"Wiener Zeitung": Frau Rektorin Sych, Sie leiten seit 2015 als erste Frau die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw). Wie ist es Ihrer Einschätzung nach um den österreichischen künstlerischen Nachwuchs bestellt?

Ulrike Sych: In der Künstlernachwuchsförderung wird in Österreich sehr viel getan. Ich denke da beispielsweise an den Jugendmusikwettbewerb "prima la musica" bzw. an die Musikschulen, die österreichweit beste Arbeit leisten. Gerade im Bereich der Blechbläser gibt es einen großen Anteil an österreichischen Nachwuchskünstlerinnen und Nachwuchskünstlern, weil die Länder in fast jedem Bezirk über eine Blasmusikkapelle verfügen bzw. in Österreich generell viel musiziert wird. Wo meiner Ansicht nach Luft nach oben wäre, ist im allgemeinen Bildungssystem, was musische Fächer anlangt.

Studienplätze an der mdw, zu der u.a. auch das Max Reinhardt Seminar und die Filmakademie zählen, sind heiß begehrt. Von jährlich über 3.000 Bewerberinnen und Bewerben schaffen nur zehn Prozent die Aufnahmeprüfung. Rund 50 Prozent der Studierenden sind ausländische Studenten.

Sogar etwas darüber, die mdw ist eine sehr internationale Universität. Unsere Studierenden kommen aus 72 Nationen. Wir sind sehr qualitätsbezogen, sehr streng bei den Zulassungsprüfungen und in der glücklichen Lage, die besten Studierenden aus der ganzen Welt auswählen zu dürfen. Das bedeutet für die Bewerberinnen und Bewerber, dass sie an der mdw einen starken internationalen Wettbewerb in der Zulassung bestehen müssen. Gleichzeitig heißt das aber auch, dass sie sich bereits in einem sehr frühen Alter für die Kunst entscheiden müssen.

Rektorin Ulrike Sych im Gespräch mit Christine Dobretsberger. 
- © Peter Jungwirth

Rektorin Ulrike Sych im Gespräch mit Christine Dobretsberger.

- © Peter Jungwirth

In internationalen Rankings wird die mdw seit Jahren in Top-Position gereiht. Welche Bedeutung kommt hier dem Standort Wien zu?

Eine große. Wir bieten unseren Studierenden die Möglichkeit, mit den bedeutendsten Kulturinstitutionen kooperieren zu können, beispielsweise mit Burgtheater, Staatsoper oder den Wiener Philharmonikern. Zum Zweiten hat Wien eine große freie Kunstszene, die ebenfalls von unseren Studierenden bespielt wird. Und dann ist Wien natürlich berühmt für seine Klangtradition. Wir unterrichten Instrumente, die es nur bei uns gibt, wie etwa das Wiener Horn oder die Wiener Pauke, und beforschen diese Tradition auch an unserem Institut für Wiener Klangstil.

Das neue Future Art Lab am Anton-von-Webern-Platz 1 
- © Hertha Hurnaus

Das neue Future Art Lab am Anton-von-Webern-Platz 1

- © Hertha Hurnaus

Im Sommer wurde am Campus der mdw das Future Art Lab eröffnet, ein architektonisch hochmodernes Gebäudeensemble, das u.a. Raum für ein Klang- theater, ein Tonstudio, einen Konzertsaal sowie ein Kino bietet. Welche Ziele sind mit diesem Neubau verknüpft?

Wir möchten unseren Studierenden die besten Rahmenbedingungen für ihr Studium bieten. Unsere Filmstudierenden können hier die volle Realität der Filmproduktion simulieren. Durch die neue räumliche Nähe etwa von TonmeisterInnen-Ausbildung und Filmakademie ergeben sich wunderbare Synergien zwischen den Instituten.

Beobachten Sie den weiteren Karriereweg Ihrer Absolventinnen und Absolventen?

Ja, manche kommen auch als Lehrende zurück, wie zum Beispiel Olga Neuwirth, die ab Oktober an der mdw Komposition unterrichten wird.

Welche prominenten Absolventen fallen Ihnen spontan noch ein?

Angelika Kirchschlager, Kirill Petrenko, Andrés Orozco-Estrada, Rudolf Buchbinder, Zubin Mehta, Elisabeth Orth, Jessica Hausner, die ebenfalls nun an der Filmakademie unterrichtet. Die Liste ist lang...

Sie haben zuvor anklingen lassen, dass Sie sich im schulischen Bereich eine stärkere Hinwendung zu musischen Gegenständen wünschen würden...

Ich finde es sehr bedauerlich, dass Musik und Bildnerische Erziehung im österreichischen Schulwesen sehr an den Rand gedrängt sind, weil man in diesen Fächern Soft Skills erlernt, die von größter gesellschaftlicher Bedeutung sind.

"Ich bin extrem gerne Rektorin, bin von Herzen Künstlerin, und Unterrichten macht mir sowieso die größte Freude. Mein Tag müsste 90 Stunden haben..." 
- © Peter Jungwirth

"Ich bin extrem gerne Rektorin, bin von Herzen Künstlerin, und Unterrichten macht mir sowieso die größte Freude. Mein Tag müsste 90 Stunden haben..."

- © Peter Jungwirth

Zum Beispiel?

Die sozialen Kompetenzen werden gestärkt. Gerade in Hinblick auf die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen wie Integration und Krisenbewältigung ist das von größter Relevanz. Miteinander zu musizieren steigert die Empathie. Es ist bewiesen, dass Kinder, die Musikklassen besuchen, weniger Mobbingfälle in den Klassen haben, weil sie durch das Gehörtraining viel früher spüren, in welcher Stimmung ihr Visavis ist, und entsprechend darauf reagieren können. Zu singen oder ein Instrument zu erlernen bedeutet auch, dass man diszipliniert üben muss. Ein weiterer Aspekt ist die Selbstreflexion. Wenn ich etwas einübe, bin ich immer selbstkritisch: Wie klingt das, wie hört sich das an? Eine gute Feedback- und Kritikkultur zu entwickeln, ist für die gesamte Gesellschaft ein ganz wesentlicher Aspekt.

Sie selbst haben am Mozarteum in Salzburg Musikpädagogik mit den Hauptfächern Gesang und Klavier studiert und betonen immer wieder, dass Sie sehr gerne unterrichten.

Wenn ich könnte, würde ich alles machen. Ich bin extrem gerne Rektorin, bin von Herzen Künstlerin, würde am liebsten jeden Tag ein Konzert singen und Unterrichten macht mir sowieso die größte Freude. Mein Tag müsste 90 Stunden haben.

Was genau macht beim Unterrichten die Faszination für Sie aus? Die Weitergabe der Liebe zur Musik?

Es ist die Kraft der Musik. Wenn Kinder gemeinsam musizieren und sich im Zusammenklang finden, entsteht eine wunderbare Gruppendynamik. Dieser Enthusiasmus, dieses Leuchten in den Augen! Hinzu kommt, wenn man sich die Stundenpläne von Schülern ansieht, haben sie zum Teil ja ein Tagespensum wie Manager. Zu singen und zu musizieren bedeutet für Kinder und Jugendliche auch eine Form des Stress- und Aggressionsabbaus. Hier kommt die Heilkraft der Musik ins Spiel. Auch das ist ein Aspekt des Kunstunterrichts.

Ursprünglich wollten Sie Pianistin werden. Wieso kam letztlich alles anders?

Ich komme aus einem sehr musikalischen Elternhaus. Mein Vater stammt aus dem Innviertel und hat gemeinsam mit seinen Brüdern schon im elterlichen Wirtshaus für die Gäste musiziert. Diese Tradition wurde in meiner Familie weitergelebt. Meine Eltern haben Zither gespielt, mein Bruder Gitarre, meine Schwester Hackbrett und ich Geige. Mit sechs Jahren habe ich mit Klavier begonnen - und ich denke, ich war begabt. Mein Dilemma ist oft, dass ich viele Dinge spannend finde. Auch Jus! Nach der Matura stellte sich dann die Frage: Studiere ich Jus, werde ich Konzertpianistin oder arbeite ich im musikpädagogischen Bereich mit Kindern und Jugendlichen?

Konzertsaal im neu errichteten Future Art Lab am Campus der mdw. - © Hertha Hurnaus
Konzertsaal im neu errichteten Future Art Lab am Campus der mdw. - © Hertha Hurnaus

Weshalb fiel die Wahl auf Musikpädagogik?

Weil Pianistin ein relativ einsamer Job sein kann. Du musst mindestens acht Stunden am Tag alleine am Instrument üben - und ich bin doch ein geselliger Mensch. Parallel dazu begann ich an der Universität Salzburg ein Lateinstudium. Im Rahmen der Musikpädagogik hatte ich das Pflichtfach Gesang und das große Glück, im ersten Semester einer Opernsängerin zugewiesen zu werden, die sofort mein sängerisches Talent entdeckt hat. Sie animierte mich dazu, die Zulassungsprüfung für Gesang zu machen, die ich dann auch wirklich bestanden hatte. Mein Vater meinte, Latein kannst du auch studieren, wenn du alt bist, Gesang nur, wenn du jung bist. Nach dem Studium ging ich dann ins Ausland, um mich weiter zur Sängerin ausbilden zu lassen.

Von der Stimmlage sind Sie lyrischer Sopran mit einem weitgefassten Repertoire - von Oratorium bis zu Oper und Musical. Was liegt Ihnen am nächsten?

Das ist schwierig zu beantworten, man singt immer das am liebsten, was man gerade einstudiert hat. Aber wenn ich salopp schnell antworten soll, ist mein Herz sehr bei Liederabenden. Für mich ist Liedgesang die Hochkultur des Gesangs. Ein Lied zu singen, bedeutet für mich, mit der Stimme ein Gedicht zu malen.

Wie kam es, dass Sie letztlich doch den universitären Karriereweg einschlugen?

Als ich mich für die Stelle als Gesangslehrerin an der mdw beworben habe, war ich eben erst aus dem Ausland nach Wien gekommen. Es war ein perfektes Timing: Ich konnte unterrichten, singen und wurde vom damaligen Rektor auch in den Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen entsandt.

Das Thema Antidiskriminierung liegt Ihnen zeit Ihres Lebens am Herzen. Gibt es dafür spezielle Gründe?

Eigentlich reicht das schon in meine Kindheit zurück. Ich kann mich erinnern, dass ich bereits in der Volksschule für schwache Schülerinnen und Schüler, die sich nicht durchsetzen konnten oder die gemobbt wurden, Stellung bezogen habe. Auch in meiner Familie ist das immer schon Thema gewesen, dass man hilft, wenn Hilfe gebraucht wird. Als ich dann an der mdw in den Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen berufen wurde, bin ich auch juristisch und strategisch in dieses Thema hineingewachsen, und irgendwann war es dann so weit, dass ich diesen Arbeitskreis geleitet habe. Als Vorsitzende behielt ich mir das schwierigste Thema: die sexuelle und geschlechterbezogene Belästigung.

Gerade im Kunst- und Kulturbereich ist sexuelle Belästigung ein Thema und gipfelte 2017 auch in der MeToo-Bewegung. Fanden Sie diese Initiative gut?

Ja, ich halte es für sehr gut, dass sich Opfer endlich trauen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Kein Verständnis hingegen habe ich für Personen, die dieses sehr schwierige Thema für sich als Instrument benützen, um in die Medien zu kommen.

Es ist kein Geheimnis, dass es am Kunst- und Kultursektor nicht einfach ist, sich beruflich zu etablieren. Nun wird diese Situation durch die Corona-Krise noch verschärft. Wie sehen Sie die Zukunftsaussichten für Kunststudierende?

Ich bin ein optimistischer Mensch. Ich sehe die Krise als interimistisch und bin überzeugt, dass wir früher oder später - und ich glaube eher früher als später - in der "neuen Normalität" angekommen sein werden. Wir müssen alles Menschenmögliche tun, um uns und den anderen zu schützen, nur so können wir diese Krise bewältigen. Aber ich bin überzeugt, dass sich der totale Shutdown von Kunst und Kultur nicht wiederholen wird. Das ist eine Maßnahme gewesen, um die Pandemie einzudämmen. Da sind wir nun einen Schritt weiter, hoffe ich zumindest!

"Ich würde es begrüßen, dass Kunst und Kultur - so wie Nachhaltigkeit, Umwelt- und Klimaschutz - ebenfalls ein erklärtes Staatsziel in der Verfassung wird." 
- © Peter Jungwirth

"Ich würde es begrüßen, dass Kunst und Kultur - so wie Nachhaltigkeit, Umwelt- und Klimaschutz - ebenfalls ein erklärtes Staatsziel in der Verfassung wird."

- © Peter Jungwirth

Wie sind die Studierenden mit dieser Situation umgegangen?

Sehr bitter war es natürlich für all jene, die in den letzten beiden Jahren mit dem Studium fertig geworden sind und in diesem für die Karriere sehr wichtigen Zeitraum keine oder fast keine Möglichkeiten des Vorspielens hatten. Denn der nächste Jahrgang rückt nach, das heißt, der Wettbewerb, jetzt an Jobs zu kommen, hat sich für diese zwei Jahrgänge verdoppelt. Gerade nach Absolvierung der Diplom- und Masterprüfungen ist man in absoluter Hochform. Das muss man sich wie bei Sportlern vorstellen, die viele Jahre auf einen Event hintrainieren. Und dann befindet man sich plötzlich in der Warteschleife, in einem zwei- oder dreijährigen Stau. Für diese Jahrgänge ist es weltweit besonders schwierig, beruflich Fuß zu fassen.

Haben Sie in den letzten beiden Jahren die Beobachtung gemacht, dass Studierende aus Angst, in Zukunft keinen Job zu bekommen, das Studium vorzeitig abgebrochen haben?

Nein, diese Beobachtung habe ich nicht gemacht, aber dass sich einige Studierende sehr große Sorgen machen, sehr wohl. Deshalb haben wir auch an unserer Universität den psychologischen Dienst verdoppelt, um die Studierenden während der Pandemie auch psychohygienisch und seelisch zu unterstützen. Dieses Angebot wurde gut angenommen.

Was hat Ihnen persönlich im Zuge der Lockdowns die größten Sorgen bereitet?

Dass viele Studierende nicht arbeiten konnten. Und zwar nicht nur, weil die Kulturinstitutionen schließen mussten, sondern auch, weil die Gastronomie geschlossen war, wo viele nebenbei jobben, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Es war auch nicht möglich, bei Hochzeiten, Beerdigungen oder Geburtstagsfeiern zu spielen. Da bin ich unserer Universität und der Hochschülerschaft unendlich dankbar, dass ein hausinterner Spendenaufruf rund 100 Studierende vor dem Prekariat schützen konnte. Dank dieses Unterstützungsfonds - der überaus großzügig von der Ernst- von-Siemens-Musikstiftung unterstützt wurde - ist es uns gelungen, die Studierenden, die es besonders hart getroffen hat, existenziell über die Krise zu tragen.

Die Corona-Krise hat auch zutage gebracht, dass Kunst und Kultur selbst in einem Land wie Österreich, das als Kulturnation gilt, letztlich keinen allzu hohen Stellenwert genießt. Wie geht man mit dieser Erkenntnis um, wenn man an der Spitze einer Institution steht, die für die Zukunft des künstlerischen Nachwuchses Verantwortung trägt?

Ich bin, ehrlich gesagt, persönlich darüber sehr erschrocken und es hat mich auch stellvertretend für die österreichischen Künstlerinnen und Künstler verletzt. Andererseits war es erfreulich zu sehen, dass letztlich von selbst der Beweis erbracht wurde, dass Kunst und Kultur systemrelevant sind. Menschen haben zu Hause begonnen zu musizieren, Theater zu spielen, Geschichten zu erfinden und Filme zu drehen, die dann auf Social-Media-Kanälen veröffentlicht wurden. Oder die berühmten Balkonkonzerte. Die Welt selbst ist plötzlich zu einer riesigen Kunstkulisse geworden und ich würde es begrüßen, dass Kunst und Kultur - so wie Nachhaltigkeit, Umwelt- und Klimaschutz - ebenfalls ein erklärtes Staatsziel in der Verfassung wird. Das steht meiner Meinung nach dringend an und sollte jetzt umgesetzt werden. In der Salzburger Landesverfassung ist Kunst und Kultur übrigens bereits ein erklärtes Ziel.

Die Salzburger Festspiele sind natürlich auch ein wichtiger Tourismus- und Wirtschaftsfaktor...

Es gibt viele Gründe, warum Kunst und Kultur nicht aus der Gesellschaft und der Bildung wegzudenken sind. Die Welt verändert sich jetzt ganz stark - und mit ihrer kreativen Kraft vermögen Kunst und Kultur diese Veränderungen nachhaltig zu begleiten.