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Zuerst Goldschmiedin, dann Psychotherapeutin: Christl Lieben. - © Foto: Josef Polleross
Zuerst Goldschmiedin, dann Psychotherapeutin: Christl Lieben. - © Foto: Josef Polleross

Wiener Zeitung": Frau Lieben, Sie sind seit über 30 Jahren Psychotherapeutin, haben verschiedene Richtungen und Ansätze ausprobiert und angewandt, und sind nun bei einem "Format" und "Arbeitsmotto" gelandet, das sie selbst als zentral für Ihre therapeutische Arbeit bezeichnen und das sich "Liebe frei von Mitgefühl" nennt. Wie kam es dazu - und was verstehen Sie darunter?

Christl Lieben: Es kam dazu, weil ich ein starkes Burn-Out und nachhaltige Herz-Rhythmus-Störungen hatte. Das war ein Signal für mich, etwas zu verändern. Mir ist klar geworden, dass diese Herzprobleme, unter denen viele Psychotherapeuten leiden, etwas mit unserer Arbeit zu tun haben. Wir übernehmen zu viel von unseren Klienten. Gerade wir "Aufsteller", denn da wird ja das innere Bild eines Menschen im Raum aufgestellt, mit dessen gesamter Seelen- und Leidensdynamik. Wir nehmen das zwar nicht emotional auf - diese Abgrenzung kann man lernen -, aber physisch, über Blut und Lymphe, also über unseren Flüssigkeitshaushalt. Wasser kann bekanntlich Informationen speichern, ändert seine Kristallstruktur, je nachdem, ob es positiv oder negativ "angesprochen" wird, wie der japanische Forscher Masaru Emoto herausgefunden hat. Warum sollte das bei uns anders sein? Wir bestehen aus 70 Prozent Flüssigkeit.

Sie meinen also, obwohl das keineswegs wissenschaftlich belegt ist, dass Blut Informationen aufnehmen kann . . .

. . . ja, und durch alle unsere Organe treibt. Was können wir dagegen tun? Bei langen Waldspaziergängen ist mir klar geworden, dass wir diejenigen Menschen, die zu uns Therapeuten kommen, nicht im Mangel sehen dürfen, also darin, was ihnen fehlt, sondern in ihrer Fülle, in ihren Möglichkeiten - selbst in den schwierigsten Situationen. Wir sind alle an eine Art Grundquelle angeschlossen, die die Erfahrung sucht, die wir gerade machen. Durch dieses Angeschlossensein sind wir gerüstet für unsere Lebenserfahrungen. Alles, was uns geschieht, ist auf einer tiefen Ebene stimmig, so schwer es auch sein mag.

Das heißt, dass Mitgefühl in Ihren Augen der falsche Weg ist, weil man zwar das Leid des Anderen mit übernimmt, ihm das aber gar nichts hilft, weil man ihm gewissermaßen etwas Eigenständiges wegnimmt.

Genau so ist es. Mitleid, aber auch Mitgefühl stellen stets eine Hierarchie her: der Andere wird kleiner - und ich werde größer. Wenn ich den Anderen mit meinem Mitgefühl begleite, wird er dadurch unselbständig gemacht. Man nimmt seinen spezifischen, eigenen Weg nicht ernst. Wenn man das Mitgefühl aber herausnimmt, entsteht in der Verbindung ein Freiraum, in den eine andere Art von Liebe einfließen kann, eine klare, eine distanzierte Form von Liebe, die trotzdem nahe ist, weil sie ja aus derselben Quelle kommt. Damit kann man Menschen ganz anders begleiten.

Es kommt ein tiefer Respekt vor ihrem jeweiligen Schicksalsweg auf. Und damit wird auch eine Gleichrangigkeit hergestellt. Nicht ich gebe dir - und du nimmst, sondern wir geben und nehmen voneinander.

Nun könnte man das in unserer christlich geprägten Kultur als eine Art von Unbarmherzigkeit verstehen bzw. missverstehen. Es könnte kaltherzig wirken - gerade bei jemandem, der Andere therapeutisch begleitet, also mit dem Anspruch, ihnen zu helfen. Der sollte dann in Distanz treten und sagen: "Dein Weg ist stimmig, so wie er ist und du hast alle Möglichkeiten in dir, um diesen Weg gehen zu können"!?

Ich sage ja nicht, wenn jemand mit einer furchtbaren Geschichte zu mir kommt: ,Wunderbar, das ist genau das, was Sie brauchen! Sondern ich gebe ihm den Respekt für sein Schicksal - und das lässt ihn groß bleiben. Menschen in Not machen sich selbst sehr oft klein. Da tut dann diese respektvolle Haltung wohl, wir sind auf Augenhöhe. Aber natürlich schauen wir dann gemeinsam, wie derjenige aus der belastenden Situation herausfindet. Dafür bin ich ja da. Aber diese Grundhaltung ist wichtig. Und ganz wichtig ist mir daher auch der Ausdruck "frei von Mitgefühlt", und nicht "ohne Mitgefühl". "Ohne" postuliert einen Mangel, "frei" gibt Raum. Erst kürzlich hat mich jemand angerufen und gefragt: "Sind Sie die Frau Lieben ohne Mitgefühl?" (lacht schallend) So ist das natürlich nicht zu verstehen!

Im Buddhismus gibt es ja auch ein Konzept von Mitgefühl . . .

. . . das meinem Konzept sehr nahe steht, nämlich diese nicht anhaftende Form von Mitgefühl. Die übrigens auch für einen selbst gilt: Wenn man die eigenen Probleme frei von Mitgefühl ansieht, klären sie sich viel rascher und grundlegender. Man muss sich auf diese Weise auch selbst Respekt erweisen und alle Möglichkeiten der Schicksalsbewältigung zumuten.

Das klingt sehr schön und gut. Nur: Wie tut man es? Wie wird man frei von Mitgefühl?

Es ist ein Lernprozess, der mit der Zeit zu einer Haltung wird. Und derer muss man sich immer wieder neu bewusst sein. Ich sage also nicht: ,Sie Armer, wie schrecklich - auch wenn man meinem Gesicht manchmal durchaus ansieht, dass ich betroffen bin -, sondern ich gehe rasch auf die Ressourcenebene, das ist im Wesentlichen die Ebene der Eigenverantwortung für die Situation. Das gibt Kraft und Selbstvertrauen. Es macht freier. Oft richten sich die Menschen im Gespräch auf und heben den Kopf.