Madalina Diaconu. - © Foto:Stummerer
Madalina Diaconu. - © Foto:Stummerer

"Wiener Zeitung": Frau Diaconu, Sie stammen aus Bukarest. Was hat Sie nach Wien verschlagen?

Madalina Diaconu: Die Universität hat mich nach Wien gelockt. Am Institut für Philosophie habe ich meine zweite Dissertation geschrieben. Danach ging ich zwar für eine Weile nach Bukarest zurück, aber letztlich bin ich aus familiären Gründen in Wien sesshaft geworden.

Sie setzen sich stark mit den fünf Sinnen auseinander. Woher stammt Ihr philosophisches Interesse an den körperlichen Aspekten des Seins?

Ich bin Ästhetikerin, Kunstphilosophin und stamme, wenn Sie so wollen, aus der Phänomenologie. Innerhalb dieser Forschungsfelder arbeitet man traditionell mit der Sinneslehre. Es geht um die Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen. Der "klassische" philosophische Diskurs bevorzugt allerdings das Sehen und das Hören gegenüber dem Tasten, Riechen und Schmecken. Diese unwürdige Teilung in "primäre" und "sekundäre" Sinne lässt sich auf Kant und Hegel zurückführen, die behaupteten, dass es nur Künste der "höheren Sinne" Sehen und Hören gibt. Das ist doch absurd. Mein Forschungsansatz beinhaltet alle fünf Sinne. Mich interessiert, wie sich Künste, die die Sekundärsinne ansprechen, rechtfertigen lassen.

"Wir haben keinen Algorithmus für Schönheit" - Madalina Diaconu im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Martin Hablesreiter. - © Foto:Stummerer
"Wir haben keinen Algorithmus für Schönheit" - Madalina Diaconu im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Martin Hablesreiter. - © Foto:Stummerer

Warum sind das Riechen, das Schmecken und Tasten überhaupt Sekundärsinne?

Grundsätzlich ist der Begriff Sekundärsinne aus meinem Mund polemisch zu verstehen! Vermutlich sind viele Erklärungen für diese Herabwürdigung möglich. Eine davon ist physiologisch, denn die Sekundärsinne sind praktisch betrachtet nicht mehr von so großer Relevanz für den Menschen. Bereits Kant hat gesagt, dass der Geruchssinn beim Menschen überflüssig geworden ist. Es gibt aber auch kulturelle und philosophische Vorurteile gegen diese Sinne.

Madalina Diaconu. - © Foto:Stummerer
Madalina Diaconu. - © Foto:Stummerer

Worauf führen Sie diese zurück?

Sie sind verankert in einem dualistischen Denken. Die Sinne werden dem Geist gegenübergestellt. Und viele Philosophen haben sich auf die Seite des Intellekts, der Vernunft, des Denkens gestellt - gegen die Sinne, gegen eine hedonistische Ethik. Es ist klar, dass vor allem der Geschmackssinn und die Sexualität mit einer hedonistischen Ethik verbunden waren. Daher waren sie abzulehnen.

Warum sollen wir uns dann überhaupt mit den Sinnen auseinandersetzen?

"Gerüche zum Beispiel können wir schwer beschreiben." - © Foto:Stummerer
"Gerüche zum Beispiel können wir schwer beschreiben." - © Foto:Stummerer

Es geht um die Leiblichkeit jedes Lebewesens. Wir dürfen doch unseren Körper nicht vergessen. Abgesehen davon gibt es als Reaktion auf die asketische Moderne eine gewisse Sehnsucht nach der Wiederentdeckung unserer Sinne. Entsprechen die Raumduftkerze oder der Tofixwürfel der Wiederentdeckung der Sinne?

Ja, natürlich.

Sie betrachten die Sinnlichkeit im Zusammenhang mit der Ästhetik. Welche Bedeutung hat Ästhetik in unserem Dasein?

Es kann einen tieferen Sinn der Ästhetik geben. Mit ihr können wir zu einer umfassenderen, ökologischen Ethik kommen.

Meinen Sie: Zurück zur Natur?

Nicht zurück zur Natur. Es gibt ja in Europa gar keine reine Natur mehr. Alles ist vom Menschen gemacht, auch die Landschaft. Insofern brauchen wir aber einen neuen, philosophischen Zugang zu unserer Umgebung.

Wie aber können wir durch die Ästhetik zu einer neuen Ethik kommen?

Die ästhetische Erfahrung enthält sinnliche und intellektuelle Komponenten. Insofern betrifft sie uns als vollständige Wesen, die erleben, beschreiben und beurteilen müssen, um in einer Gesellschaft überhaupt überleben zu können. Dennoch ist die Ethik meistens rationalistisch geprägt.

Aber ist Ästhetik nicht auch intellektuell? Wird uns nicht vom Feuilleton der "New York Times", von der "Vogue" oder vom Michelin-Restaurantführer gesagt, was ästhetisch ist und was nicht?

Man kann uns nicht sagen, was ästhetisch ist, denn wir haben keinen Algorithmus für Schönheit. Wir können in bestimmten Situationen etwas als grotesk oder pittoresk oder tragisch empfinden. Das sind Gefühle. Das sind keine intellektuellen Urteile, weil es keine allgemeinen Kriterien dafür gibt. Man versucht ja immer wieder, allgemeine Kriterien für die universale Schönheit vorzuschlagen. Diese Gesetze bleiben aber viel zu vage und interkulturell unhinterfragt. Denken Sie an den Goldenen Schnitt, ein angebliches Universalgesetz der Schönheit. Kein japanischer Architekt richtet sich danach. In Japan gilt das Quadrat als Ideal.

Sind Sie wirklich sicher, dass es keine Strukturen gibt, die definieren, was ästhetisch zu sein hat?

Es gibt kein heiliges Buch, in dem wir nachschlagen können, ob etwas schön ist oder nicht. Nichtsdestoweniger muss Kunst gewissen Bedürfnissen einer ganzen Gesellschaft entsprechen, sonst wäre sie nicht erfolgreich. Sonst wäre alles Schwindelei. Davon abgesehen glaube ich daran, dass es etwas gibt, was uns unabhängig von unserem kulturellen Hintergrund ansprechen kann. Sonst würden wir ja nicht auf Kunst reagieren, die 2000 Jahre alt ist. Wir verstehen diese Kunst nicht und dennoch sagt sie uns etwas.

Aber ist es nicht so, dass uns ein antiker Tempel gefällt, weil wir aus der Schule und vom Bildungsbürgertum wissen, dass er uns zu gefallen hat?

Persönlich fühle ich mich eher durch die nicht-klassischen Kunststile angesprochen, nicht durch die Antike.