Wie lebt man mit kleinen Kindern in Indien?

Im Hotel. Kasimir ist dort in die dritte Klasse Volksschule gegangen. Wir sind jeden Tag mit der Fahrradrikscha in die Schule gefahren, ich habe im Schulhof auf ihn gewartet, und er war oben in der Klasse, und er hat zurechtkommen müssen mit Hindi und Englisch, und um 15 Uhr ist er wieder runtergetrippelt, wir haben uns beide auf die Fahrradrikscha gesetzt und sind das Gangesufer entlang auf holprigen Wegen Richtung Hotel gezockelt. Nach ungefähr zwei Monaten hat die indische Lehrerin gesagt: "Jetzt könnten Sie ihn doch schon alleinlassen, er hat sich schon wunderbar eingelebt." Und wer hat dann beim Wegfahren geweint? Ich. Am Nachmittag hab ich ihn abgeholt. "Wie ist es Dir denn heute ergangen ohne mich?", habe ich ihn gefragt. Da hat er gesagt: "Besser als sonst."

Was macht ein Vater fünf Stunden im Schulhof?

Ich habe Handke gelesen und selber geschrieben. Das war für mich das schöne Gefühl: Jetzt tu ich etwas. Wenn man ein Notizbuch hat und eine Füllfeder und man schlendert so durch die Stadt: Das ist irgendetwas Absurdes, irgendwie tut man etwas und auch gleichzeitig nichts. Aber im Schulhof sitzen, aufs Kind warten, Handke lesen und selber schreiben, was mir halt so einfällt: Da habe ich, irgendwie, einen Auftrag gehabt, und so habe ich dort fast vier Monate verbracht.

Haben Sie in Peter Handkes jüngsten Büchern etwas entdeckt, das rasche Leser leicht übersehen?

In jedem neuen Buch finde ich neue Sätze und Bilder, und ich frage mich: Wie macht er das? Ich lese den Satz oder den Absatz zehnmal und ich komme dieser kleinen, wunderbaren, feinen Sprachmaschine nicht so recht dahinter - hinter manches schon, wenn ich das genauer anschaue, und das macht mir die Freude, das hat mit dem Untersuchen, mit dem genauen, mit dem langsamen Lesen zu tun. Ich halte Handke für einen der größten europäischen Schriftsteller. Einen Satz von Handke zitiere ich oft aus seinem Notizbuch "Gestern unterwegs", da sagt er: "Man kann nicht schreiben können". Das ermutigt mich, auch ich habe immer wieder meine Schwierigkeiten. Man muss sie haben. Der Satz von Thomas Mann ist ja sowieso jedem bekannt: "Der Schriftsteller ist derjenige, dem das Schreiben schwerfällt."

Es gibt auch die Definition des früh verstorbenen Grazer Dichters Gunter Falk: "Schriftsteller ist einer, dem etwas fehlt."

Eine ähnliche Formulierung gibt es auch von Martin Walser: "Der Schriftsteller ist derjenige, dem etwas abgeht."

Ich möchte nicht fragen, was Ihnen fehlt, aber daran erinnern, dass es in den letzten vier Jahrzehnten kühne Aufbrüche junger Kärntner in die deutsche Literatur gegeben hat - von Peter Handke, Gert Jonke, Werner Kofler, Lilian Faschinger, Peter Turrini, Alois Hotschnig. Bis auf die slowenischen Dichter Gustav Janu und Florjan Lipu sind alle fortgegangen. Sie leben in Kärnten. Was hält sie, was zieht sie immer wieder weg?

In Klagenfurt geht mir speziell nur ab: irgendwann am Nachmittag in die Zeitung zu schauen und mich zu fragen: Wo gehe ich hin, in welches Kino? Aber wo käme denn die deutsche Literatur hin, würden alle deutschen Schriftsteller und Schriftstellerinnen entweder in Berlin am Prenzlauer Berg wohnen oder in Wien im zweiten Bezirk? Der Herbert Achternbusch könnte genauso in New York oder Berlin leben, aber er ist auch noch in Bayern, und er hat etwas ganz Schönes und Witziges gesagt über Bayern: "Diese Gegend hat mich kaputtgemacht, und ich bleibe, bis man ihr das anmerkt." So etwas könnte ich vielleicht über Kärnten auch sagen. Ob diese Gegend mich kaputtgemacht hat, ist wieder ein anderes Thema. Der große Dichter Gerhard Meier hat seinen winzigen Geburtsort, Niederbipp im Kanton Bern, bis zu seinem Tod vor vier Monaten nicht verlassen, Aber nach Frankfurt zu ziehen, um einen Frankfurt-Roman zu schreiben, wo ich eine Woche lang durch die Straßen gehe und eigentlich fast gar nichts sehe, was mich interessiert, kann ich mir schwer vorstellen.

Auch wenn Sie ans exotischste Ende der Welt flüchten, drohen die Schatten des Vaters und der Dorfgemeinschaft Sie einzuholen.

Der Vater war schon zwei Jahre unter der Erde. Es dürfte ihn genervt haben, dass ich ihn vergesse, denn er ist plötzlich auf irgendeine Weise, wie immer auch, vor mir gestanden. Dann habe ich gemerkt: Jetzt ist er da! Jetzt werde ich seine Begräbnisgeschichte gestalten. Für dieses Buch, "Roppongi oder Requiem für einen Vater", war es ein großes Glück, dass ich nicht direkt dabei war. Ich habe als Kind und als Jugendlicher unzählige Begräbnisse miterlebt, als Ministrant, und ich kenne die Rituale der örtlichen katholischen Kirche. Das war besonders spannend von dem Stadtteil Roppongi in Tokio aus, mir alles vorzustellen und zu inszenieren - auch mit dieser Filmgeschichte aus "Lost in Translation" von Sofia Coppola und mit den zitierten Narayama-Liedern - und dann hineinzuwühlen in die Kindheit zurück, aber dezent. Ich war auch sehr froh darüber, dass es nicht mehr rechtzeitig möglich war, aus Japan zurückzukommen. Ich wollte auch nicht zum Begräbnis gehen, wo diese Menschen sind, und davon gibt es nicht wenige, die sich selbstverständlich gefreut haben, dass mein Vater endlich unter der Erden ist. Er ist ja erst mit 99 gestorben. Er hat einige Freunde gehabt und einige, die ihn Jahrzehnte lang nicht mehr gegrüßt haben.