Erinnerungscollage an Raimunds Geburtsort Petzelsdorf im niederösterreichischen Mostviertel; eine Abfolge von "Schlaglichtern" auf seinen langjährigen Wiener Wohnbezirk Alsergrund. Nach dem Prinzip der assoziativen Reihung stellt der Autor in einer Art Doppelbelichtung sowohl sich selbst als auch das von ihm Gesehene, Erinnerte zur Schau, ohne Willen zur Beschönigung und, endlich, auch ohne Seitenhiebe und Ressentiments.

Auf die nach topografischen Mustern angelegten Prosastücke stimmt ein Vortrag ein, den Raimund bei einer Tagung über Dichtung und Dichter der Alpe-Adria-Region in Caorle gehalten hat. Da-rin widerspricht er für seine Person der geläufigen Auffassung vom Grenzgängertum der Literatur, die so lange in die europäischen Intellektuellenköpfe getrichtert wurde, bis diese anfingen, sie bei jedem passenden oder unpassenden Anlass auszuspucken.

Kein Grenzgänger

Raimund hat sein halbes Leben in Grenznähe verbracht, dreizehn Jahre in Duino bei Triest, seit 1997 in einem burgenländischen Dorf. Trotzdem, oder gerade deshalb, sieht er sich nicht als Grenzgänger, der zwischen den Kulturen und Sprachen pendelt, vielmehr als einen "freiwillig an einem fremden Ort seiner Wahl Bleibenden, Sich-Niederlassenden, der sich auf das ‚Fremde‘ dieses Orts freudig einlässt, mit der Absicht, es sich zu eigen zu machen".

Mit dieser Selbstbeschreibung hebt sich der Autor nicht nur von den Adepten des modischen Nomadentums ab - modisch in der Kunst; überall sonst werden Umherziehende, wenn sie arm und auf der Flucht sind, angehalten, zurückgewiesen, ausgesetzt -, sondern öffnet auch den Weg zu einem durch die Niederlage oder Selbstaufgabe der Arbeiterbewegung verloren gegangenen Internationalismus. Einem gedämpften, vorsichtigen sozusagen, der weniger auf Verständigung als auf Annäherung durch Übersetzen baut und das Fremde fremd sein lässt.

Er wäre nicht Raimund, würde er am Ende seiner Überlegungen nicht allen Leuten, die in oder mit mehreren Sprachen zu leben glauben, eine "Verwirrung der Gefühle und Gedanken" und Schlimmeres attestieren. Karl-Markus Gauß hat darauf hingewiesen, dass bei Hans Raimund niemand ungeschoren davonkommt, schon gar nicht er selbst. Einzige Ausnahme sei seine Frau Franziska, für die er nur gute Worte finde. So auch in diesem Buch, das ihr gewidmet ist. Geduldig will ich auf das nächste warten, in dem Raimund sich hoffentlich von der Vorstellung befreit haben wird, dass alle Gemeinheiten, welche die literarische Welt produziert, immer bloß ihn treffen.