"Wiener Zeitung": Herr Nebehay, Sie entstammen einer bekannten Wiener Antiquars-Dynastie. War Ihr Weg in diesen Beruf also vorgezeichnet?

Stefan Nebehay: Ja und nein. Ich bin natürlich mit dem Antiquariat aufgewachsen, habe als 12-Jähriger die schwierige Gründung des "Wiener Antiquariats" durch meine Eltern miterlebt und auch schon früh in der Firma mitgearbeitet. Mein Vater hat Wert darauf gelegt, dass ich in der Mittelschulzeit im Sommer einen Monat im Geschäft mithalf. Ich wollte es allerdings nicht übernehmen.

Was war Ihr Berufswunsch?

Es hat mich zur Archäologie hingezogen. Ich habe in Wien Ur- und Frühgeschichte studiert, kombiniert mit antiker Numismatik. Danach war ich maßgeblich an einem Forschungsprojekt über die Ausgrabungen des 19. Jahrhunderts in Hallstatt beteiligt. Das war auch der Einstieg in die wissenschaftliche Archivarbeit und die Beschäftigung mit altem Schriftgut.

Daraufhin folgte der Start als Antiquar?

Naja, der Start noch nicht. Das Projekt war aus forschungsgeschichtlichen Gründen am Naturhistorischen Museum angesiedelt. Dort wurde gerade die Stelle eines Hausarchivars frei. So wurde ich zunächst Archivar am Naturhistorischen Museum. Nach einigen Jahren im Staatsdienst habe ich mich dann aber mit meinem zweiten Fach, der Numismatik, selbstständig gemacht und eine Firma für Münzhandel gegründet.

- © Sternisa
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Mit Ladengeschäft?

Nein, ich habe den Handel in meiner ehemaligen Junggesellenwohnung betrieben, zehn Jahre lang, und in dieser Zeit auch an der Universität Vorlesungen über Numismatik gehalten. Diese Jahre als kleiner Händler waren zwar schwierig, aber ich habe das Kommerzielle dabei gelernt. Das war, neben dem Archivalischen, die zweite Voraussetzung für das Führen eines Antiquariats. Und so ist bei mir schließlich die Entscheidung gefallen: da war ein gut eingeführtes Antiquariat, das auf einen Nachfolger wartete.

Wie lange hat Ihr Vater, Ingo Nebehay, das "Wiener Antiquariat" geführt?

Bis ins Alter von 84 Jahren. Nominell war ich zwar schon ein paar Jahre lang als Geschäftsführer angestellt, aber er war noch der Chef. Im Jahr 1999 habe ich dann das Geschäft übernommen.

Wie weit reichen die Wurzeln der Antiquariatsgeschichte Ihrer Familie zurück?

Bis in die Monarchie. Sie beginnt mit meinem Großvater Gustav Nebehay. Sein Vater stammte aus einem Ort am ungarischen Donauknie, hatte als Kellnerbursche auf einem Donaudampfer angeheuert und war auf diese Art bis nach Wien gekommen. Hier hat er dann das Gasthaus "Zur Agnes" betrieben und es bis zum Bürgermeister von Obersievering gebracht.

War Gustav sein einziger Sohn?

Nein, der Urgroßvater hatte zahlreiche Kinder. Aber es war sein Sohn Gustav, der eine große Karriere als Kunst- und Buchhändler gemacht hat. Er ist allerdings sehr früh, 1935, verstorben und war gegen Ende seines Lebens auch geschäftlich nicht mehr erfolgreich. Zwei seiner Söhne haben das Metier weitergeführt: Mein Onkel Christian, der ein Antiquariat in der Annagasse gründete, und mein Vater Ingo, der sich 1962 mit dem "Wiener Antiquariat" in der Seilergasse selbstständig gemacht hat.

Haben Sie als Nachfolger Ihres Vaters dessen Sortimentsaufbau übernommen?

Die Geschäftslinie ist die gleiche geblieben: Bücher, Graphiken und Autographen. Ich habe allerdings auf die Veränderungen der Zeit reagiert - auch ein Antiquariat lässt sich heute kaum mehr ohne Computertechnologie und Onlinepräsenz führen. Ich musste außerdem den Personalstand reduzieren und die Öffnungszeiten einschränken. Die sorgfältige Bearbeitung von Büchern, Graphiken und Autographen braucht Zeit und Ruhe, und unser Bestand ist umfangreich. Die Umstellungen haben sich aber bewährt.

Die Innenräume des Antiquariats. 
- © Sternisa

Die Innenräume des Antiquariats.

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Der Schwerpunkt des "Wiener Antiquariats" liegt in welchem Bereich?

Mein Vater hat den Schwerpunkt auf Autographen gelegt. Das ist im Moment auch die Gruppe, die am meisten gefragt ist. Der Handel mit Autographen erfolgt jetzt vor allem online. Das Ladengeschäft hingegen wird hauptsächlich von der Graphik getragen, die lässt sich schwerer übers Internet verkaufen. Die Leute wollen das Blatt sehen und in die Hand nehmen. Unser Bücherangebot macht im Sortiment den kleineren Teil aus.

Wie kommen Sie zu Ihren Schätzen: Auf Messen, über Sammler?

Mein Vater ist noch regelmäßig auf Messen und zu Auktionen gefahren und hat dort großzügig eingekauft. Ich bemühe mich derzeit eher um die Straffung unseres Lagers, doch es bringen uns Private immer wieder interessantes Material, und gelegentlich kaufe ich auch etwas bei Kollegen oder auf Auktionen.

Erinnern Sie sich an einen besonders spektakulären Kauf?

Ein origineller Kauf ist mir gelungen mit einem zunächst unscheinbar wirkenden Zettel, der auf einer deutschen Auktion günstig zu haben war. Er stammt von der Hand Kaiser Karls und enthält die Aufforderung an die Hofbibliothek, einer Vertrauten von ihm die Borso-Bibel auszufolgen. Damit war eine unglaublich wertvolle illuminierte Renaissance-Handschrift gemeint, angefertigt im Auftrag des Herzogs Borso d’Este. Der letzte österreichische Kaiser hat sie mit Hilfe dieses Zettels und unter dubiosen Umständen ins Schweizer Exil mitgenommen; nach einer abenteuerlichen Irrfahrt hat sie nach seinem Tod schließlich wieder in ihr Entstehungsland Italien zurückgefunden. Das Autograph befindet sich jetzt im Besitz eines Historikers, der diese äußerst spannende Geschichte weiter erforscht.

Welche besonderen Autographen von Schriftstellern finden sich in Ihrem Angebot?

Zum Beispiel ein interessanter Brief von Nestroy an einen Redakteur der "Wiener Zeitung", Leopold Schweitzer. Der hatte eine Kritik über Nestroys Berliner Gastspiel im Jahr 1853 geschrieben, für die der Dichter dankte. Es wundert mich, dass dieses Autograph noch nicht verkauft ist. Nestroy-Briefe sind absolut selten. Ein anderes Beispiel ist der handschriftliche Brief von Stefan Zweig aus Marienbad an einen Bekannten in London. Darin schildert Zweig die wohltuende Wirkung der Kur und kündigt seine Rückreise ins Londoner Exil an.

Mit solchen Zeitdokumenten sprechen Sie welches Publikum an: Bibliotheken, Universitäten? Auch private Sammler?

Ja, private Sammler sind durchaus potentielle Kunden für solche Autographen. Außerdem arbeiten wir mit Instituten und Bibliotheken zusammen, teilweise auch im Ausland, etwa in den USA.

Das älteste Buch in Ihrem Bestand?

Wir haben im Moment eine schöne Inkunabel von 1496 im Angebot, den Gratian (Sammlung kanonischen Rechts, zusammengestellt vom Bologneser Juristen und Mönch Gratian, Anm.). Bei den Handschriften gibt es manchmal auch ältere Stücke. Alles, was vor 1500 datiert ist, ist natürlich besonders wertvoll.

Arbeiten Sie mit einem Restaurator zusammen?

Ja, vor allem für die Graphik.

Und bei den Büchern?

Wir haben einen sehr tüchtigen Buchbinder, der macht kleine Arbeiten. Gelegentlich habe ich auch einen Restaurator für Bücher beschäftigt. Ich bin aber eher davon abgekommen, weil die Kunden - und auch wir - nicht immer restlos glücklich waren mit der Art der Restaurierung. Da ist es oft der bessere Weg, im Preis nachzulassen, und der Kunde lässt das Stück nach seiner Vorstellung restaurieren.

- © Sternisa
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Wie wirken sich Gebrauchsspuren in alten Büchern auf den Marktwert aus? Sind die zwangsläufig wertmindernd, oder können sie den Wert einer Ware auch erhöhen, je nachdem, wer diese Spuren hinterließ?

Randnotizen, Widmungen oder ein schönes Exlibris können den Wert eines Buches durchaus erhöhen. Und sie können zu ungeahnten Erkenntnissen führen. Bei einem von uns angebotenen Buch mit einem alten Exlibris hat sich herausgestellt, dass es aus der "Fürst zu Stolberg-Wernigerodeschen Bibliothek" stammte, die in den Nachkriegswirren von 1945 geplündert wurde. Philipp Fürst zu Stolberg-Wernigerode bemüht sich mit großem Idealismus, diese Jahrhunderte alte Büchersammlung seiner Familie zu rekonstruieren. Wir haben das Buch ohne jede Debatte restituiert.

Sind Ihre Stammkunden meist auf ein Gebiet oder eine Epoche spezialisiert?

Wir haben schon Sammler mit bestimmten Schwerpunkten, etwa das Napoleon-Umfeld oder die Viennensia. Aber diese klassischen Sammler sind am Aussterben. Ein großer Teil der Bücher wird heute als Geschenk gekauft, abgestimmt auf die Interessen des Beschenkten.

Und als Wertanlage? Wird mit dem Wert alter Bücher spekuliert?

In den 1970ern haben Banken angefangen, Inkunabeln als Wertanlage zu kaufen. Ob das noch der Fall ist, kann ich nicht sagen. Wir haben mehr Hochpreisiges bei den Autographen als bei den Büchern. Ich rate meinen Kunden immer ab, etwas unter dem Gesichtspunkt der Wertanlage zu kaufen. Ich empfehle: Kaufen Sie etwas, wenn es Ihnen eine Freude macht, genießen Sie es, aber spekulieren Sie nicht mit dem Wiederverkaufswert.

Welche Periode ist bei den antiquarischen Büchern im Moment besonders gefragt?

Alles, was im weitesten Sinn mit dem Aufbruch in die Moderne zu tun hat, vor allem die Zeit 1900 bis 1920. Wenig gefragt ist hingegen die Literatur des 19. Jahrhunderts, da bleiben nur die großen Namen - und der Rest wird kaum mehr gelesen. Auch an dem Literatursegment des 20. Jahrhunderts, das nicht mehr wirklich als aktuell empfunden wird, hat das Interesse stark nachgelassen. Selbst bei den Autographen. Im Bereich Musik ist das anders: die Komponisten halten sich, auch die kleineren Meister. Wir haben im Moment übrigens ein schönes Haydn-Dokument, in dem der Komponist seinem Verleger Artaria bestätigt, ein bestimmtes Werk zum vereinbarten Termin zu liefern. Ein sehr interessantes Schriftstück.

Und welche Art von Graphik ist derzeit gesucht?

Immer gefragt sind bei uns bestimmte topographische Blätter, zum Beispiel attraktive Gesamtansichten von Wien, oder Berufsdarstellungen wie Rechtsanwalt oder Zahnarzt, die als Geschenk gesucht werden. Bei der Künstlergraphik geht es wieder vor allem um den Aufbruch in die Moderne. Und alles, was mit der Wiener Werkstätte zu tun hat, steht hoch im Kurs.

Was halten Sie von Faksimile-Ausgaben?

Die haben für manche Bereiche durchaus ihre Berechtigung. Mein Vater hat etwa zusammen mit dem Bibliothekar und Historiker Robert Wagner eine Reihe von alten österreichischen Ansichtenwerken neu herausgegeben. Und bei Handschriften ermöglichen Faksimiles einen umfassenden und komfortablen Zugang zu Werken, die man sonst bestenfalls in einer Vitrine zu sehen bekommt. Ich denke zum Beispiel an den Wiener Dioskurides, ein reich illustriertes pharmakologisches Handbuch aus der Spätantike. Es werden jetzt allerdings von manchen Handschriften Luxusausgaben produziert, mit Juwelen in den Einbänden, die kosten ein kleines Vermögen. Da stelle ich mir doch die Frage, was das für einen Sinn hat.

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Der Einsatz kostbarer Materialien hallt aber auch im Fachvokabular des Antiquariats nach: Was hat es zum Beispiel mit dem Goldschnitt auf sich?

Das ist die Verzierung des Schnitts, also der Papierkanten des Buchblocks. Die können dreiseitig oder nur am Kopf mit Gold überzogen sein, selten auch mit Silber. Für den Goldschnitt wird Blattgold verwendet, für den Silberschnitt Blattsilber. Das wertet das Buch ästhetisch auf und schützt die Kanten.

Im Fachjargon der Antiquare findet sich auch Skurriles, etwa das hübsche Wort "Seidenhemdchen".

Ich zeige Ihnen eines. (Holt einen illustrierten Band): Das sind dünne Seidenpapiere, die zum Schutz der Graphiken eingebunden werden.

Weniger zartsinnig ging es in Ihrem Geschäft im Jahr 2012 her, als hier Teile des Internetfilms "Move on", ein wildes Agenten-Roadmovie durch acht Länder, gedreht wurden.

Karl Merkatz spielte in dem Film den Antiquar. Es sind mehrere Szenen hier gedreht worden, auch unten im Magazin, das wurde zu einer Art Verschwörungszentrale. Bei einer der Szenen lag Merkatz dann hier tot am Boden - im Film (lacht).

Und wie kam man auf Ihr Geschäft?

Regisseur Asger Leth hat unser Standardbild auf unserer Website gefunden - und wusste sofort: Das ist die ideale Kulisse. Die ganze Filmerei war sehr aufregend, es ging bis 4 Uhr früh.

Sie sind auch Autor und haben mehrere Gedichtbände veröffentlicht. Was führte Sie zur Lyrik?

Ich habe mich in meiner Studentenzeit sehr für die Songs von Bob Dylan begeistert. Später hat mich ein Dylan-Konzert in Wien angeregt, mich wieder mit seinen Songs zu beschäftigen. Ich habe begonnen, sie auf Deutsch zu übersetzen. Nach sehr strengen Kriterien in Bezug auf Reimstruktur und Wortrhythmus. Auf diese Art habe ich den Umgang mit der lyrischen Sprache gelernt; danach sind die ersten eigenen Gedichte entstanden.

Und was wurde aus den Übersetzungen?

Die sind ein ungehobener Schatz (lacht). Es sind über 200 Songs. Ich habe auch elisabethanische Lyrik übersetzt, John Donne zum Beispiel, oder Chansons von Brel und Moustaki.

Ihre Lieblingsautoren?

Lieblingsbücher wäre mir lieber: Hermann Broch, "Der Tod des Vergil"; Ernst Wiechert, "Das einfache Leben"; alles von Eichendorff und die Lyrik von Ingeborg Bachmann.

In Ihrem zuletzt erschienenen Lyrikband "Mondholz" findet sich der Vers: "aber waren Bücher überhaupt noch gefragt?" Besiegelt das E-Book Ihrer Ansicht nach das Ende des gedruckten, gebundenen Buchs?

Nein, nicht ganz. Das gebundene Buch wird es immer geben. Aber manche Gattung, zum Beispiel die Nachschlagewerke, wird irgendwann wohl nur noch elektronisch zur Verfügung stehen.

Könnte die fortschreitende Digitalisierung der Literatur eventuell das Interesse am antiquarischen, alten Buch neu beleben?

Durch die Beschäftigung mit alten Büchern erweitert sich der Horizont enorm. Der Blick auf den geistigen Reichtum jenseits dessen, was heute produziert wird, ist wichtig. Dadurch wird auch vieles an Bewertungen relativiert.

Haben Sie einen Kindle?

Nein. Ich möchte ein Buch aus Papier in der Hand haben.

Noch einmal "Mondholz": "Der Zeitgeist geistert durch die Zeit / als Rattenfänger und Galan". Wie wirkt er sich aus auf das Antiquariat?

Das Antiquariat wird ihn überleben. In welcher Form genau, weiß ich nicht. Aber es wird die digitale Welt überdauern.