Wiener Zeitung: In Austin, Texas, ist derzeit ein Autopickerl ziemlich beliebt: "You keep believing, we’ll keep evolving", Glaubt ihr nur weiter an Gott, wir glauben an die Evolution, beziehungsweise: Glaubt ihr ruhig an Gott, wir entwickeln uns weiter.

Tim Flannery (lacht schallend). Würden Sie das an Ihr Auto picken?

Ja, ich glaube schon. Obwohl ich keinen großen Unterschied sehe zwischen dem Glauben und dem, was wir Rationalität nennen. Sogar der Vatikan hat einen Astronomen, der zumindest über die Möglichkeit von Leben auf anderen Planeten nachdenkt. Ich glaube, Religion hatte eine wichtige Rolle in der Entwicklung des Menschen, sie hat den Zusammenhalt geboten, den wir sonst nicht gehabt hätten. Das Traurige heute an den Religionen ist, dass sie anderes ausschließen.

"Jeden Tag gibt es Veränderungen und Entwicklungen." Tim Flannery im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Alexander Kluy. - © Foto: Filippo Cirri / Photoprodigo
"Jeden Tag gibt es Veränderungen und Entwicklungen." Tim Flannery im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Alexander Kluy. - © Foto: Filippo Cirri / Photoprodigo

In der Besprechung Ihres neuen Buches hat der Präsident der Australian Conservation Foundation, einer Umweltschutzstiftung, kritisiert, dass Sie "nicht den Urgrund unserer Probleme, nämlich stupides Wirtschaftswachstum" behandeln.

Ist das wirklich der Urgrund unserer Probleme? Ich weiß nicht. Ich behandle das Thema kurz in meinem Buch, aber ich habe vor allem versucht, eine Antwort darauf zu geben, wie unsere Beziehung zum Planeten Erde aussieht. Das ist komplex genug. Aber in Rezensionen taucht halt immer gern der Ratschlag an den Autor auf, eigentlich hätte er ein ganz anderes Buch schreiben sollen.

Tim Flannery. - © Foto: Filippo Cirri / Photoprodigo
Tim Flannery. - © Foto: Filippo Cirri / Photoprodigo

Kommt Ihnen der aktuelle weltpolitische Trend, Umweltschutzanliegen hintanzustellen oder auszublenden, seltsam vor?

Ich denke, es ist das Schwerste auf der Welt, gesellschaftliches Verhalten zu ändern. Jedes Mal, wenn das versucht wird, entsteht eine Pendelbewegung in die entgegengesetzte Richtung. Was wir derzeit sehen, ist eine solche Gegenreaktion zum Umweltgedanken. Aber dieser Gegenreaktion fehlt eine durchdachte Vorstellung davon, was die Menschen wollen. Es geht mehr darum, was sie nicht wollen. Das ist verständlich, aber es reicht nicht. Also, überrascht bin ich nicht. So ist die Natur des Menschen.

Von der Klimakonferenz, die 2009 in Kopenhagen stattfand, waren Sie enttäuscht.

Als ich die Schlussnote las und sah, wie fragil sie war, wie wenig Forderungen sie stellte, war ich enttäuscht. Aber wenn Sie es von heute aus betrachten, dann hat Kopenhagen viel ausgelöst.

Sie sprechen davon, dass wir durch unser jetziges Verhalten die Zukunft entwerten. Ist das ein Erziehungsproblem?

Die Idee von der Entwertung der Zukunft ist sehr, sehr essenziell. Wir brauchen besser ausgebildete Gesellschaften mit einer ökonomischen Grundsicherheit. So lange die Menschen das nicht haben, sehen sie die Nachhaltigkeit als Nebensache an. Sie verbrauchen dann alles zum täglichen Überleben, auch wenn das die Zukunft gefährdet.

Sie sagen, wissenschaftliche Instrumente zur Überwachung der Atmosphäre, der Meere und der Kontinente würden eines nicht allzu fernen Tages zur Verfügung stehen, sodass es möglich wäre, vorbeugend zu agieren und Naturkatastrophen exakt vorherzusagen. Es fehle nur der politische Wille, diese Instrumente klug einzusetzen. Ist es nicht frustrierend, dass eine solche Diagnose keine Folgen hat?

Ich sehe das nicht so. Wenn ich heute die Welt anschaue, nehme ich eine ganz junge Bewegung wahr, mit einem Gehirn und einem Nervensystem, die aber noch nicht geordnet vorwärts kommt. Wenn ich überhaupt so etwas wie Frustration spüre, dann darüber, dass ich dieser Bewegung nur im Babystadium angehöre. Aber wenn Sie sich die Geschwindigkeit der Veränderungen in unserer Gesellschaft ansehen, dann fühlt es sich für mich so an wie die ersten Wochen oder Monate nach der Geburt, wenn jeden Tag etwas Neues passiert. Ein Baby entwickelt sich in dieser Zeit jeden Tag fort. Und genauso kommt mir unsere Zivilisation vor. Jeden Tag gibt es Veränderungen und Entwicklungen.

Wie schafft man es, der Gesellschaft ein neues Verhalten einzuimpfen?

Nun, ich versuche es, indem ich Bücher schreibe. Und in Austra-lien bin ich inzwischen "Chief Climate Commissioner", der oberste Klimaschützer sozusagen, ich fahre zu vielen Gemeinden und spreche dort über viele Themen.

Als "Australier des Jahres 2007" ist das wohl nicht allzu schwierig.

Das hilft ein wenig (lacht). Doch manchmal ist das auch nicht so einfach, das kann ich Ihnen sagen. Wir müssen alle zusammen handeln, um zu Lösungen zu gelangen. Wir hätten nie eine solche Zivilisation aufgebaut, wir wären nie so weit gekommen ohne den festen Glauben daran.

Haben Sie die leise Hoffnung, dass es eines Tages Politiker geben wird, die nicht kurzsichtig handeln und wirklich Zukunftsprojekte durchsetzen wollen?

Die Lage der Wirtschaft, besonders die Krise in den Vereinigten Staaten, lenkt die Menschen zweifellos von vielen Umweltschutzanliegen ab. Aber das heißt nicht, dass es keine Fortschritte gibt. Die USA haben eine Reihe von Vorschriften verabschiedet, die Emissionsrate sinkt nachweislich. In Kanada gibt es keine Initiative auf Bundesebene, aber das Emissionsziel wir dennoch erfüllt, weil die einzelnen Provinzen agieren. Trotz der Rezession gibt es also Erfolge. England hat kürzlich höchst ehrgeizige Emissionsreduktionen angekündigt. Rings um den Globus passiert etwas. Zugegeben, nicht so schnell, wie wir es gerne hätten, denn zweifelsohne verlangsamt die Wirtschaftskrise Maßnahmen. Aber an den grundlegenden Absprachen von Kopenhagen und Cancún hat sich nichts geändert. Die Länder nehmen ihre Ziele ernst.