Angenommen, Sie würden nochmal auf die Welt kommen: Möchten Sie wieder Mathematiker werden?

Ich liebe die Mathematik, und selbst wenn ich Rechtsanwalt wäre, würde ich mich mit mathematischen Problemen beschäftigen. Mathematik ist das Einzige, was mich rundum glücklich macht. Es muss nicht unbedingt Mathematik und Terrorismusbekämpfung sein, auch wenn dieser Zusammenhang in meinem Fall autobiografisch begründet ist. Trotzdem setze ich meine Bemühungen fort, eine perfekte terroristische Zelle zu beschreiben, auch wenn die USA im Moment kein Interesse daran zeigen. Andererseits darf sich dann aber keiner darüber beschweren, dass meine Arbeit angeblich den Terroristen in die Hände spielt.

Jonathan Farley. Foto: Marco Prenninger
Jonathan Farley. Foto: Marco Prenninger

Zur Person

Jonathan David Farley, geboren 1970 in Rochester, NY, hat eine brillante Karriere als Mathematiker gemacht: Er war Gastprofessor für Mathematik am California Institute of Technology (Caltech) und am Massachusetts Institute of Technology (MIT), Science Fellow am Center for International Security and Cooperation der Stanford University, und bis vor kurzem Forschungsstipendiat an der Johannes-Kepler-Universität Linz. Das Wissenschaftsmagazin "Seed" reihte Farley unter die "15 wichtigsten Menschen, die das globale Gespräch über Wissenschaft im Jahr 2005 wesentlich mit geprägt haben". 2004 wurde er von der Harvard Foundation als "Distinguished Scientist of the Year" ausgezeichnet.

Farleys Spezialgebiet ist die Verbandstheorie. Zu seinen wichtigsten Beiträgen auf diesem Gebiet zählt die Lösung eines mathematischen Problems, das der MIT-Professor Richard Stanley 1981 formuliert hatte und das ungelöst geblieben war, bis es Farley gelang, eine Bijektion zu konstruieren, die zeigt, dass der h-Vektor einer natürlich gelabelten endlichen geordneten Menge mit Rangfunktion symmetrisch ist.

Farley hat auch regelmäßig zu politischen Fragen Stellung genommen, was nicht folgelos geblieben ist: 2003 musste er seine Stelle an der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee, aufgrund von Todesdrohungen aus dem Umkreis des Ku-Klux-Klan aufgeben. Neben den rein fachlichen Fragestellungen arbeitet der Mathematiker daran, mathematische Methoden sinnvoll bei der Terrorismus-Bekämpfung einzusetzen.

Zurzeit ist Jonathan Farley Außerordentlicher Professor für Informatik an der University of Maine. Diese auf ein Jahr befristete Stelle hat er aufgrund seiner Bekanntschaft mit dem dortigen Institutsleiter bekommen. Er geht aber davon aus, dass er keine weiteren Stellenangebote in den USA erhalten wird. Deshalb lernt er nun Deutsch und hofft, nach Österreich zurückkehren zu können.

Ernst Grabovszki, geboren 1970, arbeitet in einem Wissenschaftsverlag und ist Lehrbeauftragter am Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Wien.