Unter einem großen, weiten Himmel ist sie aufgewachsen, die Wiener Neustädter Autorin Annemarie E. Moser. "Vor keinem Himmel/ war mir je so bang/ wie vor dem sturmdurchrasten/ Steinfeldhimmel,/ und keinen Himmel/ hab ich so geliebt", heißt es in einem ihrer frühen Gedichte. Und in ihrem jüngsten Werk, "Morgenlichtwind in den Pappeln", einem poetischen Erinnerungs- und Skizzenbuch jenseits der üblichen Gattungsgrenzen und literarischen Schubladen, erweist sie sich erneut als eine genaue, geduldige Himmelsbetrachterin, beschwört sie es erneut, jenes grenzenlose Glücksgefühl, das ihr die karge Landschaft ihrer Kindheit zwischen Stadt und Land, in unmittelbarer Nähe zum Wiener Neustädter Flugfeld bereitet hat:

"Die Gegend war zwar vom Krieg beschädigt und verwahrlost, aber mit diesem unfassbaren Himmel überwölbt und gesegnet, der keine Gefahr mehr enthielt. (...) Himmel ohne Luftkämpfe, ohne Stukas, ohne Bomber. Ohne die Lichtbalken der Scheinwerfer, die vom Boden aus den Flieger in ihr Lichtbalkenkreuz nahmen, damit er abgeschossen werden konnte. Himmel, vor dem man sich nicht mehr verbergen musste in einem Luftschutzkeller."

Zeugnis geben

Unter diesem großen, befriedeten Himmel nehmen die Romane ihren Ausgang, mit denen Annemarie E. Moser vor vierzig Jahren die literarische Szene betrat. Sie erzählen jedoch nicht von der Weite und nicht vom Frieden, sondern von der Enge der Verhältnisse, vom Alltag als Kriegsschauplatz, als Ort der unstillbaren Angst und der unerfüllbaren Jugendträume, führen nicht ins Offene, Unbegrenzte, sondern in die Welt der geschlossenen Stationen, in die Sphäre der psychiatrischen Heilanstalten und religiösen Sekten, handeln davon, wie jemand am Ende seiner Kindheit der Welt abhandenkommt und nur langsam, Schritt für Schritt, wieder in sie zurückkehrt.

"Türme" und "Vergitterte Zuflucht": Das sind die beiden Romane, mit denen Moser sich Anfang der 1980er Jahre als neue Stimme im Konzert der österreichischen Literatur etablierte. Literatur als Zeugenschaft, als existenzielles, durch das eigene Leben beglaubigtes Dokument, als Zeit- und Epochendiagnose, das stand damals hoch im Kurs. An die Stelle des Spiels mit der Sprache trat die Erkundung der Sprachlosigkeit in ihren vielen Gestalten; Wiener Phantasmen und Manierismen traten mehr und mehr in den Hintergrund, es durfte wieder erzählt werden, klar und schlicht und ohne Umschweife, von der Realität der österreichischen Provinz, vom Dunkel der Dörfer und der Ausweglosigkeit der Kleinstadt.

Es war die Zeit, da die Bücher von Franz Innerhofer und Gernot Wolfgruber von Hand zu Hand gingen und eine junge Oberösterreicherin, Brigitte Schwaiger, mit ihrem Romandebüt "Wie kommt das Salz ins Meer" Furore machte. Annemarie E. Moser passte mit ihrer autobiographisch grundierten Prosa ideal in diese literarische Konstellation.

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Die Kritik reagierte begeistert, sprach von einem bedeutenden Anfang, lobte die Mischung aus Authentizität und Sprachkraft, das Vermögen der Autorin, ihren eigenen Fall, den Leidens- und Heilungsweg, den sie selbst gegangen war, zu objektivieren und ihm eine überzeugende poetische Gestalt zu verleihen. Als ein "leises und doch eindringliches Plädoyer für die Vernunft und gegen die (Berührungs-)Angst" lobte etwa Ulrich Weinzierl in seiner Besprechung den Psychiatrie-Roman "Vergitterte Zukunft", und niemand Geringerer als Viktor E. Frankl äußerte anerkennend über den Roman: "Das Buch ist ebenso mutig wie dankenswert."

Damit war die Autorin aber auch festgelegt auf eine bestimmte Thematik und ein bestimmtes Engagement, galt sie fortan als literarische Expertin für die Grenzbereiche der Normalität, für den psychischen Notstand an den Rand Gedrängter - ein Ruf, den ihre späteren Romane "Das eingeholte Leben" (1986) und "Andeutungen eines lebendigen Menschen" (1991) bestätigten und verfestigten.

Offen für Neues

Annemarie E. Moser hätte bis zum heutigen Tag diese Nische besetzen können, doch verweigerte sie sich konsequent einer solchen Einengung, einer Produktion nach bewährtem Rezept, weiß sie doch nur zu gut: "Ich habe viele Gesichter/ Jedes ist/ manchmal eine Maske/ und manchmal wahr." So blieb sie sich selbst auf der Spur, immer bereit, überrascht zu werden, und behielt weiterhin den großen Himmel ihrer Kindheit im Blick.

Im Lauf der Jahre gelang ihr eine Reihe schöner religiöser Gedichte ("Credo mit Zubehör"), unternahm sie in Vers und Prosa Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung und gelangte schließlich, abseits des literarischen Jahrmarkts, zu selbstironischer Gelöstheit und Abgeklärtheit: "Wirf dein Brot hin auf die Fläche der Wasser, nach vielen Tagen wirst du es finden." Dieser Vers aus dem Buch Kohelet hat Annemarie E. Moser bereits in jungen Jahren beeindruckt, hat ihr immer wieder aufs Neue Hoffnung gegeben, eine Hoffnung, die ihre Texte einzulösen wissen.