"Wiener Zeitung": Frau Lang, als ich Sie gefragt habe, wen Sie sich als seelenverwandten Gesprächspartner wünschen, haben Sie sich für Didi Drobna entschieden. Das hat sicher gute Gründe ...

Mari Lang: Wir kennen einander schon sehr lange. Das erste Mal richtig ins Gespräch kamen wir im Rahmen des Literaturwettbewerbs auf Schloss Wartholz. Didi saß damals in der Jury und ich moderierte. Dieser Abend hat einen starken Eindruck bei mir hinterlassen und ab diesem Zeitpunkt waren wir über Social Media vernetzt.

Didi Drobna: Meine frühste Erinnerung an dich geht sogar noch zwei Jahrgänge zurück. Auch damals hast du in Wartholz sehr kompetent und sympathisch moderiert und ich war die aufgeregte Literaturwettbewerbsfinalistin, die bei der Nennung ihres Namens übermotiviert auf die Bühne gestürmt ist, was eigentlich gar nicht vorgesehen war.

Lang: Sehr vertieft hat sich unsere Freundschaft dann durch das Laufen. Ich trainierte damals für die 10-Kilometer-Challenge beim Frauenlauf - und es war cool, dies gemeinsam zu tun.

"Ich möchte den Spieß umdrehen - dass sich Männer auch einmal so fühlen, wie sich Frauen in der Gesellschaft und in der Öffentlichkeit fühlen, indem ich Fragen stelle, die normalerweise Frauen zu hören bekommen." 
- © Tatjana Sternisa

"Ich möchte den Spieß umdrehen - dass sich Männer auch einmal so fühlen, wie sich Frauen in der Gesellschaft und in der Öffentlichkeit fühlen, indem ich Fragen stelle, die normalerweise Frauen zu hören bekommen."

- © Tatjana Sternisa

Während des Trainings blieb noch Luft zum Reden?

Drobna: Jaja, da reden wir wirklich in einer Tour durch.

Lang: Und da ist dieses Gefühl entstanden, das ich als seelenverwandt bezeichnen würde.

Würden Sie sagen, dass Ihre Freundschaft auch Auswirkungen auf Ihr berufliches Schaffen hat?

Lang: Auf jeden Fall, weil wir natürlich auch viel über die Arbeit sprechen.

Drobna: Ich kann mich erinnern, als du mir sehr früh von deiner Idee des Podcasts erzählt hast. Das war für mich sehr spannend, weil ich dir so richtig beim Denken und Weiterentwickeln dieser Idee zuhören und zuschauen konnte. Meistens ist es ja unter uns Schreibenden so, dass die beste Hilfe die Hilfe zur Selbsthilfe ist. Einfach laut vor sich hinzureden und jemanden zu haben, der zuhört, ist meiner Erfahrung nach die größte Hilfe. Die meisten Fragen kann man sich dann oft selber beantworten.

Frau Drobna, Ihr jüngstes Buch, "Was bei uns bleibt", unterscheidet sich thematisch stark von Ihren beiden vorangegangenen Romanen. Was hat Sie bewogen, sich mit dem Zweiten Weltkrieg auseinanderzusetzen, konkret mit der bisher eher unbekannten Geschichte der Hirtenberger Munitionsfabrik?

Drobna: Ich hatte von Anfang an immer die Figur Klara vor meinem inneren Auge, diese ältere Frau, die am Ende ihres Lebens zurückblickt und sich selbst die Frage stellt: Gibt es etwas zu bereuen? Eher zufällig kam mir die Idee, ihr diese Vergangenheit in einer Munitionsfabrik zu geben. Viele Entscheidungen beim Schreiben erfolgen intuitiv und unbewusst. Dann begann ich zu recherchieren und stieß rasch auf Hirtenberg und war sehr überrascht, dass ich noch nie von diesem Ort gehört hatte, der nur 30 Autominuten von Wien entfernt ist und wo 160 Jahre lang die größte Munitionsfabrik Mitteleuropas stand. Ich bin dann wie Alice im Wunderland ins Kaninchenloch gefallen, habe mit Zeitzeuginnen gesprochen, in Archiven recherchiert, auch im Firmenarchiv von Hirtenberg, das sonst für die Öffentlichkeit eigentlich nicht zugänglich ist.

- © Tatjana Sternisa
© Tatjana Sternisa

Gab es Berührungsängste angesichts dieses geschichtsträchtigen Themas?

Drobna:Mir war klar, dass so ein heikles historisches Thema viel Sensibilität und präzise Recherchen verlangt. Am Anfang habe ich mich auch ein bisschen davor gefürchtet. Sehr gewundert hat mich, dass in Hirtenberg keine Gedenktafel existiert, die auf die Vergangenheit hinweist. Dass Österreichs Geschichte dort einfach so vor sich hingammelt, fand ich zum Teil schockierend. Überrascht hat mich auch, dass dieses Thema künstlerisch bisher in keiner Art aufgearbeitet worden ist. Also dachte ich mir, gut, dann werde ich mich mit meiner Klara trauen.

Ich habe gelesen, dass Sie im Zuge Ihrer Recherchen auch selbst Schießunterricht genommen haben.

Drobna: Ich nahm privat Schießstunden, weil ich den Eindruck hatte, wenn ich schon über Waffen und Munition schreibe, sollte ich das vielleicht auch einmal ausprobieren.

"Ich nahm privat Schießstunden, weil ich den Eindruck hatte, wenn ich schon über Waffen und Munition schreibe, sollte ich das vielleicht auch einmal ausprobieren." 
- © Tatjana Sternisa

"Ich nahm privat Schießstunden, weil ich den Eindruck hatte, wenn ich schon über Waffen und Munition schreibe, sollte ich das vielleicht auch einmal ausprobieren."

- © Tatjana Sternisa

Neben der zeitgeschichtlichen Komponente sind das Schweigen über die eigene Vergangenheit sowie die Weitergabe traumatischer Erfahrungen an die nachfolgenden Generationen Kernthemen Ihres Romans. Ist das Thema "Der blinde Familienfleck" etwas, das Sie auch persönlich betrifft?

Drobna: Nein, mir ging es eher um das Transgenerationale. Die Forschung hat bewiesen, dass große Erlebnisse und einschneidende Erfahrungen, die wir Menschen machen, sich epigenetisch in unserer DNA niederschlagen und auch an die nächsten Generationen weitergegeben werden. Der Titel meines Romans - "Was bei uns bleibt" - ist eine Anspielung darauf.

- © Piper
© Piper

Lang:Weil Sie nach blinden Flecken gefragt haben - mit diesem Thema befasse ich mich viel. Mich interessiert Psychologie, was in Familien passiert, wie man miteinander umgeht und warum Männer und Frauen so sind, wie sie sind. Ich habe unlängst mit meinem Mann darüber gesprochen, dass es total spannend ist, wenn man sich die Generation unserer Väter näher ansieht, wo es im Privaten in manchen Bereichen ja große Defizite gibt. Aber wenn man sich dann überlegt, wo deren Väter waren, als sie jung waren, nämlich im Krieg, und dann zumeist traumatisiert heimgekommen sind, wird einem bewusst, dass unsere Väter oft keine Väter hatten, die sie als Vorbild nehmen konnten. Dadurch erklärt sich dann sehr viel.

Drobna: Zugleich ist es ein zutiefst menschliches Thema, oder? Weil wir uns immer die Fragen stellen: Woher kommen wir und was wurde uns mitgegeben von unseren Vorfahren?

Lang: Ich kann mich an ein Gespräch mit dir erinnern, in dem du mir davon erzählt hast, wie das für dich war, als du im Alter von drei Jahren von der Tschechoslowakei nach Österreich gekommen bist. Ich glaube, das ist ebenfalls etwas, das uns verbindet. Meine Mutter kommt aus Ungarn und ich war als Kind in den Fe- rien immer zwei Monate bei den Großeltern in Budapest. Das waren zwei verschiedene Welten. Wenn man als Kind so unterschiedliche Welten kennenlernt, lernt man auf selbstverständliche Weise zu verstehen, dass es ganz unterschiedliche Lebensumstände gibt. Obwohl die Welt hinter dem Zaun eine völlig andere war, war es gleichzeitig eine Welt, in der ich ebenfalls zu Hause war.

Frau Drobna, was war der Anlass, dass Ihre Familie 1989 von Bratislava nach Wien übersiedelte?

Drobna: Meine Eltern haben die Entscheidung getroffen, die viele Eltern für ihre Kinder treffen. Sie sind wohin gegangen, wo sie eine bessere Zukunft für die Kinder erhofft haben. Gleichzeitig war das noch vor der EU und auch der Grund, weshalb ich die Schule in beiden Ländern besucht habe. Meine Eltern wussten nicht, wie lange sie es schaffen werden in Österreich, zumal es natürlich auch eine sehr einsame Angelegenheit ist, in ein vollkommen fremdes Land zu gehen und zu versuchen, sich dort eine neue Existenz aufzubauen.

Sie sind hin und her gependelt?

Drobna: Ich habe in Österreich die Schule besucht und parallel dazu Privatunterricht gehabt und jedes Jahr am Jahresende auch in der Slowakei über Jahresabschlussprüfungen das Schuljahr abgeschlossen. Für mich war das normal, erst viele Jahre später ist mir bewusst geworden, wie verrückt das eigentlich ist, auf zwei Schulstühlen parallel zu sitzen. Gleichzeitig war das eine sehr interessante und befruchtende Zeit, weil die Schulsysteme komplett unterschiedlich aufgebaut waren. Ich konnte erste Reihe fußfrei die kulturellen und bildungspolitischen Unterschiede im Westen und Osten miterleben, wofür ich heute sehr dankbar bin, weil ich glaube, dass dies meinen Horizont massiv geöffnet hat.

Frau Lang, wuchsen Sie ebenfalls zweisprachig auf?

Lang: Ich war als Kind zweisprachig, später war es mir aber nicht recht, dass meine Mutter mit mir ungarisch redet. Ich hatte den starken Drang dazuzugehören und nach und nach ist mein Ungarisch immer schlechter geworden.

Die meisten Menschen kennen Sie in erster Linie aufgrund der Tatsache, dass Sie seit 2015 die ORF-Nachrichtensendung "Sport aktuell" moderieren. Was war der Anlass, dass Sie 2020 den feministischen Podcast "Frauenfragen - Männer antworten" ins Leben riefen, der nunmehr auch in Buchform erschienen ist?

Lang: Der konkrete Anlass war, dass ich zu Beginn der Corona-Pandemie in Kurzarbeit geschickt wurde und mit den Worten verabschiedet wurde, jetzt hast du ja Zeit, dich um deine Kinder zu kümmern. Im Grunde hat sich diese Energie, die ich für die Idee des Podcasts und später dann für das Buch aufgewendet habe, aber schon viel früher aufgebaut, nämlich in dem Moment, als ich Mutter geworden bin. Bis dorthin war ich der festen Überzeugung, dass die Gleichberechtigung ohnehin schon weit fortgeschritten ist. Dann musste ich allerdings feststellen, dass sich durch die Mutterschaft, gesellschaftlich gesehen, viel auftut und ich das Gefühl hatte, plötzlich nur noch als Mutter wahrgenommen zu werden. Alles, was man bisher beruflich gemacht hat, läuft plötzlich unter ferner liefen.

In Ihrem Podcast bzw. Buch konfrontieren Sie prominente Männern wie u.a. Armin Assinger oder Christian Kern mit typischen Fragenfragen wie zum Beispiel: "Wie schafft man es, Kind und Karriere unter einen Hut zu bekommen?", "Besteht Angst vor dem Altern?" etc. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Lang: Ich dachte mir, ich möchte den Spieß umdrehen, ich möchte, dass sich Männer auch einmal so fühlen, wie sich Frauen in der Gesellschaft und in der Öffentlichkeit fühlen, indem ich Fragen stelle, die normalerweise Frauen zu hören bekommen.

- © Leykam
© Leykam

Was hat Sie im Rahmen dieser Begegnungen am meisten überrascht?

Lang: Ein konkretes Beispiel kann ich nicht nennen. Für mich war es vielmehr die Bestätigung dessen, dass unter der Oberfläche noch so viele Geschlechterstereotypen schlummern und dass es für eine wirklich fortschrittliche Gesellschaft noch so viel zu tun gäbe. Das Wichtigste wäre, neue Formen des Miteinanders zu finden. Darum war es mir bei diesem Projekt wichtig, Männer auszuwählen, die Kinder haben.

Beim Gespräch mit Andreas Goldberger hatte ich den Eindruck, dass Sie ihn seit diesem Interview mit anderen Augen sehen.

Lang: Ich kannte ihn vorher persönlich nicht, hatte von ihm nur ein bestimmtes Bild aus den Medien, dass sich nach unserem Gespräch völlig gedreht hat. Er ist meiner Meinung nach ein geheimer Feminist und ich glaube, dass er vom Herzen her total feministisch lebt, auch seine Einstellung, wie zu Hause die Aufgabenteilung erfolgt, ist ganz auf Gleichberechtigung aus.

Dirk Stermann konnte sich sogar zu dem Satz durchringen: "Ich bin ein Feminist ..."

Lang: Stimmt, gefolgt von einem großen Seufzer.

Umgekehrt gefragt: Was wären typische Männerfragen?

Lang: Zum Beispiel Fragen zur Karriere, wobei es bei Männern nie passiert, dass die Fragen oder die Thematik in Bezug zum Geschlecht gestellt wird. Ein Mann wird nicht gefragt, wie haben Sie das denn als Mann geschafft, in diese Managementposition zu kommen?

Drobna: Mannsein in unserer Gesellschaft ist die Baseline, die Norm. Eine Frau in einer Führungsposition weicht von dieser Norm ab. Das ist in der Literatur genau dasselbe. Die gesamte Weltliteratur ist stark männlich geprägt. In meinem Germanistikstudium habe ich die Autorinnen mit der Lupe suchen müssen.

Lang: Obwohl es sie gibt und immer schon gegeben hat.

Drobna: Aber sie sind in der Minderheit. Buchhändler bestätigen mir immer wieder, dass Männer es oft ablehnen, Bücher von oder über Frauen zu lesen. Frauen hingegen greifen sowohl zu Büchern von Männern als auch von Frauen, weil sie von klein auf gewohnt sind, auch die männliche Perspektive einzunehmen und zu lesen. Männer kennen das nicht oder viel weniger und haben daher diesen blinden Fleck. Dem könnte man durch eine diversere literarische Sozialisierung, durch eine Sichtbarbarmachung der weiblichen Lebenswelten gut entgegentreten.

Auf der anderen Seite kann man beobachten, dass in Österreich die heimische literarische Nachwuchsszene sehr stark weiblich geprägt ist.

Drobna: Es tut sich sehr viel, das ist definitiv Fakt, aber diese starren Verlags-, Feuilleton- und Vertriebsstrukturen sind sehr träge und es wird noch eine Zeit dauern, bis wirklich eine Parität erreicht ist. Von soziologischen Studien weiß man, dass der größte Teil der Leserschaft weiblich und der größte Teil der verlegten Literatur männlich ist. Es sind meistens männliche Autoren, die von männlichen Kritikern rezensiert und in den Feuilletonhimmel gehoben werden. Da ist ein patriarchales System dahinter, das sehr lange sehr große Schleusen aufgestellt und ein Geschlecht zu einem großen Teil ausgesperrt hat. Das öffnet und lockert sich mittlerweile, aber es wird noch eine Weile dauern, bis das bei den Leserinnen und Lesern wirklich ankommt.