"Wiener Zeitung":

Herr Podgorski, vor kurzem ist Ihr Hörbuch "Geschichten aus dem Hinterhalt" erschienen, das ein "Best of" Ihrer Erzählungen versammelt, die bis jetzt erschienen sind. Mitunter sind Ihre Schilderungen ziemlich skurril, sodass sich die Frage aufdrängt, wie hoch der Wahrheitsgehalt bzw. der literarische Spielraum dieser Geschichten ist?

Teddy Podgorski: Erst der literarische Spielraum macht eine Geschichte wahr.

Dies gilt somit auch für jenen Mann, dessen Flugbegeisterung so weit ging, dass er sich in seiner Wohnung ein Segelflugzeug in Originalgröße gebastelt hat?

Selbstverständlich! Das war mein Fluglehrer. Aber die Geschichte ist ja, dass er mit diesem Flugzeug abgestürzt ist und wieder eines gebaut hat. In der Wohnung.

Dreh- und Angelpunkt vieler Geschichten ist das Wiener Innenstadtlokal Gutruf, das ab den 1950er Jahren Treffpunkt namhafter Künstler war. Was musste man für Talente mitbringen, um in den illustren Kreis der sogenannten "Gutrufianer" aufgenommen zu werden?

Talente eigentlich nicht, sondern Beziehungen - Beziehungen zu einem dieser dort ansässigen Platzhirsche. Ich war damals mit Helmut Qualtinger befreundet - und er hat mich ins Gutruf mitgenommen.

In welchem Jahr war das?

1959, da war das Gutruf ein Hinterzimmer in einem Delikatessengeschäft, aber eben deswegen hochinteressant, weil dort die Elite der österreichischen Künstler erschienen ist, wie etwa Wotruba, Hundertwasser, Artmann, Mikl, Prachensky und viele Schauspieler und Journalisten.

Woher kannten Sie Qualtinger?

Ich lernte Qualtinger kennen, als ich Sprecher beim Radiosender Rot-Weiß-Rot war. Er machte dort kabarettistische Sendungen. Qualtinger war, wie gesagt, einer jener Platzhirsche im Gutruf, wo sich im Laufe der Jahre so etwas wie eine Rangordnung der Werte entwickelt hatte, eine Art Gutruf-Qualitätsprüfungszeichen.

Wie war das zu verstehen?

Wenn eine Arbeit im Gutruf-Kollektiv für gut befunden wurde, das heißt, wenn sie nicht verrissen oder verlacht wurde, konnte man sicher sein, dass sie gut war.

Ex-ÖVP-Generalsekretär Michael Graff bezeichnete die Clique, die im Gutruf verkehrte, einmal als "Gutruf-Kommunisten".

Ja, ich weiß aber bis heute nicht warum. Natürlich war dieser ganze Kreis progressiver als ein Kartellverband, aber diese Bezeichnung war lächerlich.

Sie selbst haben im Stiftsgymnasium der Benediktiner in Admont eine, wie ich annehme, eher konservative Schulerziehung genossen.

Eine scheinbar konservative. Admont war in der Form sehr konservativ, aber nicht im Inhalt. Wir hatten beispielsweise einen Philosophieprofessor, mit dem man tolle Diskussionen führen konnte. Zudem hatten wir das Glück eines sehr progressiven Deutschprofessors, der uns im Unterricht mit zeitgenössischen österreichischen Dichterinnen und Dichtern vertraut machte. Ich finde, wir haben dort denken und diskutieren gelernt, und auch wie man sich in einer großen Gemeinschaft zurechtfindet und behauptet.

In der achten Klasse sind Sie allerdings hinausgeflogen.

Aber nur aus dem Internat wegen einer angeblichen Stänkerei über das Essen, was aber nicht der Grund gewesen wäre. Tatsache war, dass wir allesamt über das Essen gemault haben. Wir sieben an unserem Tisch haben allerdings ein System hineingebracht und immer über die Qualität abgestimmt und das arithmetische Mittel der Abstimmung mündete dann in einer Essenskurve, die eines Tages abstürzte. Der Pater Prior sah darin eine subversive Tätigkeit und warf uns vor, die Moral zu untergraben, und man sollte sich dafür entschuldigen. Wir haben uns natürlich geschworen, dass wir uns für so etwas nicht entschuldigen. Letztendlich haben sich natürlich doch alle entschuldigt, bis auf mich - und ich bin dann rausgeflogen, habe die Matura aber extern abgeschlossen. Ich hatte wahrscheinlich die schwerste Matura aller "Admonter".

Nach der Matura ging es dann ziemlich nahtlos mit dem Theater weiter.

Ich hatte Germanistik und Kunstgeschichte inskribiert und statierte und spielte in kleinen Kellertheatern. Dann hatte ich das Glück, am Volkstheater Komparserie zu machen und den damals berühmten Regisseur Günther Haenel kennen zu lernen. Er brachte mir im Schnellsiedekurs das Wichtigste für die Schauspielerei bei und ich spielte regelmäßig am Volkstheater. Natürlich war es unmöglich, von diesen Gagen zu leben. Als mir jemand sagte, ich hätte eine gute Mikrofonstimme, ging ich zum amerikanischen Besatzungssender Rot-Weiß-Rot und sprach neben zwölf anderen Mitbewerbern vor. Wir sollten einen Nachrichtentext lesen, und ich versuchte einfach, einen Nachrichtensprecher zu spielen. Eigentlich habe ich ihn parodiert, mit dem Ergebnis, dass die Amerikaner sagten: You! Leider dauerte die Zeit bei Rot-Weiß-Rot nur ein Jahr, weil 1955 der Staatsvertrag kam, den ich damals verflucht habe, weil er mich um einen unglaublich guten Job gebracht hat, der mit Dollars bezahlt wurde.

Danach wechselten Sie zum Österreichischen Rundfunk.

Ja, aber dort wollten sie mich eigentlich nicht haben, weil sie im Grunde niemanden von Rot-Weiß-Rot haben wollten. Wir waren ein moderner, junger, populärer Sender, während die RAVAG vergleichsweise alt und verzopft war. Aber dank einer Reportage über einen wirklich komischen Deutschkurs für Ausländer an der Universität Wien beschäftigte mich Heinz Fischer-Karwin dann als Reporter. Gleichzeitig bewarb ich mich allerdings auch bei Fernsehdirektor Gerhard Freund. Sicher ist sicher.