"Wiener Zeitung": Wie geht es den Kindern in dieser Krise?

Martina Leibovici-Mühlberger: Die Schere geht auf. Kinder, die ein förderndes, auf ihre Bedürfnisse zentriertes Umfeld haben, die haben vielleicht sogar eine Fördersituation. Alle anderen leiden. Die Schere geht nicht nur beim Wissen auseinander, sondern auch in der Motivation und dem Verständnis, wie man eigentlich lernt. Neulich habe ich mit einer Bäckereimitarbeiterin gesprochen, die um drei Uhr Früh zu arbeiten beginnt. Wenn sie nach Hause kommt, kann sie ihren Sohn, der in die erste Klasse geht, nicht mehr zum Arbeiten motivieren. Früher hieß es, die Erstklässler können bis Weihnachten lesen - davon sei er weit entfernt. Das Kind hat keinen Klassenverband, keine Förderung, keine Hilfe. Da gibt es ganz viel Frust und stilles Leid. Die Kinder - und die Pädagoginnen und Pädagogen - können sich kein Gehör verschaffen.

Was das Soziale betrifft, ist es für alle Kinder eine Katastrophe. Da passiert also weitaus Schlimmeres als nur der Ausfall fast eines ganzen Schuljahres. Schön langsam kriegt man Angst.

Kinder haben ein anderes Zeitverständnis als Erwachsene. Wie wirkt sich die Isolation aus?

Vierjährige Kinder haben jetzt ein Viertel ihres Lebens in dieser neuen Normalität verbracht. Sie lernen: Lass niemanden an dich ran, geh nur auf die Rutsche, wenn niemand in der Nähe ist, und - um Gottes willen - umarme niemanden! Wir geben ihnen antisoziale Weisungen. Das widerspricht den angeborenen lebendigen Bedürfnissen der Kinder als Vertreter der Spezies Homo sapiens, die eigentlich radikal sozial ist. Wir brauchen den Kontakt für unser Überleben! Ursprünglich waren wir in der Mitte der Nahrungskette angesiedelt und konnten uns nur durch Gemeinschaft zu deren Spitze hocharbeiten. Wenn wir den Kindern dieses Grundprogramm abtrainieren, hat das katastrophale Folgen.

Welche?

Forschende der Künstlichen Intelligenz sagen, die KI wird nie an den Menschen heranreichen, weil der Lebendige Bedürfnisse hat, die sich in Gefühlen ausdrücken. Das sozialisieren wir gerade weg. Wir züchten eine Generation, die sich dem Maschinensein annähert. Wenn wir das noch lange durchziehen, wird das im Kopf vieler junger Menschen zur Realität. Die neue Erwachsenengeneration könnte ein ganz anderes Verhalten, ganz andere Werte und Einschätzungen zeigen. Sie könnten nach einem stark utilitaristischen, nur der Nützlichkeit und der Rationalität verpflichteten Denk- und Empfindungsschema vorgehen. Das könnte zu einer schrecklichen Dehumanisierung oder Transhumanisierung führen: Ein Mensch, der den Staat nur noch kostet, müsste weg.

Sie sind Mitautorin der Studie "Junge Österreicher 2021". Wie geht es den Jugendlichen?

Ein Drittel der jungen Menschen ist als demotiviert zu betrachten. Sie gehen davon aus, schlechte Zukunftsaussichten zu haben. Sie geben auf, bevor ihr Leben überhaupt begonnen hat. Neulich habe ich mit einem Politiker diskutiert. Er war sich gar nicht bewusst, wie schwierig die Situation für viele ist. Erst jetzt fiel ihm auf, dass es seine eigene 18-jährige Tochter betrifft, die immer Bühnenbild studieren wollte. Sie wird jetzt als Kellnerin arbeiten, weil sie in nächster Zeit kein Praktikum bekommt. Viele Jugendliche geben ihre Träume auf und verlieren jede Hoffnung. Der arbeitslose Sohn einer Patientin von mir sitzt den ganzen Tag vor Computerspielen, um "es nicht so zu spüren". Viele resignieren und werden depressiv.

Unsere Gesellschaft zeigt wenig Empathie für die Jungen. Oft heißt es: Stellt euch nicht so an, eure Großeltern - oder Urgroßeltern - haben weitaus Schlimmeres erlebt.

Ich bin selbst sechzig Jahre alt. Mein Vater war im Krieg und schwersttraumatisiert. Eine ganze Generation war vom Weltkrieg geprägt. Daran haben sich furchtbare Schicksale geknüpft, welche die Nachfolgegenerationen aufarbeiten mussten. Man kann heute nicht sagen: Die waren traumatisiert und haben es super gemacht. Diese Dramen hatten Auswirkungen, die für viele heutige Probleme verantwortlich sind. Wir sollten aus unseren Fehlern lernen. Und vor allem sollten wir nicht sagen: Weil ich Übel erlebt habe, gebührt es dir auch. Gerade weil wir wissen, wie sich Traumata auf den Einzelnen und die Gesamtgesellschaft auswirken, müssen wir ganz genau hinschauen!

Was raten Sie Eltern?

Jetzt ist die Familie ganz massiv gefordert. Ich gebe immer wieder kostenlose Webinare für Eltern, weil ich ihnen Mut machen möchte. Oft bringt es schon etwas, das individuelle Leid zu teilen und zu sehen: Anderen geht es auch so. Viele verfallen in eine Schockstarre. Das ist eine normale Reaktion, wenn uns Dinge überfordern: Wir kugeln uns ein und stellen uns tot. Deshalb ist es besonders wichtig, dass Medien - wie Sie gerade - diese Themen immer wieder aufgreifen. Eltern müssen jetzt Gemeinschaftsgefühl kommunizieren: Wir kämpfen zusammen, wir stehen das durch, wir glauben an uns und an die Zukunft. Und: Wir stehen hinter dir.

Bei Jugendlichen kann das die Familie nicht allein leisten, weil die dazu programmiert sind, sich von der Familie zu lösen und ein eigenes Leben anzufangen. Der junge Mensch hat zwei große Themen: erstens die Autonomie und das Ablösen von der Familie; zweitens das Sich-Bewähren und Agieren in der eigenen Altersgruppe: Wie behaupte ich mich? Wie gehe ich mit anderen um? Was kann ich bewirken? Das ist das Trockendock, wo junge Menschen üben, wie sie sich später in der Erwachsenenwelt bewegen können. Dieses Training fehlt ihnen! Ich fordere - gemeinsam mit Kollegen - ein "Corona-Stipendium", das jungen Menschen ermöglicht, sich aktiv einzubringen, zum Beispiel in sozialen Einrichtungen. Es wäre so wichtig, dass Junge ihre eigenen Kompetenzen kennenlernen.

"Viele verfallen in eine Schockstarre. Das ist eine normale Reaktion, wenn uns Dinge überfordern..." - © Lukas Beck
"Viele verfallen in eine Schockstarre. Das ist eine normale Reaktion, wenn uns Dinge überfordern..." - © Lukas Beck

Was passiert, wenn das nicht möglich ist?

Dann verzögert sich die Entwicklung und wir haben die typischen Nesthocker, die gar nicht rauswollen in die Welt und lieber im Mutterschiff bleiben. Hinter Verantwortungsverweigerung steckt immer ein massiver Mangel an Selbstwertgefühl. Wer nicht an sich glaubt, schafft auch nichts. Das ist die bekannte selbsterfüllende Prophezeiung.

In Ihren Erziehungsratgebern betonen Sie immer wieder den Unterschied zwischen Wünschen und Bedürfnissen. Missverstehen viele die eigentlich sehr positive "bedürfnisorientierte Erziehung"?

Ja, absolut! Viele Eltern zersprageln sich dabei, die Wünsche ihrer Kinder zu erfüllen. Irgendwann merken sie, dass sie damit keinen glücklichen, selbstwirksamen Organismus erziehen.

Wünsche sind meistens materielle Anliegen. Bedürfnisse sind vitale Anliegen, deren Nichterfüllung dem Kind schadet. Wenn ich beispielsweise sein Bedürfnis nach Nähe nicht ausreichend befriedige, weil ich zu viele Überstunden mache, um ihm die neueste Spielekonsole zu kaufen, dann wird dieses Kind leiden.

Mit dem Konsumismus gehen Sie hart ins Gericht. Sie schreiben, wir sängen den Kindern das "Konsumentenlied einer Spaßgesellschaft" vor, um sie später völlig unvorbereitet in die harte Realität der Steigerungsgesellschaft zu entlassen. Was läuft schief?

Die Kinder sind nicht glücklich, sondern sie haben Spaß! Das ist etwas grundsätzlich anderes. Bei echter Freude gibt es immer die Komponente der echten, eigenen Mitwirkung. Viele Eltern sind unsicher und erleben es als defizitär, wenn sie den Konsumwünschen ihrer Kinder nicht entsprechen. Man braucht Selbstbewusstsein, um die wahren Bedürfnisse hinter den Wünschen zu erkennen. Eigentlich ist es ganz einfach: In der Maslowschen Bedürfnispyramide haben sie als elementare Bedürfnisse: Wasser, Nahrung, Schlaf und ein Dach über dem Kopf. Von einer Spielekonsole oder einer Fahrt nach Disneyland oder auf die Malediven steht dort nichts.

Sie betonen, dass Eltern den Mut haben müssen, sich unbeliebt zu machen und "unchillig" zu sein. Eltern sollen Ihrer Meinung nach nicht autoritär erziehen, aber eine Autorität darstellen. Was ist der Unterschied?

Gerade jetzt im Homeschooling muss ich Autorität zeigen. Ich muss als Vater oder Mutter unerschütterlich sein - trotz Corona - und den Kurs festlegen. Es gibt einen Unterschied zwischen Stärke und Macht. Macht ist immer eine Abkürzung, eine Rolle. Macht ist autoritär. Stärke begründet sich aus der Kompetenz: Du kannst dich auf mich verlassen! Ich kann zu meinem Kind sagen: Ich weiß, es zipft dich an, dass du diese Übung machen musst, aber die Division sitzt noch nicht. Dass du es machen musst, ist nicht verhandelbar. Wie kann ich dir helfen? Wenn wir den Kindern Kompetenz geben, fördert das ihre Bereitschaft, etwas umsetzen zu wollen.

Sie haben selbst vier Kinder. Was hätten Sie gern früher gewusst?

Als Mutter war für mich der Umgang mit den modernen Medien ein großes Thema. Meine Mutter ist selbst Pädagogin und konnte mir nichts raten, weil es das zu ihrer Zeit nicht gab. Als ich noch ein Kind war, hat sie mich von draußen reingerufen, wenn Fury oder Lassie kam, und aufgepasst, dass wir es ja nicht verpassen! Eine Fernsehsendung war ein Ereignis, ein Fest, zu dem wir alle Nachbarskinder eingeladen haben. Später gab es keine Hilfe für Eltern, wie wir mit dem neuen Medium Computer umgehen sollen. Es war Learning by doing. Als Mutter habe ich mich sehr allein gelassen gefühlt. Heute erleben wir das Gleiche mit den Auswirkungen des Lockdowns. Es ist noch unklar, was die Situation mit den Kindern macht und wie die Eltern am besten damit umgehen können. Alles findet verborgen statt, im Kreis der Kleinfamilie.

Trotzdem gewinnen Sie der Krise auch Positives ab, wie Sie in Ihrem jüngsten Buch "Startklar" schreiben: Sie zwingt uns, neue Wege zu finden.

Absolut. Wir sehen jetzt, dass das egoistische Gen und der Raubtierkapitalismus nur Denkfiguren sind, die aus dem Merkantilismus entstanden sind. Wir wissen aus unserer Geschichte, dass der Mensch grundsätzlich kooperativ und auch altruistisch ist! Wir brauchen eine Werterevolution. Ein neuer Menschentyp muss die Welt erobern: der Homo sapiens socialis. Die Hirnforschung liefert die entsprechenden Forschungsergebnisse dazu. Der soziale Zusammenhalt ist das Um und Auf!

Was heißt das konkret?

Statt einem egoistischen brauchen wir einen sozialen Individualismus: Jeder muss das Beste aus sich machen dürfen, aber bitte mit einer sozialen und ökologischen Grundhaltung. Wir brauchen positive Gemeinschaftserlebnisse: Nichts tut so gut wie festzustellen, dass man gebraucht wird.