Können Sie selbst giftig werden?

Ich war eigentlich nie besonders aggressiv. Ich konnte furchtbar wütend werden, wenn man mich angegriffen hat. Ich habe mir wenig gefallen lassen.

Sie haben das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut mitbegründet und dort auch Analytiker ausgebildet. Selbst mit 90 Jahren haben Sie noch Patienten betreut. Fehlt Ihnen Ihre Arbeit heute?

Ich vermisse meine Patienten. Manche rufen immer noch an und wollen beraten werden.

Sie haben die Psychoanalyse als Weg ins Glück bezeichnet. Warum?

Die Psychoanalyse hat mich in das Glück der Befreiung von mir selbst und von vielen Abwehrmechanismen eingeführt: Befreiung von Schuld, von Gefühlen, die man in sich nicht dulden möchte. Auch von der Abwehr Menschen gegenüber, die man ablehnt. Ein wenig Freiheit von Vorurteilen sich selbst und anderen gegenüber - das ist für mich ganz klar der Weg ins Glück.

In ihrem Buch "Die Radikalität des Alters" schreiben Sie über Sex zwischen Therapeuten und Patienten. An sich ist das ja ein offenes Geheimnis. Warum war es Ihnen wichtig, das noch einmal so ausführlich zu thematisieren?

Es kommt einfach so oft vor. Da sitzen nun Mann und Frau zusammen und sprechen über alles, unter anderem auch viel über Sex. Liebesbeziehungen in der Analyse entstehen häufiger zwischen einem Therapeuten und einer Patientin als umgekehrt. Aber das Ziel ist es, mit Worten zu heilen, was an Konflikten zwischen Trieben und Gewissen herrscht. Der verliebte Therapeut ist nicht mehr derjenige, der Konflikte bewusst machen kann. Es besteht dann keine Behandlungssituation mehr, sondern eben eine Liebesbeziehung.

Sprechen Männer in der Therapie leichter über Sex?

Ganz klar. Frauen sind bisher ja nicht gerade dazu erzogen worden, zu sagen, wie der Akt der Sexualität, der ja ein lustvoller sein soll, stattfinden möge. Also fällt ihnen auch das Reden darüber schwerer. Zumindest bei den Älteren ist das so.

Und wie sind Sie damit umgegangen, wenn Sie einen Ihrer Patienten nicht mochten?

Dann haben wir natürlich darüber gesprochen und es analysiert. Es gehört sehr viel Mut dazu, wirklich aufrichtig zu sein und auch das in Worte zu fassen, was man denkt. Spätestens dann habe ich gelernt, diesen Menschen zu schätzen oder sogar zu bewundern. Aber es gibt auch Menschen, die sich in Pseudowahrheiten flüchten und denen es gar nicht darum geht, Einsichten in wirkliche Probleme zu gewinnen. Aber die gehen meistens auch nicht in Analyse.

Wesentlich ist also die Selbsterkenntnis?

Genau! Doch ebenso wichtig ist es, die Situationen besser zu durchschauen, in denen wir stecken. Denn der Mensch ist ja ein soziales Wesen, ob er will oder nicht.

Ihr letztes Buch trägt den Titel "Radikalität des Alters". Und Sie selbst haben sich immer wieder als radikale Feministin bezeichnet. Was an Ihnen ist denn radikal?

Mein Bestreben, radikal die Wahrheit zu ergründen. Und keine Angst davor zu haben, Wahrheiten zu ergründen, die für einen selbst unangenehm sind.

Zur Person

Margarete Mitscherlich gehört zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Sie wurde 1917 als Tochter eines dänischen Arztes und einer deutschen Lehrerin in Dänemark geboren und studierte u.a. in München, Heidelberg und London. 1947 traf sie in der Schweiz den Arzt und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich (1908-1982), den sie 1955 heiratete. Ihr gemeinsamer Sohn wurde bereits 1949 geboren. 1967 veröffentlichte sie gemeinsam mit ihrem Mann das Buch "Die Unfähigkeit zu trauern". Das Buch, das zum Bestseller wurde, handelt vom Unvermögen der Deutschen, nach Krieg und Nazi-Terror wirkliche Trauerarbeit zu leisten. Zu Mischerlichs bedeutendsten Veröffentlichungen gehören darüber hinaus "Die friedfertige Frau" (1985) und "Über die Mühsal der Emanzipation" (1990).

Mitscherlich hat sich selbst immer wieder als radikale Feministin bezeichnet, und auch ihr jüngstes Buch ist 2010 unter dem Titel "Die Radikalität des Alters" bei S. Fischer erschienen. Radikal zu sein heißt für die mit vielen Preisen bedachte Analytikerin: "Keine Angst davor zu haben, Wahrheiten zu ergründen, die für einen selbst unangenehm sind."

Die 94-jährige Psychoanalytikerin lebt seit Jahrzehnten in einem gepflegten Neubau in Frankfurt am Main, Stadtteil Westend, nur wenige Schritte entfernt von der Synagoge. Ein paar Straßen weiter befindet sich das Sigmund-Freud-Institut, wo sie und ihr Mann Alexander Mitscherlich gelehrt und gearbeitet haben.

"Frauen sind eher verbal aggressiv, sie können mit Worten vergiften - und hinterhältig sein."

"Lieben zu können, befreit uns von einem übergroßen Ich-Gefühl und auch davon, uns selbst allzu wichtig zu nehmen."

Sonja Panthöfer, geboren 1967, arbeitet als Journalistin und Coach. Sie lebt in München. 2009 hat sie, gemeinsam mit Andreas Wirthensohn, das Buch "Keine Zeit zum Älterwerden" im Verlag Knesebeck herausgebracht.