Foto: Andreas Pessenlehner - © Friedrich Hinterberger
Foto: Andreas Pessenlehner - © Friedrich Hinterberger

"Wiener Zeitung": Herr Hinterberger, Sie verwenden selbst ein Handy - ist das nachhaltig?

Friedrich Hinterberger: (lacht) Sie fangen ja mit der einfachsten Frage an (denkt länger nach) . . . Nein, das Handy ist nicht nachhaltig. Von den Geräten, die wir täglich benutzen, ob Computer oder Handy, ist fast nichts nachhaltig - wenn man Nachhaltigkeit so versteht, dass, wenn es alle machen, es sich trotzdem für alle ausgeht. Das fängt damit an, wie Geräte produziert werden, welche Ressourcen und welche (Roh-)Stoffe verwendet werden, bis hin zur Infrastruktur, die drinnen steckt: die Server, die dahinter stehen und der Internet-Schnickschnack, den die Handys haben. Der Energieverbrauch der IT-Branche ist gleich hoch wie jener des Flugverkehrs! Der Durchschnittsösterreicher müsste auf sehr viel verzichten, damit unser Ressourcenverbrauch auf ein Zehntel schrumpft, das wäre nachhaltig. Wenn ich sehr streng mit mir wäre - was ich nicht bin - könnte ich meinen Verbrauch vielleicht auf die Hälfte reduzieren.

Wie können Sie in der Praxis das leben, womit Sie sich in der Theorie befassen?

Was ich beitragen kann, ist, dass wir hier am Institut alle in Teilzeit arbeiten. Ich arbeite 30 Wochenstunden und habe um ein Viertel weniger Einkommen. Ich habe auch den Fleischkonsum reduziert, das bedeutet für mich keine Einschränkung. Es ist ein Unterschied, ob man für ein Kilo Steakfleisch fünf Euro oder 50 Euro ausgibt. Im "ökologischen Rucksack" hat das wenig Auswirkung, aber wenn ich für Bio-Fleisch mehr Geld ausgebe, unterstütze ich "Slow Food" - und die Wertschöpfung ist höher. Wenn man hingegen nach der Maxime "Geiz ist geil" lebt, fördert man die Hühner in der Legebatterie.

Was kann Ihr Institut, das "Sustainable Europe Research Institute" (SERI), leisten?

Es kommt darauf an, wie weit die Politik auf uns hört. Da geht es Herrn Aiginger vom Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) ähnlich, nur bei uns ist es noch schlimmer. Was wir bei SERI machen, ist ungefähr zur Hälfte Forschung, halt meist im Rahmen von EU-Projekten. Die andere Hälfte sind Lobbying und Beratung, was wir am liebsten tun. Wir beraten Unternehmen, die Regierung oder die Europäische Kommission und erarbeiten mit ihnen gemeinsam Vorschläge. Mit der Politik etwas zu erarbeiten ist am schwierigsten.

Auch Vertreter der Sozialpolitik sagen, dass es schwierig sei, ein Gegengewicht zu den Interessen der Wirtschaft und der Industrie zu bilden und Einfluss zu nehmen. Warum ist das so?

Wenn man sich anschaut, wie viele Jobs die Industriellenvereinigung in den Ministerien bezahlt - da können wir nicht mithalten. Aber ich nehm’s sportlich, das ist so, wie wenn im Fußball Österreich gegen Deutschland spielt. Wenn man da vorher schon sagt, die Deutschen spielen eh besser, haben wir schon verloren. Immerhin tut sich schon etwas in Richtung mehr Nachhaltigkeit, insbesondere auf EU-Ebene. Die EU hat einen guten, starken Beamtenapparat, in dem auch durch unsere Beratungstätigkeit etwas weitergeht. Das Strategiepapier zu einem "ressourcenschonenden Europa", das heuer im Herbst herausgekommen ist, trägt unsere Handschrift.

Inwiefern?

In dem Papier schlägt die EU-Kommission die Messung der Ressourceneffizienz in der EU in vier Bereichen vor, nämlich Materialien, Wasser, Land und Treibhausgasemissionen. Dieses Indikatorenset wurde am SERI mit-entwickelt. Auch die Umweltverbände in Österreich und in der EU halten beim zu hohen Ressourcenverbrauch dagegen und tragen unsere Ideen, die inzwischen zum Mainstream geworden sind, weiter. Von einem Zehntel des Ressourcenverbrauches sind wir aber noch weit entfernt.

"Mehr Nachhaltigkeit ist nur durch Bewusstseinsbildung erreichbar": Friedrich Hinterberger im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Heike Hausensteiner. - © Foto: Andreas Pessenlehner
"Mehr Nachhaltigkeit ist nur durch Bewusstseinsbildung erreichbar": Friedrich Hinterberger im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Heike Hausensteiner. - © Foto: Andreas Pessenlehner

Nachhaltigkeit betrifft nicht nur die Umwelt, zu Ihren Forschungsgebieten gehört etwa auch der Themenbereich "Glück und Politik". Wie geht das zusammen?

Ein geringerer Ressourcenverbrauch wäre leicht zu erreichen, indem wir kein Fleisch mehr essen, die Heizung abdrehen oder nicht mehr Auto fahren. Aber trotz allem Wohlstand, der bei uns herrscht, werden die Menschen nachweisbar nicht glücklicher. Natürlich gibt es auch Arme bei uns, um die wir uns kümmern müssen. Aber in erster Linie geht’s um das Glücklichwerden mit weniger Ressourcenverbrauch.

"Burn out" und Klimawandel haben ja nach Ihrer Theorie dieselbe Wurzel.

Der Mittelstand wird durch den Wohlstand nicht glücklicher, man hat keine Zeit mehr für Beziehungen, für Hobbys, um ein erfülltes Leben zu führen. Das sieht man ja derzeit an der Weihnachtshetze.

Wäre es nachhaltiger, keine Geschenke mehr zu machen?

Was soll man noch schenken? Die CDs und die Bücher stapeln sich in den Regalen, und wir haben keine Zeit mehr, sie anzuhören oder zu lesen. Andererseits ist es nicht so leicht, aus diesem Getriebe herauszukommen.

Wie stellen Sie im Rahmen Ihrer Forschungstätigkeit fest, ob jemand glücklich ist?

Es gibt diesbezügliche Studien, wir setzen deren Ergebnisse dann in Richtung Nachhaltigkeit um. Die renommierteste Glücksforscherin ist Sonja Lyubomirsky (von der University of California, Anm.), die festgestellt hat, dass Materielles zwar auch eine Rolle spielt, aber es ist nur ein Punkt unter mehreren. Außerdem ziehen wir Vergleichsstudien wie die Eurobarometer-Umfragen heran. Die Frage, die uns mehr beschäftigt, ist aber, wie man diese Ergebnisse umsetzen kann. Wir haben bei SERI durch Teilzeitarbeit zum Beispiel sieben Jobs geschaffen. Ich will Arbeitszeitverkürzung nicht verordnet haben, sondern man sollte Anreize für Teilzeit ohne Lohnausgleich schaffen. Das erfordert aber auch Flexibilität aufseiten der Arbeitnehmer.