Wieso kam es dann zur Trennung der Fakultäten?

Liessmann: Die "Scienza nuova" von Giambattista Vico aus dem frühen 18. Jahrhundert markiert eine wichtige Zäsur. Vico begründet darin die Geschichtswissenschaft mit dem Argument, dass wir die Natur, die von einem uns unbegreiflichen Gott erschaffen wurde, nie gänzlich verstehen werden können. Das allerdings, was wir als Menschen tun und hervorbringen - Politik, Geschichte, Kunst -, das müssten wir verstehen können, zumal wir selbst die Schöpfer sind. An diesem Punkt beginnt die Trennung: eine Wissenschaft wird kreiert, die sich ganz zentral mit dem beschäftigt, was Menschen tun und denken. Später formulierte Wilhelm Dilthey dann die Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften.

Wie ist diese Unterscheidung genau zu verstehen?

Liessmann: Dilthey meint, dass die Naturwissenschafter Naturphänomene "erklären", während es in der Geisteswissenschaft darum geht, Methodiken zu entwickeln, um zu "verstehen".

Kummer: Ratio und intellectus.

Liessmann: Ab diesem Zeitpunkt beginnt sich der Weg der Wissenschaften zu teilen, auch wenn es eine vollständige Trennung nie gegeben hat. Geisteswissenschaften sind im Wesentlichen Textwissenschaften, und Texte muss man verstehen.

Kummer: Einen Text verstehen ist etwas anderes, als die Materie zu analysieren.

Liessmann: Genau das ist der Punkt. Verstehenswissenschaften waren speziell in zwei Bereichen extrem wichtig. Der eine war die im 18. Jahrhundert aufkommende Bibelkritik, der andere waren die Rechtswissenschaften.

Kummer: Ich kann mit der Unterscheidung zwischen Erklären und Verstehen durchaus leben. Auf der anderen Seite muss ich zugeben, dass es unter den Naturwissenschaftern Kollegen gibt, die der Meinung sind, dass in dem Moment, in dem man eine Formel zur Verfügung hat, auch bereits das Verständnis gegeben sei. Auf dem Gebiet der fundamentalen Physik dominiert aber immer mehr der Ansatz des Erklärens.

Liessmann: Damit wären wir bei einer entscheidenden Frage angelangt: Kann man naturwissenschaftliche Vorgänge nur mathematisch beschreiben und dadurch erklärbar machen, oder kann man sie auch verstehen? In den Geisteswissenschaften geht es um das Verstehen dessen, was Menschen geäußert oder vollbracht haben. Im Grunde ist das ein Verstehensbegriff, der sich nur auf Menschen und ihre Produkte bezieht und deshalb in keine Konkurrenz zu einem naturwissenschaftlichen Erklärungsbegriff treten kann.

Kummer: Aber Verstehen heißt doch, etwas auf Begriffe zurückzuführen, die man in einem anderen Zusammenhang zumindest schon annäherungsweise gebraucht hat. Nun gibt es gerade in der Physik Bereiche, die man in diesem Sinn nicht verstehen kann. Zum Beispiel, wenn sich zwei Systeme mit hoher Geschwindigkeit aufeinander zu bewegen. In dieser Situation gewinnt man den Eindruck, der Maßstab im jeweils anderen System sei verkürzt. Angesichts solcher Probleme können neue Arten des Verstehens nötig werden: Es bleibt nur die Krücke Mathematik. Absoluter Raum und absolute Zeit haben etwa in der Relativitätstheorie als Grundkonzepte ausgedient.

Liessmann: Sie haben am Anfang unseres Gesprächs schon gemeint, Kants Vorstellung von absolutem Raum und absoluter Zeit sei aus physikalischer Sicht überholt. Solange die Philosophie auch Naturphilosophie war, also gleichsam naturwissenschaftlich gearbeitet hat, war es völlig klar, dass ihre Ergebnisse widerlegt bzw. ergänzt werden können. Aber soweit ich das verstehe, ist es Kant ja nicht darum gegangen, den Raum- und Zeitbegriff im physikalischen Sinne absolut zu setzen, sondern darum, dass wir uns keine Form von empirischer Erfahrung vorstellen können, ohne so etwas wie Raum und Zeit in unserer Vorstellung vorauszusetzen. Ich nehme an, nicht einmal Sie könnten sich vorstellen, ein Ding zu erkennen, das sich in keinem Raum befindet und das keinen zeitlichen Zustand hat.

Kummer: Richtig. Ich kann es mir nicht vorstellen, ich kann es nur mathematisch beschreiben.

Liessmann: Das ist auch der Grund, weshalb Kant in der "Kritik der reinen Vernunft" Raum und Zeit gerade nicht als physikalische Kategorien bezeichnet, sondern als "Anschauungsformen", denen unser Vorstellungsvermögen unterliegt. Das heißt: Wenn wir Dinge in der Welt wahrnehmen, müssen wir Raum und Zeit immer schon voraussetzen.

Kummer: Es gibt auch Anschauungsformen, die man aus der dreidimensionalen Welt und Zeit herausnimmt. Es waren gerade die Mathematiker, die befunden haben, dass man sich viel kompliziertere Räume mathematisch vorstellen kann. Man kann sie beschreiben, indem man sich Bahnen vorstellt, und mit Hilfe dieser Bahnen die Räume durchläuft und analysiert. Die Schlauheit der Mathematiker besteht eben darin, Methoden zu erfinden, um über unsere beschränkte Vorstellungskraft hinauszukommen.

In diesem Gespräch sind die verbindenden Momente zwischen Natur- und Geisteswissenschaften weitaus stärker ins Gewicht gefallen als die trennenden.

Kummer: Das Trennende innerhalb einer Wissenschaft ist oft stärker ausgeprägt als das zwischen verschiedenen Wissenschaftszweigen.