"Wiener Zeitung": In Krisenzeiten wird gerne zu Selbstfürsorge oder gar Selbstliebe geraten. Doch wie verhindert man, dass man dabei nur noch um sich selbst kreist?

Svenja Flaßpöhler: Indem man die Welt in sich herein- und sich auf die Welt einlässt. Das ist der sehr interessante Unterschied zwischen Empfindsamkeit und Empfindlichkeit. Die Empfindsamkeit richtet sich aktiv nach außen: Ich wende mich empfindsam und empathisch der Welt zu, nehme sie gleichsam in mich auf. Die Empfindlichkeit ist nach innen gerichtet: Ich reagiere empfindlich auf äußere Reize und Störungen, horche in mich hinein und mache mich nach außen hin dicht. Das kann in manchen Situationen auch richtig und wichtig sein. Aber es kann auch dazu führen, dass ich mich verkapsle und nur noch mit meiner eigenen Befindlichkeit beschäftigt bin.

Dazu passt der vorletzte Satz Ihres Buches "Sensibel", der lautet: "Die Resilienz ist nicht die Feindin, sondern die Schwester der Sensibilität." Was meinen Sie damit?

Das Wort "Resilienz" kommt aus dem Lateinischen und bedeutet eigentlich "Abprallen". Deshalb wird Resilienz oft mit Verpanzerung und Verhärtung gleichgesetzt. Doch Verpanzerung hat nichts mit wirklicher Widerstandskraft zu tun. Jede harte Schale bekommt Risse, wenn man nur beharrlich auf eine Stelle schlägt. Wirkliche Resilienz steht mit der Sensibilität in einer Verbindung. Sie geht hervor aus meiner Verwundbarkeit. Wer resilient ist, ist emotional zugänglich, lässt sich bewegen. Letzteres gilt, wenn Sie so wollen, ganz buchstäblich: Denken Sie an Hochhäuser, die nicht zu starr gebaut werden dürfen, weil sie sonst bei starkem Wind einsturzgefährdet sind. Der resiliente Mensch ist sehr wohl sensibel. Gleichzeitig aber wächst er an Krisen, anstatt sie um jeden Preis vermeiden zu wollen.

Was heißt das für uns?

Wir müssen lernen, mit den Herausforderungen der Welt umzugehen. Das kann schmerzhaft sein. Für mich ist Resilienz so ein interessanter Begriff, weil er mit der Krise rechnet. Wir akzeptieren, dass die Welt krisenhaft ist und dass wir lernen müssen, mit diesen Krisen konstruktiv umzugehen. Die Resilienz ist der Gegenbegriff zur Immunität. Immun sein heißt, ich schütze mich, schotte mich ab. Die Resilienz ist durchlässig und akzeptiert, dass es immer Störmomente geben wird.

- © Klett-Cotta
© Klett-Cotta

Resilienz ist die Fähigkeit, Schwierigkeiten durchzustehen und gestärkt aus ihnen hervorzugehen. In Zeiten von Klimakrise, Flüchtlingskrise, Coronakrise und nun dem Krieg mitten in Europa haben viele das Gefühl, in einer nicht enden wollenden Dauerkrise zu leben. Stimmt das überhaupt - und wenn ja, wie können wir damit umgehen?

Ja, es stimmt, wir leben in einer Dauerkrise. Nach Klimakrise und Corona erleben wir einen dramatischen Krieg mit atomarer Bedrohung. Kriege haben eine eskalatorische Dynamik. Das stellt uns vor eine ganz neue Herausforderung und wirft die Frage auf: Was heißt es eigentlich, resilient zu sein gegen diese Gefahr? Der Philosoph Hans Jonas spricht in seinem Buch "Das Prinzip Verantwortung" von einer "Heuristik der Furcht". Damit meint er, wir müssen - gerade, was die Zerstörungskraft der Technologie angeht - vom Schlimmstmöglichen ausgehen. Wir können nicht darauf vertrauen, dass Putin diesen Schritt schon nicht gehen wird. Und das heißt eben auch: Wir können nicht - so hart das klingt - grenzenlos empathisch sein mit der ukrainischen Bevölkerung. Wir können die Ukraine nicht mit allen Mitteln schützen, weil wir dann einen atomaren Krieg riskieren, in dem wir alle, auch die Ukrainer, zugrunde gehen. Woran sich zeigt: Eine gewisse Gefühlskälte kann überlebensnotwendig sein. An Militärs, die sich öffentlich zu Wort melden, kann man das gut studieren. Sie sehen die Lage ganz kalt. Und sind deshalb heute oft die besseren Ratgeber als gefühlsgesteuerte Kulturmenschen, die sich ganz poetisch dabei fühlen, wenn sie "Close the sky" fordern. Würde die Nato den Himmel über der Ukraine schließen, wäre das der Eintritt in den Dritten Weltkrieg. Deshalb müssen wir der Empathie unbedingt kalte Rationalität zur Seite stellen.

Das fällt vielen schwer.

Sicher. Mir auch. Und es ist wirklich ein Balanceakt, denn natürlich dürfen wir uns dem Leid der Anderen nicht verschließen. Wir müssen berührbar sein. In der Geschichte hat sich immer wieder gezeigt, dass die Empathie ein wesentlicher Fortschrittsmotor ist. Denken Sie an "Black Lives Matter". Das Video von der Ermordung George Floyds hat die Welt bewegt, und zwar im umfassendsten Sinn. Seither hat sich das Bewusstsein für Rassismus immens verschärft, und das ist gut so. Dasselbe gilt für "#Metoo" und den Sexismus. Doch müssen wir uns fragen - und hier wird es natürlich heikel -, ob wir im Eifer des Gefechts die Grenzen des Zumutbaren nicht oft viel zu eng ziehen. Der Begriff der sexuellen Belästigung etwa ist sehr weit gefasst. Ist ein Kompliment im Büro schon unzumutbar? Ab wann kippen Annäherungsversuche in Belästigung? Es steht die Frage im Raum, wie viel wir uns in einer freien Gesellschaft wechselseitig zumuten müssen, damit die Gesellschaft frei bleibt.

Neue Ausgabe des "Philosophie Magazins", dessen Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler ist.

Neue Ausgabe des "Philosophie Magazins", dessen Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler ist.

Die Fronten scheinen verhärtet. Auf der einen Seite stürzen sich Kritiker der Political Correctness auf absurde Einzelfälle, bei denen jemand seinen Job verliert, weil er ein falsches Wort benutzt hat. Auf der anderen Seite stehen jene Menschen, die fast täglich Diskriminierung erleben, beispielsweise als dunkelhäutiger Mensch in der Straßenbahn. Das ursprüngliche Anliegen der Bewegung war es doch, Opfer zu schützen. Heute werfen ihnen die Gegner vor, Mimosen zu sein. Was ist da schiefgelaufen?

Beide Seiten liegen falsch. Zu einer Person of Color, die regelmäßig befürchten muss, rassistisch angegangen zu werden, einfach nur zu sagen: Stell dich nicht so an!, ist unverantwortlich und zynisch. Doch dürfen wir auch die Sensibilität nicht verabsolutieren. Der Mensch ist keine wandelnde Wunde, die vor jeder möglichen Infektion geschützt werden muss. Sobald eine Gesellschaft versucht, jede erdenkliche Zumutung von vorneherein auszuschließen, kippt sie ins Illiberale. Im Bereich der Kunst lässt sich das heute schon beobachten. Ausstellungen werden abgesagt, wenn bestimmte Motive schmerzhafte Assoziationen wecken könnten. Selbstverständlich müssen wir strukturellen Rassismus und strukturellen Sexismus bekämpfen. Aber interessant ist ja: Wir leben in einer Gesellschaft, die so frei und so gleichberechtigt ist wie keine zuvor. Und gerade jetzt wird der Kampf gegen ungerechte Strukturen so hart und laut geführt. Das ist ein Paradoxon. Hier zeigt sich, was Alexis de Tocqueville, ein französischer Philosoph, schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Amerika beobachtet hat: Je gleichberechtigter eine Gesellschaft wird, umso sensibler wird sie für noch bestehende Ungerechtigkeiten.

Was finden Sie daran problematisch?

Wie gesagt, es ist gut und wichtig, dass wir sensibel werden für noch bestehende Unwuchten. Doch besteht die Gefahr, dass das sensible Selbst sich früher oder später nur noch um sich selbst dreht. Denn wenn Tocqueville recht hat, dann nimmt die Sensibilität ja zu, gerade weil die Gesellschaft immer gerechter wird. Die kleinste Kleinigkeit wird dann ein Anlass, zum Kampf zu blasen. Im Zentrum dieses Kampfes stehen sogenannte Privilegien. Ich sage "sogenannt", weil der Begriff inzwischen inflationär gebraucht wird. Die neue deutsche Missbrauchsbeauftragte Kerstin Claus etwa bezeichnete es jüngst als Privileg, dass sie in der Lage sei, über den Missbrauch zu sprechen, den sie selbst erfahren hat. Aber ist das ein Privileg? Ein Privileg ist ein Vorrecht, dass einem Einzelnen oder einer Gruppe von außen verliehen wird. Claus spricht von einer Fähigkeit - und die lässt sich üben. Wir können Menschen ermutigen, sie empowern, eine Sprache zu finden und sich aus der Opferrolle zu befreien. Frauen können ihre über Jahrhunderte antrainierte Zurückhaltung hinterfragen. Darum geht es mir: Neben der lauten Klage über Strukturen und Privilegien die Individuen und ihre Möglichkeiten nicht zu vergessen.

Ist nicht diese gerechte Gesellschaft für viele immer noch eine Illusion? Während an den Unis vielleicht auch über Kleinigkeiten diskutiert wird, ist für viele Frauen oder Migranten echte Gewalt und Unterdrückung in der Familie oder am Arbeitsplatz immer noch harte Realität.

Sicher. Die Frage zum Beispiel, ob weiße Menschen sich ihre Haare filzen dürfen oder ob das schon kulturelle Aneignung ist, wird vielen, die rassistische Gewalt erfahren, herzlich egal sein. Insofern ist es höchst kritikwürdig, wenn wir derzeit so unglaublich viel Energie in Debatten stecken, die eher dazu geeignet sind, von den wirklich gravierenden Problemen abzulenken.

Die Welt wirkt in vielen Fragen gespalten. Vergessen wir bei der überhitzten Diskussion, dass nicht nur Gesellschaften, sondern auch Individuen in sich pluralistisch sind? Sie selbst wurden auch schon die die Querdenker-Ecke verbannt.

Das Freund-Feind-Denken ist sehr präsent. Wenn du nicht für mich bist, bist du gegen mich. Das macht es allen schwer, die versuchen, dialektisch zu denken und das Für und das Wider abzuwägen. Das war das Anliegen in meinem Buch. Ich wollte nicht die

"Das Freund-Feind-Denken ist sehr präsent. Wenn du nicht für mich bist, bist du gegen mich. Das macht es allen schwer, die versuchen, dialektisch zu denken und das Für und das Wider abzuwägen..." 
- © Klett-Cotta / Johanna Ruebel

"Das Freund-Feind-Denken ist sehr präsent. Wenn du nicht für mich bist, bist du gegen mich. Das macht es allen schwer, die versuchen, dialektisch zu denken und das Für und das Wider abzuwägen..."

- © Klett-Cotta / Johanna Ruebel

Sensibilisierung verdammen und sagen, wir seien alle Weicheier geworden und müssten uns mal wieder in Schmerzerfahrung proben. Ich wollte die dialektische Kehrseite der Sensibilisierung beleuchten, die dazu führt, dass eine Gesellschaft unfreier wird.

Als Ihr neues Buch erschien, gab es auch boshafte persönliche Angriffe. Ist das der Grund, warum Sie nicht in den Sozialen Medien aktiv sind?

Ich wurde angegriffen von Leuten, die ganz offen zugegeben haben, noch nie etwas von mir gelesen zu haben. Aber um auf Ihre Frage einzugehen: Das ist ein Grund, ja. Noch wesentlicher ist aber, dass ich beobachte, dass viele, die dort regelmäßig unterwegs sind, das eigene Denken verlernen. Man will bloß nicht anecken, keinen Shitstorm ernten. Insgesamt liegt für mich auf der Hand, dass die Art, wie Debatten dort geführt werden, der Gesellschaft eher schadet als nutzt. Sicher gibt es Ausnahmen. Aber insgesamt ist die Vergiftung des Diskurses doch deutlich spürbar. Prämiert werden in den sozialen Netzwerken die Polarisierung und der Tabubruch, nicht die Nuance, nicht die Differenzierung. Insgesamt erleben wir eine starke Verschiebung weg von der Sachlichkeit hin zur persönlichen Attacke. Ich werde immer wieder Zielscheibe von Leuten, die, verschanzt hinter ihren Smartphones, auf die Vernichtung von Personen aus sind.

Was hilft Ihnen?

Im vergangenen Herbst gab es derart harte Attacken, die mich an eine Stelle bei Nietzsche haben denken lassen. In "Ecce Homo" spricht er von einem russischen, erschöpften Soldaten, dessen einzige Überlebensstrategie darin besteht, sich in den Schnee zu legen und abzuwarten. Woran man sieht, dass Resilienz auch mit einem Eingeständnis eigener Schwäche einhergehen kann. Nietzsche nennt das "russischen Fatalismus". Ich finde das sehr lebensklug. Zumal mir nichts daran liegt, in solchen Situationen irgendetwas zurückzuerobern. Damit begäbe man sich auf dasselbe niedrige Niveau. Und man gäbe dem Affen nur Zucker.

Beim "Lesenswert Quartett" (ARD) haben Sie kürzlich über das Fußballspielen in Ihrer Jugend erzählt. Suggestiv gefragt: Lernt man beim Kicken das richtige Maß von Selbstverteidigung und Sensibilität für Andere?

Natürlich lernt man beim Fußball, sich durchzusetzen - und auch Tritte auszuhalten. Gleichzeitig ist es ein Sport, der eine hohe Sensibilität benötigt. Für den Ball natürlich, aber auch für die eigene und gegnerische Mannschaft. Härte und Gefühl gehen Hand in Hand bzw. Fuß in Fuß. Ich habe im Verein gespielt und auf den Bolzplätzen in meiner Umgebung. Eine wichtige Erfahrung: Man kann nicht immer mitmachen. Auf meine Frage: "Kann ich mitspielen?", kam eben manchmal die Antwort: "Geht nicht, wir sind schon voll." Das muss man dann aushalten. Man bleibt am Rand stehen und schaut zu - und sieht naturgemäß mehr, als wenn man mitmachen würde. Als Publizistin und Intellektuelle ist es nicht anders. So gesehen profitiere ich heute noch von meiner Fußballkindheit.