"Wiener Zeitung": Frau Ingrisch, wenn Ihr Name ins Spiel gebracht wird, denkt man vorrangig an Ihre besondere Beziehung zum Jenseits, an Ihre Neigung zum Übersinnlichen. Vergleichsweise weniger bekannt dürfte Ihr umfangreiches kreatives Werkschaffen sein. Bisher haben Sie 32 Bücher veröffentlicht, 23 Theaterstücke geschrieben, zehn Hörspiele, sechs Fernsehspiele sowie sieben Libretti und acht Liedtexte für Ihren Mann Gottfried von Einem.

Lotte Ingrisch: Ich war halt ein fleißiges Lieschen.

Wann haben Sie zu schreiben begonnen?

Mit 25 Jahren. Dabei wollte ich immer in die Wissenschaft. Naturforscherin werden, das war mein Traum. Aber ich bin dreimal in Mathematik sitzengeblieben. Beim dritten Mal war ich schon verheiratet und kehrte nicht an die Schule zurück. Toll von Ministerin Schmied, dass sie diesen Blödsinn des Sitzenbleibens abschafft.

Ihr erster Mann war der Philosoph Hugo Ingrisch.

Wir haben uns in der Nationalbibliothek kennen gelernt. Statt für den damals wie heute in meinen Augen unsäglich dummen Unterricht zu büffeln, saß ich täglich in der Bibliothek und studierte die Philosophen.

Mein Mann, 25 Jahre älter als ich, war, wie gesagt, selbst einer. Ich war 17 und rothaarig. Zwei Jahre später waren wir verheiratet.

Wie ging es in beruflicher Hinsicht dann weiter?

Bei der Hochzeit war Hugo bereits bankrott. Er hatte auf den Dollar gesetzt, und der Dollar ist ins Bodenlose gefallen. So landete mein Mann, statt bei Kant, in der Textilbranche - und ich mit ihm. Bis spätabends saß ich in der Firma und fakturierte. Ich war todunglücklich.

Dann kam die Idee des Schreibens?

Jawohl. Ich erkundigte mich in der Leihbücherei am Kohlmarkt, was die Leute gerne lesen? Humoristische Romane, sagte man mir. Davon gäbe es nicht genug. Also wurde ich Humoristin. Im Grunde genommen: ein staubtrockener Musenkuss.

Wann fanden Sie damals Zeit zum Schreiben?

In der Nacht. Mit viel Gin, Kaffee und Zigaretten. Jeden Abend schleppte ich die schwere Schreibmaschine vom Geschäft in die Wohnung und am Morgen wieder zurück ins Geschäft. Nach einem Jahr war der Roman fertig. Ich nannte ihn "Die geblumte Straßenbahn", der Zsolnay-Verlag gab ihm den Titel "Verliebter September". Er wurde auch ein Rowohlt-Taschenbuch, Auflage 50.000 Stück.

Viele Jahre später war die Rede davon, Sie hätten mit diesem Roman die Hippie-Bewegung vorweg genommen.

Viele Jahre später kamen die Hippies und bemalten die Straßenbahnen mit Blumen. Ja, ich habe immer von der Zukunft abgeschrieben. Obwohl ich glaubte, ich denke mir das alles aus. Einen Schmarrn habe ich mir ausgedacht! Ich gehe vor wie eine Uhr. So ziemlich alles, was Jahre oder Jahrzehnte später kam, habe ich schon geschrieben. Gelebt auch. Kein Erfolgsrezept, die Medien nahmen mich ziemlich bald nicht mehr zur Kenntnis. Vorläufer werden immer bestraft.

Warum veröffentlichten Sie Ihren ersten Roman unter dem Pseudonym "Tessa Tüvari"?

Ich hab mich geniert und gemeint, ich bringe Schande über meinen Mann und die Firma. Aber ich schrieb noch drei Romane, und allmählich konnte ich halbtägig und zuletzt sogar ganztägig davon leben. Adieu, Hangerln und Molino! Dann lüftete der ORF mein Pseudonym und ermunterte mich, Hörspiele und Theaterstücke zu schreiben. Das erste, ich war 33 Jahre alt, hieß "Salzpuppen". Bei der Premiere war ich so aufgeregt, dass ich hinter der Bühne des Ateliertheaters eine mittlere Flasche Whisky austrank.

Ab diesem Zeitpunkt veröffentlichten Sie dann unter Ihrem Namen.

Ja. Da bot man mir sogar den Staatspreis an, ich hätte nur einreichen müssen. Ich tat es nicht, ich lebe lieber von meiner Arbeit als von Ehemännern oder dem Staat.

Sie meinten zuvor, dass es für das Geschäft nicht immer zuträglich war, Themen vorwegzunehmen.

"Abendlicht", eines meiner Fernsehspiele, nahm die Liebe im Alter vorweg - und "Fairy" die Grün-Bewegung. Das hat aber zu diesem Zeitpunkt keiner bemerkt. Ich gewöhnte mich daran, literarisch in den Medien immer unsichtbarer zu werden. Unlängst habe ich meinen Münchner Verlag gefragt, warum keine Zeitung meine Bücher rezensiert. Schließlich schreibe ich jedes Jahr eines. Die Antwort war deprimierend. "Schreiben tut sie ja toll", wurden die Redakteure zitiert. "Aber die Inhalte sind den Lesern nicht zumutbar." Ich vermute, die Zeitungsleute wollen partout nicht Stellung beziehen. Entweder ist hinter den Grenzen, die ich mit meinen Büchern überschreite, nichts - oder doch etwas. Bevor man sich womöglich blamiert, ignoriert man mich besser.

Trotzdem haben sich Ihre Bücher stets gut verkauft.

Mein "Reiseführer ins Jenseits" war, vor mehr als 30 Jahren, sogar ein Bestseller. Bei Molden und Goldmann erschienen, als Taschenbuch hunderttausende Male verkauft - aber finanziell vom Molden-Konkurs verschluckt. Ich bekam nicht einen Cent.

Sie haben an Ihrem Bestseller nichts verdient?

Nichts Bares. Aber ich habe trotzdem toll verdient, weil ich ein berührendes Feedback bekam. Offenbar habe ich vielen Menschen das Sterben und die Trauer erleichtert. Dafür war und bin ich dankbar und glücklich. Mein Leben lang bemühe ich mich, den Menschen die Angst vor dem Sterben zu nehmen. Mit meinen humorigen Büchern über den Tod kreiere ich vielleicht ein neues Genre.