"Wiener Zeitung": Ihr aktuelles Buch trägt den Titel "Sprachdämmerung". Der Begriff Dämmerung an sich beinhaltet sowohl Dunkel als auch Licht, schließlich gibt es auch die Morgendämmerung, die für das Ende der Dunkelheit und den Tagesanbruch steht. Die hatten Sie aber nicht im Sinn, richtig?

Jürgen Trabant: Offen gestanden hatte ich in der Tat nur die Abenddämmerung im Blick und der Titel ist ja eine Anspielung auf die Wagner-Oper "Götterdämmerung". Ihre Frage freut mich jedoch sehr, denn meine Hoffnung ist natürlich nicht, dass unsere Sprache unter-, sondern vielmehr aufgeht. Und es wird auch in der "Götterdämmerung" am Ende hell. Zwar gehen die Götter unter, aber es kommt ein neues Licht und eine neue Welt steht auf. Das wünsche ich auch unserer Sprache.

Es ist spürbar, Ihnen liegt viel an der Sprache. Wird man als Sprachliebhaber geboren?

Interessante Frage! Ich stelle immer wieder in Gesprächen fest, dass manchen Menschen Sprache nichts bedeutet, sie die Sprache als reines Kommunikationsmittel nutzen und für die es zudem keinerlei Rolle spielt, ob sie Deutsch, Englisch oder Französisch sprechen. Andere wiederum erfreuen sich am Klang der eigenen Muttersprache oder auch anderer Sprachen. Für mich sind das Sprachmenschen, die vermutlich auch so geboren wurden. Es ist ja bekannt, dass bereits das ungeborene Kind noch im Mutterleib die Laute der Mutter wahrnimmt. Insofern baden wir vielleicht sogar in einem ganz leiblichen Sinne in der Sprache, noch bevor wir zur Welt kommen. Sprache ist etwas, das uns ganz umgibt, sie ist geradezu aquatisch.

Das Duden-Online-Wörterbuch ändert mehrere tausend Personen- und Berufszeichnungen und statt eines Wortartikels gibt es künftig zwei, einen für die männliche und einen für die weibliche Form. Ein Mieter ist demnach eine "männliche Person, die etwas gemietet hat". Wie sehen Sie als Sprachliebhaber diese gendersensible Überarbeitung?

Ich halte sie für ein Missverständnis.

Weil?

Es geht hier um einen Eingriff in die Sprache aufgrund eines Missverständnisses, nämlich jenes, wonach Sprache nichts weiter als Terminologie ist. Dieses Verständnis geht auf den englischen Philosophen Francis Bacon zurück, der meinte, dass die normale Sprache des Volkes die Welt falsch sieht und nicht so, wie die kluge Wissenschaft dies verlangte. Der Eingriff der Duden-Redaktion ist genau das, ein Eingriff derer, die es besser wissen. Auch wenn mich nun einige junge Frauen für einen der vielen alten Männer halten mögen, die traurig sind, wenn es nicht nach ihren Wünschen läuft: Sprache kann präzise sein, Sprache muss in der Wissenschaft präzise sein, sie muss es aber nicht unbedingt in unserem Alltag sein.

Ein anderer älterer Herr, der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann, hat über das Gendern gesagt, jeder solle so sprechen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Völlig richtig! Und diejenigen, die Kretschmann widersprechen würden, sollen doch bitte schön ein bisschen Toleranz üben. Denn das Volk, das so spricht, wie es spricht, ist nicht qua Definition dumm, wie die Sprachreformer immer annehmen. Das Volk verfügt sehr wohl über eine gewisse Weisheit.

Wie gehen Sie persönlich mit Ausdrücken wie Radfahrenden oder Wählenden um?

Ganz einfach: Ich benutze sie nicht. Ich nehme sie wahr, und zwar als störend. Offen gestanden empfinde ich Formulierungen wie Mitarbeiter:innen mit diesem glottalen Stop in der Mitte sogar als unglaubliche Anmaßung! All diese Vorschriften, wie man zu reden und zu schreiben hat, finde ich unglaublich! Sprache ist etwas, das sich ständig ändert, Sprache ist einem permanenten Wandel unterworfen, aber nicht durch politische Maßnahmen.

Gendersprache klingt nicht schön, aber es geht doch darum, dass Frauen in der Sprache sichtbarer werden. Können Sie das nicht nachvollziehen?

Die Band Rammstein als (Sprach-)Botschafter? "Eine schöne Vorstellung!" - © Jes Larsen / Territorium
Die Band Rammstein als (Sprach-)Botschafter? "Eine schöne Vorstellung!" - © Jes Larsen / Territorium

Gegenfrage: Muss man ständig sichtbar sein? Ich jedenfalls möchte gar nicht immer sichtbar sein. Die Semantik der Sprachen beinhaltet so viel Vagheit, dass man sich dort enthalten fühlen kann und auch müsste. Ich verstehe, dass sich Frauen an manchen Stellen ausgeschlossen fühlen, aber das ist ein Missverständnis der Semantik von Sprache. Jetzt bleibt abzuwarten, was die Sprachgemeinschaft tut und ob sie diese ständige Doppelung aufgreift oder nicht. Nehmen Sie den Begriff des Fräuleins: Wir haben es doch alle begrüßt, dass dieser veraltete Begriff verschwunden ist, weil er wirklich nicht mehr der gesellschaftlichen Realität angemessen ist. Doch wer früher ein Fräulein war, fühlt sich heute in dem weiter verstandenen Semantikbegriff der Frau durchaus angesprochen und gemeint. Wissen Sie, was mich zornig macht?

Nämlich?

Wann immer der Staat in die Sprache eingreift, kommt Mist raus! Denken Sie nur an die Rechtschreibreform. Daraus ist ein Mischwesen entstanden, das niemanden glücklich gemacht hat. Sprache entwickelt sich natürlicher als durch sprachliche Eingriffe. Das Wesentliche bei der Sprachveränderung ist, wie sie von der Bevölkerung aufgenommen wird. Die Menschen entscheiden letztlich, ob ein Wort dauerhaft Eingang in die Sprache findet oder nicht.

Aber Sie sehen doch in Frankreich, dass Sprachpolitik funktioniert, wie etwa aktuell in der Pandemie. Statt englische Begriffe wie "Lockdown" zu verwenden, spricht man dort von "confinement".

Das liegt daran, dass die französische Regierung stets von confinement gesprochen hat. Wenn man bei uns von der "Einschließung" gesprochen hätte, würden wir das heute auch verwenden. Aber Sie haben recht: Es hängt gewiss auch damit zusammen, dass es in Frankreich eine aktive staatliche Politik gegen Anglizismen gibt. Das ist ehrenhaft, zugleich jedoch auch problematisch. Aber die französische Sprachgemeinschaft hält sich durchaus nicht immer an die Vorschläge des Staates.

Der französische Autor und Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt hat einmal gesagt, das Deutsche habe einen großen Bauch und könne viel mehr aufnehmen als beispielsweise das Französische. Hatte er recht?

Das Deutsche ist besonders geeignet für die Aufnahme fremder Wörter und auch für ihre Adaptierung ans Deutsche, das stimmt. Was auch an der Wortbildungsfähigkeit liegt. Goldschmidt, der ein großer Kenner des Deutschen war, hat am Beispiel Sigmund Freuds aufgezeigt, wie hervorragend sich unsere Sprache für die Entwicklung einer wissenschaftlichen Terminologie eignet. Er vertrat sogar die These, dass Freud ohne ein unscheinbares Präfix wie beispielsweise "ver" in dem zentralen Begriff "Verdrängung" vielleicht niemals die Psychoanalyse hätte begründen können.

Sind Wörter wie twittern, liken und ganz aktuell zoomen Beispiele für den großen Bauch des Deutschen?

Exakt. Denn das Deutsche macht aus englischen Wörtern Verben, die es völlig regelkonform konjugiert, der Stamm des Wortes bleibt aber ein englischer: Ich zoome, du zoomst, wir zoomen, wir haben gezoomt usw.

In Leserbriefen wird immer wieder der massive Sprachimport von Anglizismen beklagt. Verderben wir uns an den vielen fremden Wörtern den Magen? Ist unser Bauch zu groß?

Ja, unser Magen ist definitiv sehr groß: Die deutsche Sprachgemeinschaft ist extrem offen gegenüber den englischen Wörtern und adaptiert diese leider nicht immer. Wenn eine Sprache kräftig ist, muss sie selbstverständlich auch integrieren. Das wusste schon Goethe: "Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, sondern dass sie es verschlingt." Das Deutsche verschlingt aber nur grammatisch, also nur halb, die fremde Lautung und Schreibung behalten wir gern bei. Aus linguistischer Sicht halte ich diese Gefährdung allerdings für nicht so dramatisch, denn ich betrachte Sprachen als eine Art Straßenköter.

Sie sehen ja im Englischen an sich und nicht in den Anglizismen die eigentliche Gefahr.

Gefahr würde ich nicht sagen, das wäre übertrieben.

Das schreiben Sie aber in Ihrem Buch: "Die richtige hohe, geschriebene, gebildete Sprache für die höheren Stände ist schon längst nicht mehr das Deutsche, sondern das globale Englisch." Was verstehen Sie unter diesem "Globalesisch", wie Sie es nennen, das eine global orientierte Elite bevorzugt spricht?

Wir lernen das Englische ja nicht, weil wir in die USA oder nach Großbritannien fliegen wollen, wie es früher der Fall war. Wir lernen Englisch, um mit der Welt zu kommunizieren.

Aber es ist doch wunderbar, sich mit der ganzen Welt austauschen zu können!

Ich bestreite ja nicht, dass Globalesisch ein wunderbares Kommunikationsinstrument ist, das wir in der globalisierten Welt brauchen! Ich möchte aber darauf hinweisen, dass es sich bei Globalesisch um eine für die Welt adaptierte Sprache handelt, auf der Basis des Englischen.

Warum lässt das bei Ihnen die Alarmglocken schrillen?

Sagen wir so: Es erregt meine Aufmerksamkeit, wenn beispielsweise in der Siemens-Zentrale in München schon seit Jahrzehnten nur noch Englisch gesprochen wird. Selbstverständlich ist es ein internationaler Konzern, aber muss dort wirklich im inneren Sprachverkehr Englisch miteinander geredet werden? Würde es nicht völlig ausreichen, nach außen auf Englisch zu kommunizieren? Diese Art von Firmenkultur hat natürlich Folgen, beispielsweise für junge aufstrebende Eltern, die sich denken: Wir müssen unser Kind auf eine mögliche Karriere als Führungskraft bei Siemens vorbereiten und deswegen bringen wir es in einem sogenannten internationalen Kindergarten unter.

Was ist daran schlecht? Sie als ein Verfechter der Mehrsprachigkeit müssten doch begeistert von internationalen Kindergärten sein!

"Sprache ist etwas, das sich ständig ändert, Sprache ist einem permanenten Wandel unterworfen, aber nicht durch politische Maßnahmen." - Jürgen Trabant - © Andreas Pein
"Sprache ist etwas, das sich ständig ändert, Sprache ist einem permanenten Wandel unterworfen, aber nicht durch politische Maßnahmen." - Jürgen Trabant - © Andreas Pein

Wenn dort tatsächlich mehrere Sprachen unterrichtet würden, fände ich das selbstverständlich gut. Aber Fakt ist, dass es in einem internationalen Kindergarten um Zweisprachigkeit und nicht um Mehrsprachigkeit geht. Diese ganz bestimmte Form von Zweisprachigkeit wird gern dadurch zugedeckt, dass man von Mehrsprachigkeit spricht. Gemeint ist aber immer die Zweisprachigkeit von Englisch und Deutsch. Es wird nie gelobt, wenn Sie Spanisch oder Schwedisch lernen, weil es keinerlei ökonomischen Sinn hat. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist ja nicht schlecht, wenn man Englisch lernt. Worum es mir geht: Ich finde es schlimm, wenn Sprache ausschließlich als Kommunikationsmittel und unter Nützlichkeitsaspekten betrachtet wird.

Was bedeutet Sprache für Sie?

Sprache ist aus meiner Sicht Weltgestaltung. Wir nehmen die Welt über die Sprache wahr, wir formen sie mit bestimmten Wörtern und diese Wörter sind natürlich die unserer ersten Sprache, die nicht austauschbar und beliebig sind. Es geht dabei darum, wie wir uns die Welt aneignen. Diesen Aspekt von Sprache als Weltgestalterin halte ich für mindestens genauso wichtig wie die Kommunikationsfunktion von Sprache.

Sie kritisieren aber nicht bilinguale Paare, die ihre Kinder zwei Muttersprachen lernen lassen?

Um Gottes willen, nein! Ich bedauere es aber, dass dadurch die Erfahrung des Sprachenlernens überflüssig wird. Wenn man Sprachen erlernt, merkt man nämlich, wie mühsam das ist, und man begreift, was Sprache ist.

Gerade weil es so mühsam ist, wollen Eltern ihren Kindern diese Erfahrung ersparen. Ist das nicht verständlich?

Doch, natürlich. Ich finde es großartig, wenn jemand eine zweite Sprache auch nur ein Stück weit erlernt, und es geht dabei auch nicht um Perfektion. Einsprachigkeit dagegen halte ich für eine intellektuelle Gefahr. Ich finde beispielsweise, dass die anglophone Welt hinter uns mehrsprachigen Europäern zurücksteht, wenn sie keine Sprachen mehr kann. Die Menschen dort haben nicht die Erfahrung gemacht, dass man in anderen Sprachen anders denkt. Diese Erfahrung zu machen halte ich für sehr wichtig.

Für diese Haltung werden Sie bei vielen, die sich mit dem Sprachenlernen schwertun, bestenfalls ein müdes Lächeln ernten.

Das ist aber falsch! Wer so reagiert, zeigt damit, dass er Sprache nur als Werkzeug versteht. Meiner Meinung nach sollte man ein Schulfach "Sprachen" einrichten. Das sollte ein Kurs sein, der in die Struktur verschiedener Sprachen einführt und den Kindern damit zeigt, dass es sich dabei um interessante und vielfältige Aspekte der Welt handelt.

Sie sprechen im Hinblick auf die Dominanz des Englischen von elitärer Mutlosigkeit. Das werden viele als Vorwurf empfinden.

Dies ist kein Vorwurf, dies ist eine Feststellung bezüglich der deutschsprachigen Eliten, die natürlich allen Grund haben, im Hinblick auf ihre eigene Sprache mutlos zu sein. Alles Höhere, also Business, Kultur und Wissenschaft, findet auf Englisch statt. Das liegt natürlich an der Vergangenheit unserer Sprache: Deutsch ist die Sprache, in der Hitler gebrüllt hat, und das ist im Gedächtnis der Menschheit enthalten. Was mir aber viel wichtiger ist: Es gibt viele, gerade auch viele Lehrer, die mit großem Engagement diese Sprache schätzen und gegen diese elitäre Mutlosigkeit verteidigen.

Verkommt Deutsch wirklich zu einem Dialekt, der nur noch mit dem Personal gesprochen wird?

C.H. Beck
C.H. Beck

Bei bestimmten Leuten spricht man schon jetzt nur noch Deutsch mit der Frau an der Kassa, dem Handwerker und vielleicht auch mit der Oma, die kein Englisch kann. Aber untereinander redet man Englisch. Ich gebe zu, dass ich etwas dramatisiere, aber: Sollte sich der Trend auf diese Art und Weise fortsetzen, wie die Eliten es betreiben, läuft das Deutsche Gefahr, zum Dialekt zu verkommen. Wenn die Elite oder auch eine, die sich dafür hält, aus der Sprache emigriert, hat das gesellschaftliche Konsequenzen. Beispielsweise auch für Migranten, die sich zu Recht fragen könnten, warum sie sich die Mühe machen sollen, Deutsch zu lernen.

Bräuchten wir mehr Botschafter wie die Musiker der Band Rammstein? Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb, Rammstein habe mehr für die deutsche Sprache im Ausland getan als das Goethe-Institut.

(lacht) Eine schöne Vorstellung! Das Beispiel gefällt mir auch deshalb so gut, weil es dabei um die Attraktivität der Kultur geht und nicht, wie sonst gern üblich, ausschließlich um die Attraktivität der Ökonomie.