"Wiener Zeitung": Einschlägige Stellen berichten, dass die Zahl an Polizeieinsätzen aufgrund von Zwischenfällen mit Menschen, die spontan psychotisch wurden, in den letzten Monaten gestiegen ist. Deckt sich das mit Ihrer Wahrnehmung?

Michaela Nowak: Ich kann mir vorstellen, dass es viele Menschen gibt, die spontan "psychotisch" geworden sind. Das erlaubt die Interpretation, dass jeder psychosefähig ist und dass "Psychose" als eine Bewältigungsstrategie aus einem Dilemma oder einer Enge heraus gedeutet werden kann.

Klaudia Gehmacher: Was unsere Klienten betrifft, die meistens schon eine längere Geschichte mit sich tragen, hat es uns erstaunt, dass zumindest während des ersten Lockdowns auch eine Entlastung zu bemerken war. Die Stadt war stiller, das Treiben beruhigt, alle Menschen mussten zu Hause bleiben, man war plötzlich ein Teil vom Ganzen und nicht mehr jenseits der Gesellschaft. Viele unserer Klienten erhalten eine Berufsunfähigkeitspension und müssen nicht um ihr finanzielles Auskommen fürchten, nicht mehr als sonst auch. Für viele hat sich nicht so viel geändert. Da sie auch eher wenig bis keine Sozialkontakte haben, ist die Sorge einer Ansteckung auch nicht übermäßig hoch.

Die beiden "Windhorse"-Betreuerinnen im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbiterin Dagmar Weidinger. - © Markus Ladstaetter, lama@lama.at
Die beiden "Windhorse"-Betreuerinnen im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbiterin Dagmar Weidinger. - © Markus Ladstaetter, lama@lama.at

Sie haben gesagt, dass jeder Mensch psychosefähig ist. Wie sieht denn die "Windhorse"-Definition von Psychosen aus?

Nowak: Wir sehen eine Psychose nicht als eine Krankheit, sondern als eine Bewusstseinsveränderung, die auch nur wenige Momente andauern kann. Der Windhorse-Begründer Edward M. Podvoll sprach daher vom "zweiten Zustand". Viele Menschen kennen diese Momente, etwa im Verliebtheitszustand oder im Vollrausch oder auch wenn man zu wenig geschlafen hat. Dauert dieser Zustand jedoch immer länger, so fühlt sich das Ganze an wie ein Verglühen. Das Gefühl wird immer tiefer, ein Mensch kann sich nicht mehr als abgegrenzt gegenüber anderen erleben. Dies wiederum ist so anstrengend für den Organismus, dass er irgendetwas tun muss, um das über Wochen und Monate auszuhalten. Die Schizophrenie ist eine Form, die der Mensch findet, um diese schwierige Situation zu überstehen. Vergleichbar mit einem Stützgerüst oder auch mit Krücken.

Gehmacher: Psychosen, wie Podvoll sie definiert, haben immer auch mit Desynchronisation zu tun. Wir schauen immer auf die Ebenen von Körper, Sprache und Geist. Desynchronisation passiert, wenn diese Ebenen nicht mehr zusammenstimmen. Da uns von Natur aus Synchronizität gegeben ist, bedeutet das also auch immer ein wenig Gewalt gegen sich selbst, diese aufzulösen. Das passiert etwa, wenn der Geist dem Körper sagt: Du darfst jetzt nicht müde sein.

Michaela Nowak: "Wir sehen eine Psychose nicht als eine Krankheit, sondern als eine Bewusstseinsveränderung, die auch nur wenige Momente andauern kann." - © Markus Ladstaetter;lama@lama.at;
Michaela Nowak: "Wir sehen eine Psychose nicht als eine Krankheit, sondern als eine Bewusstseinsveränderung, die auch nur wenige Momente andauern kann." - © Markus Ladstaetter;lama@lama.at;

Was steht hinter dieser Art von gewaltsamer Trennung, wie Sie es nennen?

Nowak: Die Motivation für eine derartige Trennung ist das Nicht-Wahrhaben-Wollen einer gewissen Realität, in der sich eine Person befindet. Wenn ich gesund bin und synchron, kann ich akzeptieren und aushalten. Ich kann mir denken: Aha, meine momentane Lebenssituation ist schmerzhaft oder eng, widersprüchlich oder kann nicht aufgelöst werden. Wir sind uns häufig gar nicht dessen bewusst, wie schwer Unsicherheit zu ertragen ist. In diesem Moment beginnt man herumzumanipulieren, ohne abzusehen, dass das zum Selbstläufer wird und eine eigene Dynamik aufnimmt, der man dann nicht mehr gewachsen ist.

Kommen wir in die Praxis: Nehmen wir an, ich erlebe einen Schicksalsschlag, etwa den Tod eines nahestehenden Angehörigen, was mich überfordert. Sie sagen, dass es sein könnte, dass ich dann selbst beginne, meinen Geist von meinem Körper zu trennen, um diese für mich in dem Moment nicht erträgliche Realität nicht wahrhaben zu müssen...

Gehmacher: Ja, so könnte man es sagen. Mir fällt das Beispiel einer älteren Dame ein, die ihr Leben lang sehr ängstlich war. Ihre Ängste waren jedoch nie ein Problem, da sie in einem sehr behüteten Familienumfeld mit ihrem Mann und ihrem Sohn lebte. Als dann ihr Sohn als Erwachsener auszog und unglücklicherweise kurz darauf ihr Mann verstarb, war das offenbar zu viel für sie. Ihre Ängste wuchsen sich zu Panikattacken aus, sodass sie in die Psychiatrie kam. Dort jedoch geschah ein interessanter Umschwung; ihre Ängste verschwanden, stattdessen schien sie immer wieder sehr abwesend zu sein.

Als sie wieder entlassen wurde, tat sie zu Hause bizarre Dinge. Sie stand zum Beispiel jeden Tag mehrere Stunden in ihrer wunderschönen Kombinage draußen auf der Straße und roch an den Rosen im Vorgarten. Man konnte nicht sagen, dass es ihr schlecht ging, aber sie war offensichtlich in einem anderen Zustand. Und Gottseidank gab es umsichtige Nachbarn, die immer wieder zu ihr sagten: "Frau XY, Sie sind ja noch gar nicht angezogen", wenn es kalt war, und sie ins Haus zurückbegleiteten. Es gibt eine Tendenz der Umgebung, Bewältigungsmechanismen liebevoll wahrzunehmen.

Nowak: ...ja, wenn die Ausformung so freundlich ist.

Gehmacher: ...aber sogar bei den aggressiven Ausformungen reagieren die Betroffenen äußerst besänftigt und beruhigt, wenn man sie gütig betrachtet. Wenn man ihnen nicht ausredet, was sie denken, sondern versucht dahinterzublicken und versteht, dass es sich um ein Gerüst handelt. Das bedeutet nicht, dass man es auf ewig stützen sollte, aber es holt die Person ab.

Als Windhorse-Betreuerinnen sehen Sie wohl auch dort die Bewältigungsstrategie, wo Angehörige vermutlich nur die Anstrengung sehen...

Gehmacher: ...oder auch das Erschreckende oder Beschämende. Man erlebt ja einen massiven Verlust. Auf einmal gibt es die Person, die man kennt und geliebt hat, so nicht mehr, oder sie verhält sich zumindest ganz anders. Angehörige sind wichtig, da sie einen starken inneren Radar haben. Sie spüren oft viel genauer und früher ein Wiederaufkommen von psychotischen Zuständen.

Nowak: Das heißt, zuerst muss eine Beziehung geknüpft werden, um irgendetwas zu bewirken. Für die Angehörigen ist das manchmal nur noch schwer möglich, da sie derart belastet sind. Oft braucht es außerdem einen frischen Blick von außen.

Der Begründer der Windhorse-Idee, Edward M. Podvoll, beschreibt als nächsten Schritt das Erkennen von "Inseln der Klarheit". Was meint er damit?

Nowak: Von außen betrachtet, tun wir Windhorse-Betreuer nicht sehr viel anderes als andere Assistenzdienste: Wir kochen mit den Klienten, gehen mit ihnen einkaufen, räumen auf. Es geht also um die innere Haltung, die zählt, und unsere Methode, die Dinge im richtigen Moment wahrzunehmen und anzusprechen.

Gehmacher: "Inseln der Klarheit" zu erkennen ist Teil der Methode. Klarheit taucht auch in den stärksten psychotischen Zuständen auf. Es gilt, sie gemeinsam mit dem Klienten aufzuspüren und zu fördern. Ziel ist es, diese Momente immer weiter auszudehnen.

Könnte man also sagen, dass es die achtsame Beziehung ist, die letztlich "heilt"?

Nowak: Ja, denn sie lädt zur Heilung ein. Diese muss vom Klienten ausgehen. Wir können nur gute Bedingungen zu Verfügung stellen. Achte ich gut auf mich, so ist das immer etwas, das auch das Gesundheitspotential des anderen stärkt.

Wie kann man sich das in der Praxis vorstellen?

Nowak: Wenn ich die Wohnung eines Klienten betrete, versuche ich immer, meine Gedanken bewusst wahrzunehmen. Das kann sein: "Oh Gott, hier schaut’s aus, hier sollte man zusammenräumen." Ich sehe das dann bewusst als meine Agenda und nicht unbedingt als die meines Gegenübers. Ich folge keinem Fahrplan, sondern schaue, was die Beziehung bringt. Alles spielt sich innen ab. Für mich ist daher "präsent sein" das Allerwichtigste. Und mein Zugang ist das "Nicht-Wissen".

Sie räumen also nicht gemeinsam auf?

Nowak: Manchmal schon. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Klienten, der mich bat, gemeinsam den Keller aufzuräumen. Dort stieß ich auf eine Unmenge an sensationell aufgetürmten Dingen. Es war allerdings sofort klar, dass er nichts weggeben wollte, da man alles noch brauchen könnte. In dem Moment ging es für mich darum zu erkennen, in welcher Logik er die Dinge tut, bzw. was für ihn wichtig ist und was ihn stresst. Wir kamen dann in einen Zustand, der mich an Kinderspiele erinnerte. Wir bauten aus halb vermoderten Brettern ein Regal; ich alleine würde das nie machen. Indem ich mich aber auf seine Welt einließ, machte das für mich Sinn. Wir spürten beide unsere Freude am gemeinsamen Tun und die gute Stimmung dabei. Meine Präsenz wirkte so positiv auf diesen Mann, dass er begann, sich selbst mehr zu spüren. Normalerweise fiel er in der Betreuung durch seine Rastlosigkeit auf. Und es war zumeist sehr schwer für ihn, Dinge zu beenden. Obwohl er das Regal eigentlich fertig machen wollte, sagte er auf einmal ganz von selbst: "Ich bin müde, hören wir auf." Sein Körper, sein Geist, seine Gefühle sagten ihm: "Jetzt ist es gut." Das bringt Klarheit und war ein Riesenschritt für ihn, den man als Betreuungsperson sehen muss.

Können Ihre Klientinnen und Klienten nach vielen kleinen und großen Schritten eigentlich irgendwann Psychose-frei leben?

Gehmacher: Menschen haben am Ende eines Windhorse-Projektes idealerweise so etwas wie eine innere Landkarte entwickelt. Ihr Organismus führt sie möglicherweise wieder in psychotische Zustände, wenn sie sich zu vielen Reizen aussetzen, zu viel arbeiten oder zu wenig schlafen, aber sie erkennen, was war, bevor die Psychose begann. Sie sind also geschult darin, auf sich zu achten und sich rechtzeitig Hilfe zu holen.

Klaudia Gehmacher: "Menschen haben am Ende eines Windhorse-Projektes idealerweise so etwas wie eine innere Landkarte entwickelt. Sie sind also geschult darin, auf sich zu achten und sich rechtzeitig Hilfe zu holen." - © Markus Ladstaetter;lama@lama.at;
Klaudia Gehmacher: "Menschen haben am Ende eines Windhorse-Projektes idealerweise so etwas wie eine innere Landkarte entwickelt. Sie sind also geschult darin, auf sich zu achten und sich rechtzeitig Hilfe zu holen." - © Markus Ladstaetter;lama@lama.at;

Ich frage mich, wie "geschult" man tatsächlich sein kann, wenn man Psychose-anfällig ist. Erst jüngst hat mir die Psychotherapeutin, Buchautorin und selbst Psychose-Betroffene Verena Kammerer erzählt, dass sie über viele Jahre symptomfrei leben konnte, indem sie immer rechtzeitig, wenn sie das Heraufziehen einer Psychose spürte, die Arbeit zurückschraubte und ihre Medikamente höher dosierte. Als ihre Tochter von zu Hause auszog und ihr Partner sie verließ, war sie dennoch innerhalb weniger Tage in einem psychotischen Zustand, der für sie schlimmer und tiefer war als je zuvor. Sie glaubte nicht mehr daran, diese Phase zu überleben...

Nowak: Das ist leider so. Man ist nie auf der sicheren Seite, aber es gibt Anhaltspunkte...

Gehmacher: Für viele Betroffene werden Freunde zum wichtigen Bestandteil der inneren Landkarte. Man kann sie fragen: "Bin ich wieder komisch?" Ein Warnzeichen ist auch, dass man plötzlich wieder sehr fasziniert von etwas wird. In Finnland wird übrigens seit einiger Zeit der sogenannte "Open Dialogue" mit großem Erfolg durchgeführt. Nach einer Ersterkrankung wird versucht, alle verfügbaren Menschen im Umfeld eines Psychose-Erkrankten an einen Tisch zu bekommen und gemeinsam über Unterstützungsmöglichkeiten nachzudenken. Der Aufbau eines derartigen Netzwerks führte dazu, dass rund 80 Prozent der Betroffenen keine psychotischen Rückfälle mehr hatten.

Wie kommt es konkret zur Aufnahme eines Windhorse-Projekts?

Nowak: Der erste Schritt ist ein Informationsgespräch von rund einer Stunde mit einer Kollegin und einem Peer, sprich einer ehemals betroffenen Person.

Gehmacher: Eine der Voraussetzungen ist, dass die betroffene Person selbst kommt und Hilfe sucht.

Das stelle ich mir sehr schwer vor, wo doch gerade bei Psychosen die Krankheitseinsicht ein schwieriges Thema ist. Ich nehme an, dieser Begriff wird Ihnen wenig gefallen...?

Nowak:In der Tat sprechen wir davon eher nicht. (lacht) Die Einsicht in eine Diagnose muss bei uns nicht sein. Es reicht die Erkenntnis: Ich brauche etwas. Es kann auch sein, dass jemand sagt: Man sagt zu mir, ich sei psychotisch/schizophren. Wir betreuen Menschen, die Assistenz in ihrem Alltag suchen, und wir fangen da an, wo wir einen Funken spüren.

Gehmacher: Jedes Projekt wird auch immer nur für ein Jahr abgeschlossen. Am Ende gibt es eine Evaluation. Momentan betreut Windhorse Wien 25 Klientinnen und Klienten, in Kooperation mit Angehörigen, Psychotherapeuten und Psychiatern. Leider haben wir eine lange Warteliste. Unsere Arbeit ist ja auch sehr personalintensiv. Die Basisbetreuung übernehmen wir immer zu zweit. Je nach Bedarf erhalten Klienten ein- bis drei dreistündige Basisbegleitungen pro Woche. Die durchschnittliche Projektdauer beträgt drei bis vier Jahre.

Gibt es denn auch Kontraindikationen für eine Windhorse-Arbeit? Wem würden Sie von dieser Betreuungsform abraten?

Nowak: Zu Beginn entscheidet immer ein Gespräch mit einem Windhorse-Psychiater, ob unsere Form der Betreuung für eine Person passt. In letzter Zeit kommen gehäuft Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen zu uns. Wir betreuen auch diese Personen gerne, wenn wir das Gefühl haben, dass diese Form für sie passt, was nicht immer der Fall ist.

Zum Schluss würde mich noch interessieren, wie man Windhorse-Betreuerin wird. Ich nehme an, Fachwissen alleine wird nicht ausreichen?

Gehmacher:Leute, die bei uns zu arbeiten beginnen, haben entweder eine psychosoziale Grundausbildung oder kommen aus dem Bereich der Meditation. Wir erzeugen ein Feld, in dem man einander sieht, und das wirkt. Und wir schulen unsere Mitarbeiter gut für die Basisbegleitung, denn es macht einen großen Unterschied, wie man in den Dienst hineingeht: Ob man einem Menschen einfach nur hilft weiterzuleben oder ob Schritte in Richtung Synchronisation geschehen.

- © Markus Ladstaetter, lama@lama.at
© Markus Ladstaetter, lama@lama.at

Meditieren Sie gemeinsam im Team?

Nowak: Ja, Achtsamkeit ist selbstverständlicher Teil von Ausbildung und Beruf. Man muss mit sich selbst arbeiten und das Interesse haben, sowohl die Desynchronisation als auch die Inseln der Klarheit bei sich selbst zu entdecken.