"Wiener Zeitung": Herr Dangl, Ihr erstes Prosawerk, "Rampenflucht", wirft einen ziemlich desillusionierenden Blick hinter die Theaterkulissen. Hätte ich jemals mit dem Gedanken gespielt, Schauspielerin zu werden, hätte ich spätestens nach der Lektüre dieses Buches die Finger davon gelassen. Warum haben Sie es geschrieben?

Michael Dangl: Das kam so: Ich habe in den Kammerspielen die Figur des Stefan Kowalsky im Stück "Butterbrot" von Gabriel Barylli gespielt. Dieser Kowalsky ist ein Schauspieler, der ebenfalls schreibt und in seinem Berufsleben an einem Punkt angelangt ist, wo er genug vom Theater hat. In der verzweifelten und aggressiven Stimmung des Kowalsky war damals auch ich als Darsteller der Figur.

Und aus dieser Gefühlslage heraus haben Sie begonnen zu schreiben?

Ja, zumal das Stück so beginnt: Kowalsky sitzt schon bei Einlass des Publikums auf der Bühne und schreibt. Da es im Theater oft am besten ist, das wirklich zu tun, was man spielt, habe ich tatsächlich geschrieben. Die ersten Sätze des Buches habe ich auf der Bühne geschrieben. Später wurde das Schreiben zu einer nicht mehr zu bremsenden Flut, bis alles niedergeschrieben war. Bei jeder der Endproben und bei allen Aufführungen von "Butterbrot" habe ich rund zehn Minuten auf der Bühne geschrieben, und als ich dann nach Hause kam, konnte ich nichts anderes tun als weiterzuschreiben. In fünf Wochen war das Werk zum Großteil fertig.

"Rampenflucht" thematisiert die Diskrepanz zwischen dem Traum, den ein Mensch vom Theater hat, und der ernüchternden Realität der Theaterwelt. Mit welchen Hoffnungen haben Sie selbst diesen Beruf ergriffen?

"Da sitzen Erwachsene mit Kinderherzen, Kinderaugen und Kinderseelen, und ich muss meine Brust aufreißen und sie in mein Innerstes schauen lassen. Das ist doch großartig!" - Michael Dangl im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger. Foto: Robert Wimmer
"Da sitzen Erwachsene mit Kinderherzen, Kinderaugen und Kinderseelen, und ich muss meine Brust aufreißen und sie in mein Innerstes schauen lassen. Das ist doch großartig!" - Michael Dangl im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger. Foto: Robert Wimmer

Theaterspielen war für mich das Natürlichste auf der Welt. Ich habe, seit ich mich erinnern kann, Theater gespielt. Ich bin ja mit dem Theater meiner Eltern aufgewachsen.

Was war das für eine Theatergruppe?

Die "Karawane Salzburg", die es übrigens immer noch gibt. Eine Wanderbühne, die zu der Zeit, als ich ein Kind war, im Salzburger Raum herumgereist ist. Wir spielten auf Marktplätzen, in Schulen, Klöstern, Kirchen und Burgruinen. Mit vier Jahren bin ich zum ersten Mal auf der Bühne gestanden.

Michael Dangl. Foto: Robert Wimmer
Michael Dangl. Foto: Robert Wimmer

Sie sind bekannt für Ihre Wandlungsfähigkeit, Ihre Vielseitigkeit.

Vielseitigkeit ist natürlich ein Segen. Es ist ein Glück, gänzlich verschiedene Rollen spielen zu dürfen. Das ist schließlich auch das Wesen dieses Berufes, dass ich heute diese Figur spiele und morgen eine völlig andere.

Was mich auf das in der Theaterszene oft diskutierte Thema der Wahrhaftigkeit bringt. Wie ist es möglich, verschiedene Charaktere mit voller innerer Überzeugungskraft zu verkörpern?

Als großes Paradoxon wahrscheinlich. Einerseits gibt es den Anspruch auf Wahrhaftigkeit, auf glaubhafte innere Überzeugungskraft, andererseits aber auch das Bewusstsein, an diesem Anspruch letztlich scheitern zu müssen.

Von Ulrich Wildgruber gibt es den berühmten Ausspruch: "Ich habe auf der Bühne nicht einen einzigen wahrhaftigen Satz gesagt".

Ja, aber das kann nichts am Wollen, am Streben, am Ringen um Wahrhaftigkeit ändern. Ich denke, wir haben es hier mit zwei Extremen zu tun: mit der Ernsthaftigkeit und mit dem Spiel. Ernsthaftigkeit, die hinter jeder Rollenbeschäftigung stehen muss - egal, ob es um eine tragische Figur geht oder eine komödiantische. Und diese Ernsthaftigkeit ist eingebunden in ein großes Spiel.

Was die Verwobenheit von Leben und Theater betrifft: Inwiefern wirkt sich die Identifizierung mit einer Rolle auf die eigene Identität aus? Schleichen sich mitunter bestimmte Charakterzüge einer Bühnenfigur in die eigene Persönlichkeit ein?

Ich denke, wir müssen immer den Spagat schaffen zwischen einer vollkommenen Auslieferung an diesen Beruf und einer letzten Kontrolle darüber. In meinem Buch steht der Satz: "Das Land der Griechen mit der Seele suchend - wenn du das jeden Abend machst, dann wirst du verrückt werden". Wir müssen uns gewahr sein, dass wir gleichzeitig empfinden und darstellen. Du kannst auf der Bühne drei Tode gestorben sein oder mit Inbrunst das Liebesleid einer Figur erfahren haben und nach der Vorstellung völlig gerädert sein - trotzdem jedoch kann deine Bühnenwirkung blass gewesen sein. Das ist furchtbar, aber das gibt es.

Kann man die Intensität der eigenen Bühnenpräsenz im Moment des Spielens abschätzen?

Der eigene Eindruck auf der Bühne ist nicht der beste. Das ist meine Erfahrung. Dabei kann man sich sehr täuschen.

Bis zu welchem Grad vergisst man auf der Bühne die eigene Befindlichkeit, all jene Dinge, die einem im Normalfall durch den Kopf gehen?

Ich war vor kurzem beim Zahnarzt und hatte eine Wurzelbehandlung. Gott sei Dank bekommt man heute ja Spritzen. Aber selbst mit Lokalbetäubung bilde ich mir ein, manchmal zu spüren, was das für ein Schmerz sein könnte, wenn die Spritze nicht da wäre. Und so ähnlich geht es mir auf der Bühne mit dem Leben. Für mich muss es vor der Vorstellung unbedingt eine Phase geben, in der ich mich auf die Vorstellung vorbereite.

Wie darf man sich diese Vorbereitungsphase vorstellen?