"Wiener Zeitung": Frau de Grancy, als ich Sie gefragt habe, wen Sie sich als seelenverwandten Gesprächspartner wünschen würden, fiel Ihre Wahl auf Mercedes Echerer. Das hat sicher gute Gründe ...

Christine de Grancy: Das war eine spontane Entscheidung, weil wir in der letzten Zeit etwas so Intensives gemeinsam gemeistert haben und uns auch weiterhin neue Projekte vornehmen wollen. Das kann man nur schaffen, wenn man irgendwie seelenverwandt ist.

Sie sprechen die Realisierung Ihres Bildbandes "Über der Welt und den Zeiten" an, bei dem Frau Echerer als Verlegerin fungierte. Dieser Photozyklus schenkt einen anderen Blick auf Wien, nämlich aus der Perspektive der steinernen Götterwelt, die speziell auf den Dächern der Ringstraßenpalais zu finden ist.

De Grancy: Ja, ein altes Archiv zu öffnen, neue wie zeitlose Aspekte zu finden, ist eine enorme Herausforderung. Wie Mercedes hier meinen eigenen Blick erweitert hat, ist großartig. Seelenverwandt ist ein hehres Wort, aber ich merke zwischen uns in vielen kleinen Belangen eine solche Verwandtschaft.

- © Die2
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Wie lange kennen Sie einander?

Mercedes Echerer: Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wann genau wir einander persönlich kennengelernt haben, ich weiß nur, dass ich auf die Arbeit von Christine gestoßen wurde. Als wir 1992 in der Josefstadt "Kasimir und Karoline" geprobt haben, zeigte uns Harald Clemen, der das Stück inszenierte, ein Bild von Christine, das er für das Programmheft verwenden wollte. Auf diesem Photo war ein Paar Damenfüße flankiert von einem Paar Herrenfüße abgelichtet, die über eine Pfütze steigen - und in dieser Pfütze spiegelt sich das Riesenrad. Nachdem "Kasimir und Karoline" größtenteils auf einem Jahrmarkt stattfindet, war das natürlich ein ausgesprochen passendes Sujet.

Was war der konkrete Auslöser, miteinander Projekte zu realisieren?

Echerer: Eine gemeinsame Reise nach Siebenbürgen, im Rahmen derer Christine auch photographierte (diese Schreibweise wird auf Wunsch von Frau de Grancy durchgängig verwendet, Anm.). Wir haben beide eine große Neugierde gegenüber dem europäischen Osten, das hat familiäre und freundschaftliche Hintergründe, ihrer- wie meinerseits, und verbindet uns ebenfalls.

Frau de Grancy, in Interviews lassen Sie immer wieder durchklingen, dass Sie sich - wenn Sie einen Menschen photographieren - viel Zeit nehmen, um mit ihm in Beziehung treten zu können. Würden Sie das als besondere Gabe bezeichnen, bei einem Gegenüber relativ schnell ein Gefühl der Vertrautheit herstellen zu können?

De Grancy: Ich denke, wie bei uns allen, ist die Kindheit prägend. Meine ersten Lebenserinnerungen sind das brennende Berlin. Wenn man Binnenflüchtling ist, merkt man, wie verletzlich das Leben ist - und meine Reaktion darauf war, dass ich ein zutiefst introvertierter Mensch war.

Wie kamen Sie dann zur Photographie?

Zunächst wurde ich in Graz zur Keramikerin und Gebrauchsgraphikerin ausgebildet. Danach ging ich in die Werbung und wurde mit einer Form von Ästhetik konfrontiert, die mich sehr schnell verstört hat. Dieses künstlich Hergestellte und nur wenig mit dem authentisch Seienden zu tun Habende schockierte mich. Darauf wurden wir von der Kunstschule nicht vorbereitet. Wobei das Wort Ästhetik für mich zu einem ganz wesentlichen Begriff wurde. Der Inhalt meint Wahrnehmung. Es war für mich ein Schock zu verstehen, was Werbung mit uns Menschen macht - man normiert und manipuliert uns. Da kam dann dieser Wunsch auf, in die Photographie hineinzuwandern, und zwar in die reportierende Photographie, die mir den Freiraum gab, das zu erzählen, was ich sehe, fühle und empfinde.

Diese Form der Photographie ist für mich ein sanfteres, umfassenderes, vielschichtigeres Mittel geworden, für ein anderes Menschenbild zu kämpfen, nämlich für eines, das dann wirklich liebenswert ist, wenn es authentisch ist und sich nicht eine bombastisch umwerfende Fassade vorbaut, die mit dem eigentlichen Menschen nichts zu tun hat.

"Ich gehe mit meiner Kamera äußerln: Wenn man mit einer Kamera unterwegs ist, kommt man, ähnlich wie Hundebesitzer, viel schneller mit anderen Menschen ins Gespräch." 
  
- © Tatjana Sternisa

"Ich gehe mit meiner Kamera äußerln: Wenn man mit einer Kamera unterwegs ist, kommt man, ähnlich wie Hundebesitzer, viel schneller mit anderen Menschen ins Gespräch."

 

- © Tatjana Sternisa

Durch das Photographieren konnten Sie Ihre Introvertiertheit abbauen?

De Grancy: Ich konnte sie ummünzen in eine Kraft. Ich spürte, dass dieses sich immer selber Schützen und Verbarrikadieren ja auch der andere tut. Einer muss den Schritt nach vorne wagen - und da ist diese Form des Reportierens eine wunderbare Tätigkeit. Man kann sich davon nicht sehr gut ernähren, aber es ist für die menschliche Entwicklung enorm wichtig. Später habe ich es dann ins Wienerische gebracht und gesagt, ich gehe mit meiner Kamera äußerln. Wenn man mit einer Kamera unterwegs ist, kommt man, ähnlich wie Hundebesitzer, viel schneller mit anderen Menschen ins Gespräch.

Echerer: Ich möchte noch einmal kurz auf unsere Seelenverwandtschaft zurückkommen. Wir könnten jetzt auch sagen, wir haben eine ähnliche Weltanschauung, vergleichbare Gedanken in vielen Bereichen, aber in erster Linie ist es eine Sache, die man spürt. Ich glaube, dass wir voneinander gespürt haben, dass die andere in diesem und jenen Bereich so tickt wie man selbst. Das ist für mich der Beginn einer Seelenverwandtschaft.

Würden Sie sagen, dass dieses Gefühl der Seelenverwandtschaft auch Auswirkungen auf Ihr künstlerisches Schaffen hat?

De Grancy: Unbedingt! Das "Götterbuch" ist ja mittlerweile die dritte erweiterte Auflage von diesem Photozyklus - und ich hatte bei den ersten beiden Ausgaben immer das Gefühl, da fehlt noch etwas. Und plötzlich ist der richtige Mensch da, der sich auf Textsuche begibt, um dieses ganze Bild um mein Wien, wie ich es erklommen habe, erweitert und bereichert.

Die Dächer von Wien "bieten jede Menge Erzählstoff. . ." 
- © Tatjana Sternisa

Die Dächer von Wien "bieten jede Menge Erzählstoff. . ."

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Dass begleitend zu den Bildern 14 Autorinnen und Autoren, u.a. Maja Haderlap, György Dalos und Michael Köhlmeier, eingeladen wurden, die Botschaften der Photos literarisch zu interpretieren, war Ihre Idee, Frau Echerer?

Echerer: Dieser Input kam von uns beiden, ich stellte dann die Kontakte her. Die Bildlegenden von Christine zu den einzelnen Gottheiten sind kunst- und stadthistorische Informationen, aber darüber hinaus gibt es noch so viel zu erzählen. Allein die unzähligen Details der einzelnen Skulpturen, die man von der Straße aus gar nicht sehen kann, bieten jede Menge Erzählstoff.

De Grancy: Durch diese Bilder habe ich letztlich auch erkannt, wie tief verwurzelt ich mit dieser Stadt bin. Was es mir bedeutet, in Wien zu leben, auch wenn ich früher viel unterwegs war. Man lernt viel über die Geschichte einer Stadt, wenn man sich so intensiv auf ein Projekt einlässt.

Welches Dach von Wien haben Sie als Erstes erklommen?

De Grancy: Jenes vom Burgtheater im Jahr 1979. Ab dann gab es kein Halten mehr.

Womit das Stichwort Theater gefallen wäre. Achim Benning engagierte Sie 1979 als Photographin ans Burgtheater. Waren Sie immer schon ein Theatermensch?

De Grancy: Nicht unbedingt, früher in Graz hatte ich lieber gelesen. Aber durch meine Freundschaft mit Erika Pluhar erfuhr ich, dass der damalige

- © Tatjana Sternisa
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Burgtheaterdirektor Achim Benning jemanden für die Photographie suchte. Ich war zunächst gar nicht enthusiastisch, muss ich ehrlich sagen, aber ich kam dann mit Benning ins Gespräch und ließ ihn wissen, dass ich reportierend arbeiten möchte. Deshalb war es mir von Anbeginn wichtig, vorab das jeweilige Stück zu lesen, ich musste ja verstehen, wo die Schauspielerinnen und Schauspieler hinwollen. Dann saß ich drei Tage lang in der Probe und schaute vorerst nur einmal zu. Sobald ich merkte, in dieser Szene sind sie sicher geworden, begann ich zu photographieren. Diesen Prozess zu beobachten, war für mich faszinierend und lehrreich zugleich. Speziell was den verdichteten Augenblick anlangt, der am Theater ident ist mit dem, was Henri Cartier-Bresson einmal so wunderbar als Kennzeichen für die erzählerische Photographie beschrieben hat.

Echerer: Wir Schauspieler sollten mit der höchstmöglichen Durchlässigkeit auf der Bühne agieren, damit die Wahrhaftigkeit durch uns durchschimmern kann, damit die Geschichten der Menschen, die wir als Figur lebendig werden lassen, glaubwürdig sind. Das heißt, du machst deine Seele auf. Ich habe am Theater Photoproben erlebt, wo mit einer solchen Penetranz agiert wurde, dass man sich dachte, der steigt jetzt in meine Seele rein und zieht mich aus bis aufs letzte Hemd. So würde Christine nie agieren. So oft ich sie erlebt habe, ob sie Menschen photographiert hat, eine Landschaft oder einen Hund, es war immer mit Respekt verbunden. Ein Abwägen, nein jetzt drücke ich nicht ab, es ist der falsche Moment, ich würde hier in eine Sphäre eindringen, die nicht stimmig ist. Dann nimmt sie sich Zeit, und sie ist noch nie von einem Photoshooting weggegangen, ohne ihre Bilder zu bekommen, aber nicht, weil sie insistiert hat, sondern weil es ihr gelungen ist, dieses Vertrauen im Gegenüber aufzubauen.

De Grancy: Für diese Photographie, die ich liebe und schätze, darf man nicht ungeduldig sein - gerade, wenn man in fremden Ländern und Kulturen unterwegs ist. Das ist ein sehr behutsamer Prozess und hat wirklich mit Verdichtung zu tun. Du lässt dich ein auf eine Situation und versuchst zu spüren, was tut sich da zwischen uns Menschen? Und am Theater war das schönste Kompliment, als Kurt Sowinetz einmal wenige Tage vor der Generalprobe gesagt hat: "Kann Benning Sie nicht einbauen? Sie werden mir fehlen."

Sie haben direkt auf der Bühne photographiert?

De Grancy: Ja, es war eine Gratwanderung zwischen Glück und wirklichem Jägerinstinkt.

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Anlässlich Ihres 80. Geburtstages widmet das Theatermuseum Ihnen eine Ausstellung, die diese Schaffensperiode dokumentiert. Wann ist die Eröffnung?

De Grancy: Am 3. Juni, die Ausstellung läuft bis 7. November.

Echerer: In den zwei wunderbaren Parterre-Räumlichkeiten des Theatermuseums wird man über 300 Bilder sehen können. Parallel dazu erscheint der Bildband "Sturm und Spiel. Die Theaterphotographie der Christine de Grancy", der ebenfalls wieder Texte von Zeitgenossen beinhalten wird. Ich habe in den letzten Wochen viele Gespräche mit Kollegen und Kolleginnen aus dieser Zeit geführt - und immer kam unisono die Rückmeldung: Ich habe Christine de Grancy nicht bemerkt, sie war wie ein Windhauch, und wir stellten uns nachher die Frage: Wann hat sie dieses Bild gemacht?

De Grancy: Die Schauspielerinnen und Schauspieler haben vielleicht auch gespürt, dass ich mit ihnen mitgehe; ich bin wirklich ein Teil des Ensembles geworden. So etwas kann nur gelingen, wenn man diese Passion teilt.

Wenn man sich mit Ihren photographischen Erzählungen befasst, die auf Ihren Reisen entstanden sind, gewinnt man den Eindruck, dass es Sie magisch in entlegene Gegenden gezogen hat, etwa in die Westsahara, in den Nordwesten Pakistans, Tibet, Georgien, in Russlands Wolgawelten, also vor allem in die Provinzen dieser Welt.

De Grancy:Die Provinz ist für mich etwas ganz Wesentliches, da sind die dunkelsten, aber auch die faszinierendsten Kräfte zu finden. Die vernachlässigten Ränder sind unbeobachtet, da passiert sehr viel. Metropolen brauchen und holen sich diese Talente dann. Das ist mir auch in Russland aufgefallen, was für Talente aus diesem riesigen Land in die Metropole kommen. Für mich als Kind hat es einen sehr prägenden Eindruck hinterlassen: Wenn wir an den Eisernen Vorhang, also an die ungarische oder jugoslawische Grenze kamen, dass plötzlich alles so vernachlässigt wirkte. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert, aber in meiner Kindheit war das zuweilen bedrückend, auch wenn wir in die Ost- oder Südsteiermark fuhren, die Armut der Leute war so offensichtlich.

"Wir haben beide eine große Neugierde gegenüber dem europäischen Osten, das hat familiäre und freundschaftliche Hintergründe." 
- © Tatjana Sternisa

"Wir haben beide eine große Neugierde gegenüber dem europäischen Osten, das hat familiäre und freundschaftliche Hintergründe."

- © Tatjana Sternisa

Frau Echerer, wie haben Sie das in Ihrer Kindheit erlebt? Sie sind zweisprachig aufgewachsen, mit Ungarisch und Deutsch.

Echerer: Ich komme aus einem Haushalt, der von Reichtum weit entfernt war. Wenn wir die Verwandtschaft in Siebenbürgen besucht hatten, fühlte ich mich am Anfang unglaublich reich. Aber der Reichtum an Gastfreundschaft, der mir dort, mit zehn Jahren, entgegengebracht wurde, hat das ins Gegenteil verkehrt. Dann bin ich mir arm vorgekommen. Geld war keines da, aber man hat aus dem, was man hatte, etwas gekocht, bis sich die Tische bogen. Das Mindestmaß an Gastfreundschaft zurückzugeben, das man bekommen hat, ist übrigens auch etwas, das Christine und mich verbindet.

Frau de Grancy, für Ihr Buchprojekt "Wolgawelten" waren Sie im Zeitraum von 1995 bis 2005 oft in Russland unterwegs. Wie gehen Sie mit dem derzeitigen Russland-Ukraine-Konflikt um?

De Grancy: Nicht nur, dass meine ganze Kindheit wieder auftaucht, diese innere Unruhe und Unrast, die dir den Boden unter den Füßen wegnehmen kann, stellt sich für mich auch die Frage, weshalb diese Kain-und-Abel-Geschichten immer wieder passieren müssen? Warum kommt es zu solch einer Radikalität, die nichts als Zerstörung hinterlässt? Aufgrund des Zweiten Weltkrieges kenne ich weder meinen Vater noch meine Großväter. Momentan ergeht es wohl vielen meiner Generation so, die Flucht und Krieg noch erlebt haben. Ich bin froh, dass ich derzeit in Arbeit versinke.

Wie gehen Sie in dieser Situation rund um Ihren 80. Geburtstag mit dem Gedanken ans Altwerden um?

De Grancy: Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht, es ist schon ein merkwürdiges Gefühl. Bis dato fahre ich immer noch mit dem Fahrrad und dachte mir, das Älterwerden kratzt einen nicht. Aber jetzt, angesichts dieser bedrohlichen Situation, wo sich alle Auswirkungen noch gar nicht abschätzen lassen, da setzt einem dieses Alter plötzlich zu. Man muss es mit Würde fassen.

Weitere Folgen der Gesprächsserie:

Seelenverwandte 8: Peter Kampits und Manfred Bockelmann

Seelenverwandte 9: 
Alfried Längle und Martin Schwab

Seelenverwandte 10: Ernst Molden und Ursula Strauss

Seelenverwandte 11
: Alfred Komarek und Erwin Steinhauer

Seelenverwandte 12: Ina Regen und Violetta Parisini

Seelenverwandte 13: Mari Lang und Didi Drobna

Seelenverwandte 14: Klaus Eckel und Thomas Mraz