"Wiener Zeitung": 2021 wurden an Österreichs Familiengerichten 15.000 Kontaktrechtsanträge und 18.500 Obsorge-Anträge behandelt. Betraut damit waren neben 286 Richterinnen und Richtern an den Bezirks- und Landesgerichten bundesweit auch zahlreiche Fachkräfte aus dem psychosozialen Bereich. Darunter Psychologen, die als gerichtlich beeidete Sachverständige klinisch-diagnostische Gutachten erstellen, und Erziehungswissenschafter, etwa als Elternberater oder als Angestellte der Familiengerichtshilfe. Immer mehr nicht-juristisches Fachwissen fließt somit in die gerichtlichen Entscheidungen ein. Anstatt die Verfahren damit zu entschärfen und zu verkürzen, berichten viele Betroffene, aber auch Anwälte und Richter, dass diese seit der letzten Gesetzesänderung (Kind-NamRÄG 2013) sogar noch strittiger und länger geworden seien. Wie erleben Sie diese Entwicklung in der Praxis?

Maria Eberstaller: In meiner Berufspraxis als Psychologin und gerichtlich beeidete Sachverständige erlebe ich genau das: Durch die immer längeren und strittigeren Prozesse werden zunehmend Eltern produziert, die durch die Gerichtsverfahren traumatisiert sind. Als Sachverständige wurde man früher sofort angefragt, wenn Gewalt im Spiel war oder andere psychologische Aspekte abzuklären waren. Heute schicken viele Richter den Akt direkt an die Familiengerichtshilfe, die dann über mehrere Monate begutachtet - ohne oftmals den Gewaltaspekt zu thematisieren.

Maria Eberstaller (l.) und Judit Barth-Richtarz im Gespräch mit Dagmar Weidinger (r.). 
- © Markus Ladstaetter

Maria Eberstaller (l.) und Judit Barth-Richtarz im Gespräch mit Dagmar Weidinger (r.).

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Die erwähnte Familiengerichtshilfe wurde geschaffen, um Richter zu entlasten, Kosten zu sparen und die Verfahren abzukürzen. Österreichweit arbeiten in dieser Justizbehörde aktuell 211 Personen mit psychosozialem Hintergrund - von Pädagogen, über Sozialarbeiter bis zu Psychologen. Die Familiengerichtshilfe kann entweder vermittelnd tätig sein, in Form von Clearings oder Mediationen, die die Eltern doch noch zu einem Einvernehmen bringen sollen, oder fachliche Stellungnahmen abgeben. Das klingt doch grundsätzlich gut. Was geht da schief, dass die Verfahren auf diesem Weg sogar noch eskalieren, wie Sie sagen?

Eberstaller: Die Angestellten der Familiengerichtshilfe gehen immer mehr in die Richtung, dass sich die Eltern die Betreuung gleichteilig aufteilen sollen. Dass es also zu einem Einvernehmen kommt. Wenn das nicht geht, weil zum Beispiel häusliche Gewalt im Spiel ist oder wenn eine Person aufgrund von einer Psychopathologie nicht zur Kooperation fähig ist, kann die Familiengerichtshilfe darauf nicht eingehen. Dadurch fühlen sich die betroffenen Eltern nicht gehört oder nicht verstanden - das ist eine Form von sekundärer Traumatisierung. Sollte die gleichteilige "Elternverantwortung", wie in einer neuen Gesetzesnovelle vorgesehen, in Zukunft von Beginn an festgelegt werden, sind die Eltern ja darauf angewiesen, miteinander zu kooperieren. Das kann in Fällen, wo schon einmal häusliche Gewalt stattgefunden hat, ein Pulverfass sein. Wir sehen alle, wie die "Femizide" steigen; es ist fahrlässig, solche Aspekte außer Acht zu lassen.

Frau Barth-Richtarz, Sie befassen sich ebenso seit fast zwei Jahrzehnten mit dem Familienrecht. Einerseits als Erziehungswissenschafterin in Ihren Publikationen, andererseits als Elternberaterin und Kinderbeistand - wie schätzen Sie die aktuelle Situation an den Familiengerichten ein?

Judit Barth-Richtarz: "Eltern wissen heute mehr, was sie wollen, und kämpfen auch darum." 
- © Markus Ladstaetter

Judit Barth-Richtarz: "Eltern wissen heute mehr, was sie wollen, und kämpfen auch darum."

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Judit Barth-Richtarz: Ich bin da immer recht vorsichtig, aus dem eigenen Berufshorizont heraus Schlussfolgerungen zu ziehen und verallgemeinernde Aussagen zu treffen. Ich denke, wir alle haben unterschiedliche Aufgaben und damit auch eine andere Klientel. All die Eltern, die kein strittiges Verfahren und keinen Anwalt brauchen und die nicht in die angeordnete Elternberatung kommen, sehen wir gar nicht. Deshalb würde ich mich auch nicht zu sagen trauen, dass die Verfahren länger und strittiger geworden sind. Die Frage, ob die Verfahren tatsächlich länger und strittiger geworden sind, kann nur durch eine repräsentative Studie beantwortet werden. Ob ich es erlebe oder nicht, ist da nicht so erheblich.

Eberstaller: Ich habe es nicht verallgemeinert. Ich wurde gefragt, wie ich die Verfahren in der Praxis erlebe. Ich sehe ja nur die hochstrittigen Familien. Aber ich denke, am Ende des Tages geht es auch um die. Denn hier steht auch großes Leid dahinter. Aktuell sehe ich nicht, dass es passende Werkzeuge gäbe, um mit diesen Familien deeskalierend zu arbeiten.

Barth-Richtarz: Für mich zeigt sich an den Gerichten vor allem ein gesamtgesellschaftlicher Trend: Eltern wissen heute mehr, was sie wollen, und kämpfen auch darum. Die Autoritätsgläubigkeit in der Gesellschaft nimmt ab, und das sehen wir auch in den Gerichtsverfahren. Mütter und Väter akzeptieren Entscheidungen viel weniger schnell und folgen Empfehlungen nicht so leicht. Und es ändert sich etwas im Bewusstsein der Eltern: Es ist eben nicht mehr klar, dass die Kinder nach der Trennung bei der Mutter bleiben, wodurch schon mehr Verhandlungsbedarf entsteht. Bei den hochkonflikthaften Familien erzielt man aus meiner Sicht die besten Resultate, wenn sowohl mit den Eltern als auch mit den Kindern gearbeitet wird.

Der Familiengerichtshilfe wird aktuell vorgeworfen, dass sie im Rahmen der Begutachtungsprozesse nicht nur Gewaltaspekte verschweigen würde, es gibt auch den Vorwurf institutioneller Gewalt gegen Frauen. Es heißt, dass das Kontaktrecht des Vaters über dem Gewaltschutz stehe und Frauen unter allen Umständen dazu gedrängt würden, dem Kontakt zuzustimmen. Stimmt das?

Maria Eberstaller: "Auch Gerichte können aus einer dysfunktionalen Familienstruktur keine funktionale machen." 
  
- © Markus Ladstaetter

Maria Eberstaller: "Auch Gerichte können aus einer dysfunktionalen Familienstruktur keine funktionale machen."

 

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Eberstaller: Was mir auffällt, ist, dass in den Erhebungen sehr oft gesagt wird: Machen Sie einen Strich. Das, was vergangen ist, ist vergangen. Schauen Sie in die Zukunft. Das mag manchmal hilfreich sein, aber hier scheint es mir zu kurz gegriffen. In einem psychologischen Sachverständigengutachten schaue ich mir genau an, was war das für eine Beziehung, wie hat sie geendet, wie fand die Trennung statt, wo sind die Kränkungen? Mir kommt vor, dass das bei der Familiengerichtshilfe zu kurz kommt. Zu mir in die Praxis kommen Frauen, die sagen: Ich wollte etwas über meine Gewalterfahrungen erzählen, aber mir wurde gesagt: Das hat hier keinen Platz. Das finde ich grundsätzlich falsch.

Barth-Richtarz: Auch hier ist zu fragen: Von wem wird das der Familiengerichthilfe vorgeworfen? Auf Basis welcher Faktenlage? Ich kenne dazu keine validen und repräsentativen Daten, die diesen Vorwurf bestätigen.

Ich zitiere hier die Initiative "Wir für Kinderrechte", die aus fünf Frauenvereinen und Gewaltschutzorganisationen, darunter die Autonomen Frauenhäuser, besteht. Dort gibt es zahlreiche Schilderungen von Betroffenen.

Barth-Richtarz: Auch hierzu ist zu sagen, dass wir die vielen Fälle, in denen das Clearing oder die Besuchsmittlung der Familiengerichtshilfe oder die angeordnete Elternberatung etwas bringt, gar nie sehen. Aber selbstverständlich darf ein Kontaktrecht nicht über einem legitimen Schutz- und Abgrenzungsbedürfnis stehen, übrigens nicht nur der Mütter, sondern auch der Kinder. Wichtig erscheint mir hier aus der Posi- tion einer Kinderbeiständin gesprochen: Wie können wir den Kindern im Fall familiärer Gewalt als eigene und unabhängige Betroffene einen neutralen Raum anbieten, in dem sie sich Gedanken über ihre Bedürfnisse und Wünsche und die nähere Zukunft machen können? Und wenn das Kind etwa im Rahmen des Kinderbeistandsprozesses zu einem authentischen Wunsch gekommen ist, jetzt unter diesen Umständen keinen Kontakt zu einem Elternteil haben zu wollen, muss dies von allen respektiert werden. Ich halte daher die Zusammenarbeit der verschiedenen Professionen, das Einbringen unterschiedlicher Perspektiven, jene der Kinder und der Eltern, für das Wichtigste, denn das entspricht der Komplexität der Fragestellung am ehesten.

Der deutsche Psychologe Uwe Tewes sieht dies auf Basis seiner Erhebungen für das Buch "Psychologie im Familienrecht. Zum Nutzen oder Schaden des Kindes?" (Springer Verlag, 2016) ambivalenter. Er schreibt, je mehr Personen in einem Verfahren beteiligt seien, desto fehleranfälliger würde das Ganze. Seine Kritik richtet sich vor allem an jene Berufsgruppen in den Verfahren, deren Ausbildung zu wünschen übriglässt. Leider gibt es diesbezüglich auch in Österreich Missstände. Wie stehen Sie dazu?

Barth-Richtarz: Die Situationen, in denen Familien im Zuge eines Trennungsprozesses stecken könne, sind sehr komplex. Und in der Regel geht es allen, Kindern, Müttern und Vätern, schlecht. Da ist es aus meiner Sicht ein großer Fortschritt, verschiedene begutachtende aber auch beratende und stützende Angebote für Eltern und Kinder zur Verfügung zu haben, die je nach individueller Sinnhaftigkeit ausgewählt werden können. Ich denke, dass es in jedem Verfahren darum geht, als professionelle Fachkraft für sich klarzumachen: Was ist meine Rolle, meine Aufgabe, meine Kompetenz, und was nicht. Ob man von der Grundprofession Pädagogin, Psychologin oder Sozialarbeiterin ist, macht bei vielen Funktionen keinen Unterschied.

Eberstaller: Aus meinem Verständnis her schon. Die Pädagogik ist doch die Wissenschaft der Erziehung und der Lehre. Erziehungsberatung kann also durchaus von diesen Experten vorgenommen werden. Was nur die Psychologie leisten kann, ist die erwähnte klinische Diagnostik. Das können andere Berufsgruppen nicht. Neben der Gewalt geht es auch um das Thema der Psychopathologien. Menschen, die viele Anträge stellen, haben meistens eine auffällige Persönlichkeitsstruktur. Die Gerichte sprechen auch von sogenannten Querulanten. Dazu gehören Menschen, die immer wieder Anträge stellen. So etwas sollte unterbunden werden, da es die Verfahren in völlig unnötiger Weise in die Länge zieht. Wenn ich nicht nachschauen kann, liegt da eine Persönlichkeitsstörung vor oder nicht, kann ich mir das ganze Gutachten eigentlich ersparen, da es einen großen Teil der Erziehungsfähigkeit ausmacht.

Frau Barth-Richtarz, in vielen Stellungnahmen der Familiengerichtshilfe werden Ihre Schriften sowie jene Ihres Kollegen, des Erziehungswissenschafters Helmuth Figdor, zur Untermauerung von Schlüssen zitiert. Das heißt, erziehungswissenschaftliche Literatur ist Teil der Methodik. Die vormalige Leiterin der Rechtspsychologinnen, Rotraut Erhard, hat dies in einer Aussendung des Berufsverbands Österreichischer PsychologInnen (BÖP) bereits 2012 als nicht ausreichende wissenschaftliche Grundlage kritisiert. Wie beurteilen Sie die gängigen Begutachtungsprozesse? Werden Ihre Schriften vielleicht sogar missbraucht?

Barth-Richtarz: Wenn es um Fragen der Erziehung und der Herstellung möglichst förderlicher Bedingungen des Aufwachsens für Kinder nach der elterlichen Trennung oder Scheidung geht, ist erziehungswissenschaftliche Literatur selbstverständlich ein Teil der wissenschaftlichen Grundlagen bzw. Methodik. Von Seiten der Familiengerichtshilfe ist mir noch nichts zu Ohren gekommen, bei dem ich mich missbraucht gefühlt habe.

Eberstaller: Nachdem mir häufig Stellungnahmen der Familiengerichtshilfe vorgelegt werden, kann ich aus meiner Praxis sagen, dass ich erlebe, dass offensichtlich mit einigen wenigen Konzepten gearbeitet wird. Ähnliches höre ich auch aus den angeordneten Erziehungsberatungen. Ein Beispiel sind die "pädagogischen Geister", die erklären sollen, warum Mütter Trennungsängste entwickeln und ihr Kind daher nicht loslassen wollen. Ich habe den Eindruck, dass es da sehr klare vorgefertigte Meinungen gibt, warum Mütter trennungsängstlich sind. Im Endeffekt wird das den Müttern dann im Verfahren zum Vorwurf gemacht. Und auch noch die Rute ins Fenster gestellt - in dem Fall müsste man vielleicht sogar noch die Obsorge dem Vater übertragen.

Ein zentrales Konzept in der Begutachtung scheint die sogenannte Bindungsintoleranz zu sein. Gemeint ist damit, dass ein Elternteil - bewusst oder unbewusst - verhindern möchte, dass das Kind Kontakt zum anderen Elternteil hat. Was sagen Sie dazu?

Barth-Richtarz: Bei derartigen Schlagwörtern besteht tatsächlich die Gefahr, dass man zu schnell denkt, man weiß eh schon, was los ist. Sehr komplexe Dynamiken könnten dadurch zu vereinfacht dargestellt werden. Aber auch "die Bindung" an sich und die Rede von einer "Primären Bindungsperson" werden als solche Schlagworte verwendet, die komplexe Beziehungen reduzieren. Am Begriff "Bindungsintoleranz" stört mich etwas der negative moralische Touch, er unterstellt eine bewusste absichtliche Haltung, die ich nur selten finde.

Eberstaller:Es handelt sich dabei eigentlich gar nicht um ein wissenschaftliches Konzept. Mir fällt auf, dass der Begriff in den Verfahren sehr präsent ist, um dem anderen Elternteil Schuld umzuhängen, und dass die Verfahren - ist dieser Vorwurf einmal auf dem Tisch - da viel zu stark hineinfahren. Was mir wichtig wäre: Wo ist denn die Bindung des Kindes tatsächlich? Danach muss man sich orientieren. Sprich, an wen wendet sich das Kind, wenn es Stress hat? Wer kann die Ängste des Kindes beruhigen, wer nimmt sich aller organisatorischen Dinge an? Das ist vor allem in den ersten Jahren immer noch sehr oft die Mutter. Dass der Vater auch eine wichtige Rolle spielt und im Laufe der Zeit mit hineinkommt, steht außer Frage. Und es mag schon sein, dass das Ideal ist, dass das Kind mit zwei Eltern aufwächst, an die es gut gebunden ist. Wir haben es aber bei den Hochstrittigen nicht mit solchen Eltern zu tun. Auch Gerichte können aus einer dysfunktionalen Familienstruktur keine funktionale machen. Das ist ein Ideal, das nicht erfüllbar ist.