"Wiener Zeitung": Herr Molcho, in Ihrem jüngsten Buch, "Territorium ist überall", befassen Sie sich nicht mit Ihrem Spezialthema Körpersprache, sondern, wie der Titel bereits verrät, mit dem Thema Territorium. Was hat Sie dazu bewogen?

Samy Molcho: Als Pantomime oder als Künstler steht immer die Beobachtung oder die Wahrnehmung von Situationen an erster Stelle. Als ich in den 1960er Jahren begann, auf Tournee zu gehen, war ich auf der ganzen Welt unterwegs. Im Zuge dieser Reisen überquerte ich viele territoriale Grenzen, was in den 60er Jahren nicht so einfach war wie heute. Bei jeder Überquerung einer Grenze war mir klar, dass ich nicht nur physische territoriale Gebiete bereise, sondern mich auch von einem kulturellen Territorium zum anderen bewege.

- © Ariston
© Ariston

Wenn im alltäglichen Sprachgebrauch von Territorium die Rede ist, meinen wir üblicherweise politische Abgrenzungen und Territorien.

In meinem Lebensalltag habe ich so viele Situationen erlebt, in denen Menschen ein territoriales Verhalten zeigten. Dabei ging es oft gar nicht um physische Gebiete, sondern auch um sprachliche und geistige. Je nach kultureller Prägung ist das Verhalten der Menschen anders, die Beziehungen innerhalb der Familie, auch Sprache markiert ein ganz bestimmtes Territorium. Wie jemand spricht, an seiner Wortwahl, an seinem Dialekt erkennen wir sofort, aus welchem Landesteil oder welcher sozialen Schicht er stammt.

Sie beschreiben in Ihrem Buch viele Alltagssituationen, in denen Konflikte lauern, die territorialen Ursprungs sind. Zum Beispiel die Bäume in Nachbars Garten, die unseren Pflanzen die Sonne verdecken.

An diesem Beispiel sieht man, dass territoriale Grenzen oft fließend sind. Im Prinzip stehen die Bäume ja auf dem Grund und Boden des Nachbarn und gehen uns nichts an. Aber sie verdecken die Sonnenstrahlen, die ja eigentlich allen gehören und in diesem Fall uns vorenthalten werden. Damit wird das als Angriff auf unser Territorium empfunden. Es liegt in der Natur des Menschen, in einem ersten Impuls aggressiv auf diese Verletzung des eigenen Territoriums zu reagieren. Man will seinen Garten, sein Territorium verteidigen.

Sie gehen davon aus, dass allein das Wissen über den territorialen Ursprung eines Problems Konflikte verhindern könnte.

Wenn mir bewusst ist, weshalb ich mich ärgere, kann ich beginnen, nach einer Lösung zu suchen. In diesem speziellen Fall war es recht einfach. Ich sprach mit meinem Nachbarn und machte ihm das Angebot, einen Gärtner zu bezahlen, der die Bäume ein wenig zurückschneidet.

In diesem Buch werden viele Fragen aufgeworfen, die großteils unbeantwortet bleiben.

Ich bin nicht der Besserwissende, das ist nicht die Rolle eines Künstlers. Als Künstler haben wir empfindsame Antennen, wir zeigen Probleme auf oder weisen auf sie hin, aber wir lösen sie nicht. Dafür gibt es andere Instanzen. Aber ich denke, wenn man sich bestimmte Situationen oder Problemstellungen bewusst macht, findet man auch Alternativen. Jeder Mensch ist klug genug, seine Alternativen zu finden. Es gibt nicht eine Lösung für alles. Diesen Passepartout-Schlüssel, diese leichtere Lösung für alle Probleme gibt es nicht. Aber wenn ich weiß, was der Kern der Ursache meines Ärgers oder meiner Irritation ist, ist das ein erster Schritt.

- © Tatjana Sternisa
© Tatjana Sternisa
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Sie beschreiben auch eine Situation, die jeder schon einmal im Urlaub erlebt hat: Man kommt in der Früh an den Strand und die besten Liegenstühle sind bereits mit einem Handtuch reserviert...

Selbst wenn der Handtuchbesitzer erst am Nachmittag kommt, respektieren die anderen Gäste dieses Signal: Dieses Territorium ist vergeben! Moralisch gesehen ist das nicht fair, denn alle Gäste hätten ein Recht auf diese Sonnenliegen. In der Öffentlichkeit gibt es gewisse Regeln. Dazu gehört auch, dass wir Territorium teilen.

Ein durch die Zuwanderung bekanntermaßen konfliktbeladenes Thema sind kulturelle Territorien und Unterschiede. Ein Zitat aus Ihrem Buch lautet: "Einen offenen Geist für das Miteinander zu bewahren, fällt nicht immer leicht."

Es ist auch nicht einfach. Allein, wenn man an die unterschiedlichen Religionen denkt, gibt es viele Kulturunterschiede im Alltag. Was bei den einen richtig und üblich ist, gilt bei den anderen als inakzeptabel. Fehlendes Wissen über bestimmte kulturelle "Spielregeln" und Rituale kann zu Missverständnissen und Konflikten auf beiden Seiten führen.

Wie empfinden Sie das persönlich? Sie sind in Israel geboren und aufgewachsen und leben nun seit vielen Jahrzehnten in Österreich. Ist es möglich, im Herzen zwei Kulturen zu tragen und zu vereinen?

Ich kann zwei Kulturen in mir tragen. Jede Kultur hat ihr Territorium und sie beeinflussen sich gegenseitig. Und jede Existenz ist in ein Netz von Austausch eingebettet. Der Austausch der Kulturen kann bereichernd sein, sofern eine gute Balance herrscht und gegenseitiger Respekt. Es ist ein Prozess, der sich sehr langsam vollzieht. Und mit dem Wachstum entstehen neue Möglichkeiten, neue Realitäten, neue Standpunkte. Das ist das Schöne am Leben. Aber es braucht gegenseitigen Respekt und Geduld. Denken Sie beispielsweise an den Jugendstil. Die Maler dieser Epoche, wie etwa Klimt, wurden von japanischer oder chinesischer Kunst inspiriert. Hier sagt niemand, das ist eine territoriale Eroberung, sondern man sieht es als Bereicherung. Grenzen sind Identität - und Identität ist wichtig, aber mit Respekt gegenüber anderen Identitäten.

Hat man, wenn man so lange wie Sie fern des Heimatlandes lebt, auch Sorge, die eigene Identität zu verlieren?

Ich weiß, wo die Grenze ist. Ich liebe Österreich. Ich habe Österreich über viele Jahre im Ausland präsentiert. Ich bin ein Österreicher, aber gleichzeitig bin ich keiner. Das hat nicht nur mit dem Dialekt zu tun, den ich nicht kann. Ich bin anders aufgewachsen. Es bringt Leute oft zum Lachen, dass ich, wenn ich essen gehe, immer eine kleine Box mit Gewürzen dabeihabe. Wenn ich mein Essen damit würze, fühle ich mich plötzlich wohl. Es ist ein Teil Heimat.

Ein Stück der Heimat hat Ihre Frau Haya sozusagen in Form ihrer beiden NENI-Restaurants nach Wien gebracht.

- © Amalthea
© Amalthea

Nicht nur die orientalische, auch die italienische Küche ist ein gutes Beispiel dafür, dass kulinarische Grenzen im Laufe der Zeit aufgehoben wurden. Anders als vor 40 Jahren ist die Pizza in unseren Breiten ein selbstverständliches Gericht geworden. Heute würde niemand auf die Idee kommen, die Pizza oder andere italienische Speisen als Bedrohung für die österreichische Küche und ihr kulturelles Territorium zu betrachten.

Nun zu Ihrem Karriereweg: Was hat Sie als junger Mann bewogen, im Alter von 24 Jahren Israel zu verlassen und nach Europa zu gehen?

Als Solist in der Pantomime ist ein Land wie Israel zu klein. So oft kann man nicht ein neues Repertoire erfinden. Jeder Solist, egal ob in der Musik oder in der darstellenden Kunst, reist in der Welt herum. Mein Vorteil war, dass Pantomime nicht sprachbegrenzt ist und somit auf der ganzen Welt verstanden wird.

Wieso wählten Sie Wien als Lebensmittelpunkt?

Das war reiner Zufall. Joram Harel ist seit über 60 Jahren mein Manager. Wir kennen einander aus Israel. Seine Mutter lebte in Wien und von daher gab es hier einen familiären Anknüpfungspunkt. Wien war für mich sehr angenehm, hatte die ruhige Atmosphäre einer Kleinstadt mit dem Angebot und den Vorteilen einer Großstadt. Wenn sich zwischen den Tourneen einmal ein längerer Aufenthalt in Wien ergab, hielt ich Blockseminare am Max-Reinhardt-Seminar. So entstand meine Beziehung zu Österreich.

Seit 1978 sind Sie mit Ihrer Frau verheiratet. Als Ihr erster Sohn auf die Welt kam, beendeten Sie Ihre Bühnenkarriere. Damals waren Sie Ende 40 und am Höhepunkt Ihrer Karriere.

Das war eine ganz bewusste Entscheidung. Ich war oft drei, vier Monate am Stück in der Welt unterwegs. Kinder sind keine Koffer. Wenn ich eine Familie gründe, möchte ich erleben, wie die Kinder sich entwickeln und wachsen. Ich möchte Vater sein und nicht Gast. Das war die Entscheidung - verbunden mit der Tatsache, dass ich aus der Pantomime aussteige. Familie war ein neues Territorium mit neuen Spielregeln.

Stellte sich für Sie nicht die Frage, wohin mit der Kreativität?

Ich übernahm dann am Max-Reinhardt-Seminar eine Professur und parallel dazu machte ich Regie. Später habe ich damit begonnen, Seminare für Körpersprache zu halten.

"Pantomime ist eine Kunstform. Körpersprache ist Alltag." 
- © Tatjana Sternisa

"Pantomime ist eine Kunstform. Körpersprache ist Alltag."

- © Tatjana Sternisa

Pantomime und Körpersprache sind zwei unterschiedliche Bereiche.

Unterschiedlich und nah zugleich. Wieder sprechen wir von fließenden Grenzen. Pantomime ist eine Kunstform. Körpersprache ist Alltag. Um einen Charakter zu zeigen, muss ich als Pantomime die Körpersprache eines Menschen verstehen und lesen können.

War bei der Erziehung Ihrer Söhne die Vermittlung von Körpersprache ebenfalls ein Thema?

Nein, ich halte mehr von Vorbildwirkung. Kinder registrieren sehr genau die Art und Weise, wie Eltern miteinander umgehen.

Obwohl in Ihrem Haus genügend Platz gewesen wäre, sind Ihre vier Söhne bis zur Pubertät in einem gemeinsamen Zimmer aufgewachsen. Weshalb?

Dahinter stand die bewusste Entscheidung: Ich bilde eine Gruppe. Meine vier Söhne sind bis heute ganz eng. Es gibt nichts, das uns mehr verbindet als eine gemeinsame Kindheitserinnerung. Die Herausforderung war zu lernen: Wie teilen wir den Raum miteinander? Respekt vor dem Raum des anderen zu entwickeln, ist meiner Ansicht nach im Leben ein ganz wichtiges Prinzip. Auch zwischen mir und meiner Frau. Es gibt eine große gemeinsame Basis, das ist das Fundament, aber zugleich hat jeder das Recht auf seinen Freiraum.

Gibt es in Ihrer Ehe nie Auseinandersetzungen?

Natürlich gibt es Auseinandersetzungen! Mein Satz ist dann immer: "Haya, sprechen wir über das, was uns verbindet, und nicht über das, was uns trennt." Wenn das, was uns verbindet, immer noch stark vorhanden ist, kann das, was uns trennt, leichter akzeptiert werden. Es ist eine Frage des gegenseitigen Respekts. Ein Beispiel: Meine Familie isst Fleisch, ich bin Vegetarier, aber niemand versucht, den anderen zu überzeugen.

Seit wann ernähren Sie sich vegetarisch?

Ich bin in einem vegetarischen Elternhaus aufgewachsen, aber mit großer Toleranz. Von Zeit zu Zeit bekamen mein Bruder und ich ein bisschen Fleisch, damit sich unser Magen auch daran gewöhnt. Das war gut so, denn als ich nach Europa kam, hätte ich vor Hunger sterben können! Meine Haupteiweißquelle waren Linsen, aber selbst die gab es nur in Kombination mit Speck! Damals gab es nur ein einziges vegetarisches Restaurant in Wien, das war am Petersplatz im zweiten Stock.

Sie haben dann selbst gekocht?

Ich musste! Und wenn ich unterwegs war, habe ich eine Zeit lang Fleisch gegessen, weil es damals eben schwierig war, sich rein vegetarisch zu ernähren. Ich wusste, ich brauche Kraft auf der Bühne.

Weil Sie zuvor Ihr Elternhaus ansprachen: Kommen Sie aus einer Künstlerfamilie?

Überhaupt nicht. Ich kann mich noch an den Satz erinnern: "Räumt die Wäsche weg, die Artisten kommen!" Als mein Vater in Pension war, begann er zu malen, aber das erfuhr ich erst später. Meine Eltern wussten nicht, dass ich Theater spiele. Ich spielte unter einem Pseudonym. Erst als in der Zeitung Fotos von mir abgedruckt waren, kam alles ans Licht.

Wie kamen Sie auf die Idee, sich auf Pantomime zu spezialisieren?

Ursprünglich habe ich mit Tanz angefangen, parallel dazu Theater gemacht. Tanz war mir zu abstrakt und am Theater waren für mich zu viele Wörter. Hinzu kam: Ich war nie ein Gruppenmensch, ich war immer Solist, in meinem Denken, meiner Art zu leben etc. Dann kam eines Tages Étienne Decroux nach Israel und gab ein Seminar. Er gilt zu Recht als Vater der modernen Pantomime und als Mitbegründer des modernen Körpertheaters. Er selbst war keine Bühnenpersönlichkeit, aber seine Technik war genial und hat mich und andere junge Künstler sehr beeinflusst. Ich spürte: Das ist mein Platz! Als Pantomime kann ich meine eigene Geschichte, meine Ideen, meine Inszenierung auf die Bühne bringen.

Vögel auf magische Weise darzustellen, zählte immer wieder zu den Highlights Ihrer Programme.

Vögel sind unglaublich faszinierend! Sie waren die Rettung für mich beim Militär. Als ich in Israel meinen Militärdienst zu absolvieren hatte, ergab sich nach einiger Zeit das große Glück, dass eine Offizierin mir die Möglichkeit eröffnete, dabei mitzuwirken, eine neue Brieftauben-Station aufzubauen.

Sie haben dann Brieftauben trainiert und gezüchtet?

Ja. Es war eine kleine Einheit und wir waren im Norden Israels stationiert. Damals gab es noch kein Internet und wir haben sehr viel mit dem Geheimdienst gearbeitet. In Regionen, wo man keinen Funk benutzen durfte, wurden Tauben verschickt. Ich kannte jede Taube, wusste ganz genau, welche Körner sie gerne frisst. Abends, wenn alle Kollegen schon schliefen, absolvierte ich dann mein Balletttraining. Ich war zumindest leise, in meiner Einheit war auch ein Violinist, und das haben die Leute nicht so gerne gehabt, wenn er seine Übungen gemacht hat.

Im Alter von 23 Jahren hatten Sie dann Ihr erstes abendfüllendes Pantomime-Soloprogramm.

Das war zunächst ein großer innerer Konflikt. Als gut erzogener junger Mann stellte ich mir die Frage: Welches Recht habe ich, mit 23 Jahren auf die Bühne zu kommen, und erwachsene Leute schenken mir das Kostbarste, was es gibt: zwei Stunden ihrer Lebenszeit. Was hast du in deinem Alter zu erzählen? Am Theater ist das anders, man interpretiert Molière oder Shakespeare, als Pantomime erzählst du deine eigene Geschichte. Aber ich habe die Lösung gefunden: Was ich zu sagen habe mit 23, werde ich mit Sicherheit nicht mit 30 oder 40 Jahren sagen. Somit war es mein gutes Recht, die Weltanschauung von einem 23-Jährigen auf die Bühne zu bringen.