Welan: Die Entwertung alles Geistigen verlief parallel mit der radikalen Ökonomisierung aller Bereiche. Früher hat man sich noch für Gottes Lohn engagiert, das ist heute immer seltener der Fall, weil Künstler, Autoren und sonstige kritische Geister nicht genug verdienen. Daher geht man zum Topf und Tropfe, um etwas dazu zu verdienen.

Was die Freiheitlichen angeht, so haben sich diese tatsächlich nicht in die Strukturen der Zweiten Republik integriert. Rein verfassungsrechtlich kann man, und ich sage das völlig wertneutral, in Österreich mehr links als rechts sein. Gleichzeitig entwickeln sich jedoch die Positionen der Bevölkerung bei Themen wie Integration, Zuwanderung eher nach rechts.

Kramer: Die Kritik an den Intellektuellen ist in vielen Bereichen sicher berechtigt. Viele machen es sich zu leicht, indem sie sich mit einer oberflächlichen Kritik an der heimischen Politik begnügen, an FPÖ-Obmann Strache genauso wie an der "Kronen Zeitung". Alternative Vorschläge kommen dagegen zu kurz, dadurch zwingen sie auch die anderen Parteien nicht in einen inhaltlichen Wettbewerb um die besseren Ideen. Österreichs Intellektuelle sollten sich inhaltlich nicht so zurückhalten. Ich erinnere an den Spruch des begnadeten Satirikers Nestroy: "Die edelste Nation ist die Resignation".

Welan: Eigentlich müsste es ja längst "Stagnation" heißen.

Kramer: In Skandinavien ist es so, dass die Regierung selbstverständlich Leute von der Universität zur Beratung heranzieht, in Österreich ist das überhaupt nicht das Fall.

Welan: Die Wissenschafter bieten sich selbst auch gar nicht mehr an. Es gibt mehr Gebildete denn je, vor allem unter den Frauen, aber sie kommen im politischen Prozess nicht vor.

Kramer: Und hinzu kommt, dass die Aufmerksamkeitsspanne unserer aktiven Politiker sehr gering ist. Mehr als 15 Minuten konzentriertes Zuhören ist ihnen kaum möglich. Die "déformation professionelle" dieser Klasse ist leider schon weit fortgeschritten.

Allerdings wissen SPÖ und ÖVP sehr genau, dass mit den inhaltlichen Vorstellungen der Intellektuellen, etwa in der Zuwanderungsfrage, keine Mehrheiten zu gewinnen sind.

Kramer: Natürlich stimmt es, dass Österreichs Bevölkerung im europäischen Vergleich stärker ausländerfeindlich eingestellt ist, aber auch die Bevölkerung muss gefordert werden. Das hat nicht zuletzt der Aufbruch der Kreisky-Jahre gezeigt, als es gelungen ist, Öffnung mit einem Gefühl von Sicherheit zu verbinden. Die Menschen erwarten von der Politik zurecht Wohlstand.. .

Welan: ... und Sicherheit!

Kramer: Ja, deshalb werden auch SPÖ und ÖVP überwiegend von Pensionisten gewählt, deren erste Bedürfnisse Sicherheit und Wohlstand sind. Dennoch bleibe ich dabei: Die Bürger müssen zu Veränderungen gefordert werden, übrigens nicht nur von den Intellektuellen, die Aufforderung trifft die Journalisten genauso.

Welan: Uns fehlt der Mut zur Zukunft, zum Risiko, zum absoluten Ja zu Qualität. Ein kleines Land wie Österreich hat nur mit absoluter Qualität eine Zukunftschance. Top-Qualität müsste alle Lebensbereiche - vom Kindergarten, über die Schulen bis hin zu Universitäten und Forschung - durchdringen, doch das Gegenteil ist der Fall. Seit Jahren dominieren Angst und Sicherheitsdenken die Politik. Initiativen wie das Bildungsvolksbegehren versuchen dies zwar zu korrigieren, allerdings ist die direkte Demokratie für mich nur ein Umweg. Mut zur Zukunft müsste von der Politik ausgehen. Auch die Medien kritisieren lediglich die Zustände, anstatt Zukunftsthemen selbst aktiv aufgreifen. Rot-Grün in Wien ist in dieser Hinsicht ein positives Experiment, dessen Ergebnis natürlich noch nicht feststeht. Aber hier bietet sich die Chance, Themen wie Integration einmal anders anzupacken.

Vom wem also könnte eine Erneuerung des politischen Systems ausgehen?

Welan: Wohl nur über den Umweg der direkten Demokratie ...

Kramer: ... und von der Zivilgesellschaft! Für mich ist das überhaupt der wichtigste Ansatzpunkt, um Regierung und Parteien zu zwingen, etwas zu tun.

Welan: Das ist es auch, was wir von den arabischen Revolutionen lernen können: die Vernetzung des zivilgesellschaftlichen Engagements.

Kramer: Ein weiterer Punkt wäre, um mit dem Grünen Werner Kogler zu sprechen, die "Entganovisierung" des Landes, das betrifft längst nicht nur die Freiheitlichen. Dazu zählt auch der schlampige Umgang mit gesetzlichen Vorschriften - Beispiel Rauchergesetz, Parteienfinanzierung oder Regelung von Kapitalmärkten. Wichtig wäre auch eine schärfere Formulierung von Unvereinbarkeitsbestimmungen.

Welan: Damit gehe ich völlig d´accord. Früher ist die Moral zum Moralin verkommen, jetzt geschieht das gleiche mit der Toleranz - sie wird toleranzig und beginnt zu stinken. Alles wird toleriert, so lange es nur charmant präsentiert wird.

Aber wer soll das umsetzen? Die Parteien sind dazu offensichtlich weder willens noch in der Lage.

Kramer: Eine breite Allianz aus Politik, Medien und Zivilgesellschaft.

Aus dem Parlament heraus erwarten Sie keine Erneuerung?

Kramer: Das Parlament ist ein großes Problem. Zwei Drittel der Abgeordneten kommen aus geschützten Bereichen. Peter Pilz, der immer sehr zur Übertreibung neigt, hat einmal vom "Nasenring-Parlament" gesprochen.

Welan: Angesichts der Möglichkeiten einer neuen Öffentlichkeit könnte das Parlament viel präsenter sein, ist es aber nicht - das ist fast schon ein Paradoxon. Ich glaube nicht, dass die Politik von sich aus die Kraft zur Erneuerung aufbringt, dazu wird es die Vernetzung mit der Zivilgesellschaft brauchen.