Wiener Zeitung: Maestro Jansons, wir führen unser Gespräch in Amsterdam, wo Sie Chefdirigent des Concertgebouw-Orchesters sind. Erinnern Sie die Brücken und Kanäle hier an St. Petersburg? Sie haben ja am Konservatorium, im damaligen Leningrad, Geige, Klavier und Dirigieren studiert.

Mariss Jansons: Ja, ich liebe es, in den Grachten mit dem Boot zu fahren. Wenn ich Zeit finde, tue ich das hier genau so gerne, wie ich in St. Petersburg eine kleine Schifffahrt mit Freunden unternehme. Es entspannt und schärft den Blick für die "Welt draußen". Wissen Sie, ich habe ja nicht nur in zwei, sondern in drei Welten gelebt und gearbeitet: In Europa, in Amerika und in Russland. Die Brücken zwischen diesen drei grundverschiedenen Systemen umspannen immer noch tiefe Gräben, denn - musikalisch betrachtet - steht in jedem Kosmos ein anderer Aspekt im Mittelpunkt. Das beginnt schon mit der Ausbildung.

"Den Arbeitseifer und den Fleiß habe ich mir erhalten". - © Foto:Schlögl
"Den Arbeitseifer und den Fleiß habe ich mir erhalten". - © Foto:Schlögl

Wobei sich wohl auch der Unterricht in Russland selbst geändert hat, seit Sie in den 1960er-Jahren dort studiert haben?

Und wie! Leider muss man sagen, dass die Qualität nicht besser geworden ist. Ich hatte noch phantastische Lehrer. Das Konservatorium befand sich im Gebäude des Operntheaters, so konnten wir mit dem professionellen Chor, dem Ballett und dem Sängerensemble arbeiten. Zwei Mal in der Woche durfte jeder Student das "richtige" Orchester dirigieren! Eine großartige Übung, die noch immer praktiziert wird - aber nicht mehr so oft und regelmäßig, denn es gibt heute weniger Studenten, aber dafür mehr Professoren als damals. Die Lehrer können kaum von ihrem Konservatoriums-Gehalt alleine leben, die ökonomische Situation ist sehr schwierig geworden. Auch viele Studenten müssen dazuverdienen, das Stipendium reicht nicht mehr aus.

- © Foto: Schlögl
© Foto: Schlögl

Waren Sie ein Fulltime-Student?

Das kann man sagen! Ich musste sehr zeitig aufstehen, im Winter, wenn es 25 Grad unter Null hatte und stockfinster war, kam ich einmal zu spät, weil ich noch Chorprobe hatte. Mein Professor zeigte kein Verständnis und mahnte mich: Du kannst nicht zwei Sachen parallel machen - dirigieren lernen und Chor leiten, Du musst Dich entscheiden. Das war eine ernste Sache! Ich habe den Eindruck, die Studenten leben heute leichter, man kauft sich einen Dirigierstab und fängt an. Damals nahmen die Professoren überhaupt nur die besten Studenten in ihre Klasse auf. Das könnten sie sich heute, finanziell gesehen, gar nicht mehr leisten.

Wo lag denn in musikalischer Hinsicht der Schwerpunkt Ihrer Ausbildung?

In Russland zählt bis heute die Emotionalität. Technik und Stil sind natürlich auch wichtig, aber es ist ganz anders als beispielsweise in Amerika: Dort steht die Technik während der Ausbildung an erster Stelle, während man sich bei der Ausbildung in Europa nach wie vor auf Feinheiten der Klangkultur und des Stilgefühls konzentriert. In Russland konnte es vorkommen, dass ein Schüler ein Prüfungsstück emotional vollkommen verinnerlicht wiedergab - dann war es nicht so tragisch, wenn ihm als Pianist ein kleiner Fehler passierte. Ein falscher Ton wurde von den Professoren nicht überbewertet. In Amerika wird jeder kleinste Fehler kritisiert. Als ich Jahrzehnte später in Amerika Chefdirigent wurde, habe ich auch von diesem System sehr viel profitiert.

Was haben Sie denn als Chef des Pittsburgh Symphony Orchestra gelernt?

Dass in Amerika der Chefdirigent der Boss ist! Man erwartet klare Entscheidungen von ihm. In dieser Position muss man in jeder Sekunde wissen, was man will. Man darf nicht laut überlegen und nachdenken oder gar das eben Gesagte revidieren. Time is money. Da muss man sehr vorsichtig sein (lacht!), dass man immer als Big Boss agiert. Die amerikanischen Orchester akzeptieren aber auch Kritik.

Das klingt nach Autoritätsgläubigkeit?

Orchestermusiker sollten schon bereit sein, das umzusetzen, was der Dirigent will. Aber ich rede nicht von absoluter Machtausübung, ich bin ein Mensch, der immer den anderen nach seiner Meinung fragt und, wie man sagt, des "Volkes Stimme" hört. Ich dirigiere ja sehr viel in Europa, da geht mit dem Modell des "absoluten Bosses" überhaupt nichts. In Europa läuft auch im Kunstbetrieb alles demokratisch ab. Der Dirigent hat ebenfalls nur eine Stimme, wenn Sie so wollen. Das hat auch seine gute Seite, denn ich bin ja ein Teamplayer. Das Ideal wäre eine Mischform, denn zuviel Demokratie kann zu absurden Blockaden führen, dann passiert gar nichts mehr. Genauso absurd ist es, als absoluter, starker Führer einem Kollektiv Angst einzujagen. Darum geht es nicht.

Sondern?

Um Verantwortung. Als Dirigent muss ich ein Ziel sehen und die Mit-Spieler dazubringen, dass wir gemeinsam dorthin kommen. Das setzt viel Erfahrung voraus, aber auch Flexibilität. Als ich Chef des Osloer Philharmonie Orchesters gewesen bin, (Anm.: von 1979 bis 2000) habe ich unglaublich viel Repertoire dirigiert, aber in den USA genauso - das gibt mir eine starke Basis. Ich bin mit den Komponisten vertraut, mit Robert Schumann, mit Gustav Mahler, mit Schubert, Haydn, Mozart, Ravel, Sibelius, Strawinsky. Ein Chef muss das Handwerk beherrschen, er muss in seinem Metier wirklich zu Hause sein. Praxis ist die beste Schule.