Erhard Busek hat kürzlich sich und seiner Politiker-Generation in einem Buch die Frage gestellt: "Was haben wir falsch gemacht?". Was haben Sie beide denn falsch gemacht?

Welan: Ich kann mir hier guten Gewissens wenige Vorwürfe machen. Ich war in der grünen Phase der Wiener ÖVP fast zehn Jahre aktiv. Wir waren es, die ökologische Positionen in die Politik gebracht haben - und das gegen eine Wiener SPÖ, die anders als heute für solche Themen kein Verständnis hatte. Wir haben auch viel auf internationale Vernetzung gesetzt, etwa mit den Dissidenten hinter dem Eisernen Vorhang. Laut Gorbatschow be-straft die Geschichte denjenigen, der zu spät kommt. Für die damalige Wiener ÖVP gilt: Wer zu früh kommt, den bestrafen die Wähler. Unsere eigenen Leute haben diese Themen nicht mitgetragen - und dann kam es eben zur Gründung der Grünen. Ich bin der ÖVP beigetreten, als es noch einen christlich-sozialen Flügel in der Partei gegeben hat, in der Praxis ist dieser jedoch - beginnend mit dem Raab-Kamitz-Kurs Ende der 60er - zunehmend verkümmert, und das gleiche Schicksal erleidet heute die ökosoziale Marktwirtschaft in der ÖVP - das Programmatische muss dem Pragmatischen weichen.

Kramer: Im Gegensatz zu Welan, der ja Stadtrat war, war ich weniger operativ tätig, sondern - wie Brecht es formulierte - ein "intellektueller Zunicker". Das entsprach auch eher dem, was Bruno Kreisky wollte: der war überzeugt, dass er selber wusste, wo es lang geht. Rückblickend bedauere ich zwei Dinge: Dass ich in der Universitätspolitik nicht gemeinsam mit anderen mutiger auf Reformen gedrängt habe. Die zweite Sache ist eher persönlich: Wir Intellektuellen haben unsere Einflusspositionen zu wenig genutzt, um die Politik zu verändern. Heute geht es nicht mehr um Inhalte, sondern um Strategien. Um zu sehen, wie sehr, muss man nur die enormen Honorare ansehen, die Berater wie Peter Hochegger kassieren. Heute engagiert ein Politiker, wenn er sich verändern will, einen Stimmtrainer oder Stilberater. In den 1970er und 80er Jahren hätten wir Intellektuellen noch die Chance gehabt, uns stärker einzumischen. Leider haben wir unsere Kritik zu oft für uns behalten, Möglichkeiten waren vorhanden, man kann immer eingreifen.

In den 90ern etwa hat mich der damalige SPÖ-Bundesgeschäftsführer zu sich gebeten. Ich glaubte zuerst, jetzt will er mir meinen Parteiausschluss wegen anhaltender Kritik mitteilen. Tatsächlich hat er mich gebeten, eine kritische Denkergruppe zusammenzustellen, um die Partei inhaltlich weiterzuentwickeln. Aus dem Ganzen ist damals jedoch nichts geworden, weil ich zu dieser Zeit meine beruflichen Prioritäten an der Universität hatte.

Welan: Ich dagegen habe diese Möglichkeiten sehr wohl genutzt - nur genutzt hat es auch nichts. Seit 40 Jahren gehe ich mit dem Schlagwort der Vernachlässigung der Hochschulen herum, doch geändert hat sich bis heute nichts. Die Politik der Zweiten Republik hat sich viel zu sehr auf die materielle Seite konzentriert und die immateriellen Güter - die Freiheit des Geistes, die Förderung der Begabungen - vernachlässigt. Die Konstruktion der Sozialpartnerschaft hat dazu wesentlich beigetragen. Nach 1945 ist der Geist viel zu kurz gekommen, er hat allerdings nie viel gezählt in Österreich. Hermann Broch ( Schriftsteller, geboren 1886 in Wien, gestorben 1951 in New Haven/Connecticut, Anm. ) ist für mich ein trauriges Musterbeispiel: Dieser Mann war vielleicht einer der genialsten, klügsten Denker und Schreiber, in Österreich wurde er jedoch kaum rezipiert, nicht einmal die Germanisten haben sich um ihn gekümmert.

Helmut Kramer: "Die SPÖ ist zu einer Pensionisten-, die ÖVP zu einer Beamten- und Bauernpartei geworden." Foto: Andy Urban
Helmut Kramer: "Die SPÖ ist zu einer Pensionisten-, die ÖVP zu einer Beamten- und Bauernpartei geworden." Foto: Andy Urban

Kramer: Das hat natürlich historische Gründe, die gar nicht so sehr in der Monarchie, sondern vielmehr in der düsteren Entwicklung des 20. Jahrhunderts liegen, vor allem in der Vertreibung des Geistes in den 30er Jahren.

Welan: Wobei die alte Monarchie, also der Absolutismus, sehr wohl geistfeindlich war. Nach 1867 war die Monarchie dann zweifellos liberaler als die Erste Republik, in der alles auf den sich zuspitzenden Bürgerkrieg hinauslief.

Kramer: Die Folgen dieser Vertreibung haben wir beide hautnah zu spüren bekommen: Wir sind in einer "bleiernen Zeit" aufgewachsen, nach 1945 wurde fast keiner der Vertriebenen zur Rückkehr eingeladen - dieses intellektuell bedrückende Klima war besonders in den Geistes- und Sozialwissenschaften spürbar. Erste Reformen gab es unter Josef Klaus, aber erst Kreisky hat das Land wirklich geöffnet. Diese Phase hat bis zum EU-Beitritt 1995 angehalten, dann war es damit vorbei. Heute sind wir wieder in der "bleiernen Zeit" angelangt. Paradigmatisch dafür steht der Kahlschlag bei der außeruniversitären Forschung, den die Regierung jetzt beschlossen hat. Dabei geht es um 28 Millionen Euro bis 2014 - in Relation zu den von Hochegger kassierten Honoraren sind das lächerliche Summen. Das macht mich wütend.

Könnte es nicht auch sein, dass die von Ihnen beiden kritisierte Geringschätzung des Geistes mit den Intellektuellen selbst zu tun hat? Deren politische Interventionen und Zwischenrufe sind viel zu oft von geringer Analyseschärfe; zudem sind die Intellektuellen oft Teil der parteipolitischen Auseinandersetzung, unter besonderer Konzentration auf die Rolle von "Krone" und FPÖ.