Beides ist der Fall. Frauen gelangen meist nur in gehobene Positionen, wenn sie hartnäckig sind und machtbewusst. In den 60er Jahren herrschte die Meinung vor, Frauen dürften nicht machtbewusst sein. Das ist ganz falsch. Macht ist nicht männlich. Ohne Machtbewusstsein werden wir Frauen nie eine ausgeglichene Gesellschaft erreichen. Nur wenn man Macht hat, kann man etwas bewirken, im positiven wie im negativen Sinn.

Ist ein Ende des Patriarchats in Sicht?

Das ist schwer zu sagen. Oft ist man verleitet, zu resignieren, aber mein grundsätzlicher Optimismus sagt mir: ja, es ist möglich. Unser Kampf in den 60er und 70er Jahren hat schon deutliche Fortschritte gebracht, auch wenn sich unsere Utopien von damals leider nicht erfüllt haben. Die Gesellschaft ist eben wie ein überdimensionales Gummiband: sie dehnt und dehnt sich, und in dem Moment, wo sich ein gewisses Maß an Freiheiten durchgesetzt hat, schnalzt es wieder zurück und würgt alles ab, was nicht der Norm entspricht. Derzeit erleben wir eine Phase des Abwürgens.

Glauben Sie, dass die Gleichberechtigung seit den 70er Jahren wieder rückläufig ist?

Rückläufig nicht, aber stagnierend. Die Gesellschaft richtet sich immer nach ihren wirtschaftlichen Systemen. Wenn die Wirtschaft Arbeitskräfte braucht, heißt es, die Frauen sollen arbeiten gehen, und die Politik unterstützt dies durch Kinderbetreuungsplätze und ähnliche Maßnahmen. Wenn aber ein Überschuss an Arbeitskräften vorhanden ist, dann setzt sich die gegenteilige Ideologie durch, derzufolge Frauen zu Hause bleiben sollen, um den Haushalt zu führen und um Kinder groß zu ziehen. Derartige Rollenklischees haben nichts mit Überzeugung zu tun, sondern mit wirtschaftlichen Interessen. Und da in den Führungspositionen eben vorrangig Männer sitzen, fällt es nach wie vor leichter, die schwächeren Mitglieder, also die Frauen, aus dem Wirtschaftsleben zu drängen.

Lässt sich Emanzipation also auf wirtschaftliche Problematiken reduzieren?

Emanzipation ist natürlich viel mehr. Aber die Wirtschaft spielt eine Schlüsselrolle. Denn nur die wirtschaftliche Gleichstellung gibt die Chance, in einer Gesellschaft gleichwertig zu agieren. Natürlich bedeutet Emanzipation auch, dass man sich selbst differenziert wahrnimmt, sich in weiterer Folge kommunikativ und offensiv in eine Gemeinschaft einbringt - und letztendlich, dass sich die Gemeinschaft selbst emanzipiert.

In der Glimmer- und Glamourszene rund ums Film- und Musikbusiness wird heute wieder gerne das Frauenbild des blonden Dummchens bemüht. Besorgt Sie diese Entwicklung?

Die Gesellschaft baut sich ihre Bilder, und wir leben nun einmal in einer von Männern dominierten Welt. Oft sind diese Frauen aber gar nicht so dumm, wie sie verkauft werden, sondern im Gegenteil recht clever und auch talentiert. Das dümmliche Weibchenklischee wird aus reinen Marketingüberlegungen heraus bedient, als quasi Verpackung, damit sich das Produkt besser verkauft. Das ist insofern zwiespältig, weil sich gewisse Frauen dann vielleicht mit diesem Typ der Weiblichkeit identifizieren und das vorgespielte Klischee für echt halten. Die klischeehaften Anforderungen an die weibliche Körperbeherrschung, etwa als Gewalt über den Körper, bekommen mittlerweile auch Männer zu spüren. Männer eifern heute gewissen optischen Idealbildern genauso nach wie Frauen.

Ihre künstlerische Arbeit ist sehr schwer in Kategorien einzuordnen. Beinahe könnte man VALIE EXPORT als eigene Strömung bezeichnen. Liegt das möglicherweise auch daran, dass Sie am Beginn Ihrer Karriere als Frau relativ allein inmitten von männlichen Kollegen standen?

Natürlich war man als Frau in den 60ern isolierter, auch alleine. Ich war ja ziemlich früh schon im Ausland. Mir war klar, dass man meinen Stil, meinen künstlerischen Ausdruck in Österreich nicht akzeptieren würde. Ich wurde hier einfach negiert - ganz so, als würde ich gar nicht existieren. Meine Arbeiten habe ich fast ausschließlich im Ausland präsentiert, in England, in Deutschland, in der Schweiz, in Holland, später in den USA. In Wien wurde ich totgeschwiegen oder skandalisiert, was ja eine sehr primitive Art der Wahrnehmung und Kategorisierung ist.

Sind die Wiener leichter zu provozieren? Wird bei uns eher skandalisiert?

Ich halte Skandalisierung für einen allgemeinen menschlichen Mechanismus. Sie geht auf Dinge und Vorgänge los, die man nicht einordnen kann, Dinge, mit denen man sich nicht auseinandersetzten will.

Braucht Kunst Provokation?

Nein, Kunst braucht sicherlich keine Provokation. Aber in meiner Arbeit setze ich Provokation oft als Ausdrucksmittel ein. Weil ich durch die Provokation auf gewisse Dinge aufmerksam machen kann, eine Diskussion in Gang setzen will. Ich will mit meiner Kunst aggressiv sein.

Wie sehen Sie heute den Umgang mit Sexualität in unserer Gesellschaft im Vergleich zu früher?

Der Umgang ist negativ. Models und Idole verkörpern ja nur scheinbar Sexualität und Lust, tatsächlich ist unser Verhältnis zum Sex - sagen wir es einmal - angespannt, konservativ, zurückgezogen. Sexualität wird zwar intensiv zur Schau gestellt, etwa im Fernsehen, in der Werbung, im Kino, ohne dass diese Expressivität darauf abzielt, vom Einzelnen tatsächlich nachvollzogen zu werden. In unserer Gesellschaft muss man sexy wirken oder sich sexy kleiden, aber man darf keine Lust zeigen, geschweige denn sie ausleben. Sein und Schein driften diesbezüglich immer weiter auseinander - und viele verwechseln Sexysein mit Erotik.