Daniel Kehlmann. - © Kehlmann
Daniel Kehlmann. - © Kehlmann

Was bedeutet Ihnen die Zusammenarbeit mit Regisseuren, mit Filmteams? Hat es für Sie etwas Familiäres - was ja auch anstrengend sein kann?

Jede Familie wird nach einer Weile anstrengend. Aber man ist als Autor ja nicht ständig dabei. Bei "Ruhm" war ich nur einmal am Set. Grundsätzlich ist es für einen Romanautor eine schöne Sache, zur Abwechslung einmal mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten. Beim Romanschreiben ist man wirklich ganz allein. Ich weiß, dass Zusammenarbeit auch lästig sein kann und viele Regisseure froh sind, endlich wieder alleine zu sein und zum Beispiel das nächste Drehbuch zu schreiben. Aber für mich ist es eine willkommene Abwechslung.

Die Hauptfigur von "Ruhm", der Schriftsteller Leo Richter, bewegt sich im Film an der Grenze zur Karikatur. Er ist ängstlich, weltfremd, in Gedanken verstrickt. Handelt es sich um ein Selbstporträt Daniel Kehlmanns, geschrieben mit viel Selbstironie?

Ich weiß nicht, warum das so viele annehmen. Abgesehen davon, dass ich immer ein bisschen nervös bin, wenn ich fliegen muss, glaube ich nicht, dass Leo Richter viel von mir hat. Ich glaube, dass es eine optische Täuschung ist, die dadurch entsteht, dass Leo Richter sehr autobiografisch arbeitet. Alles, was ihm passiert, setzt er in Bücher. Und das bin nun gar nicht ich. Aber wenn Leute annehmen wollen, dass Leo mein Alter Ego ist, stört mich das auch nicht.

Der von Ihnen erfundene Leo Richter ist als Schriftsteller eigentlich ein Vampir. Er saugt seine Umgebung aus.

Genau, und das fasziniert mich, weil ich viele Schriftsteller kenne, die so sind. Ich bin aber gerade nicht so. Nicht, weil ich so nett bin, sondern weil ich gerne erfinde. Ich glaube, es ist ein automatischer Rückschluss, dass, wenn man einen Schriftsteller als Hauptfigur in ein Buch setzt, dann viele Leser glauben: Hier hat der Autor sein Leben verwertet. Ich glaube, Leo Richter ist einfach eine Karikatur eines neurotischen Schriftstellers. Er hat übrigens nie einen Roman geschrieben, das ist auch noch ein nicht ganz unwichtiger Unterschied zu mir: Ich habe ja ein paar Romane geschrieben. Und die Arbeit als Romanautor empfinde ich auch immer noch als das Wesentliche.

Ich werde Sie nicht fragen, warum Sie schreiben. Sie haben ja einmal gesagt, dass Schlimme ist, dass man das nicht weiß.

Ja, man weiß es nicht. Ich könnte nur darauf sagen, weil ich glaube, dass es das ist, was ich am besten kann. Aber da kann ich mich natürlich irren.

Wollten Sie nie etwas anderes tun, als schreiben?

Nein, und deshalb bin ich so froh, dass sich daraus ein Beruf machen ließ.

Gehört zu diesem Beruf für Sie auch der finanzielle Erfolg?

Es ist schön, wenn er sich einstellt. Aber es ist keine Bedingung. Ich hätte das auch gemacht, wenn er sich nicht eingestellt hätte, solange es eben geht. Nach dem Bestseller haben mich dann wirklich zu meiner größten Verblüffung Leute gefragt, ob ich jetzt nicht aufhöre zu schreiben, weil es ja sozusagen geschafft ist, und das ist natürlich genauso sinnlos wie die Frage, ob ich aufgehört hätte, wenn sich die Bücher nicht gut verkauft hätten. Wenn sie sich verkaufen, ist es natürlich erfreulich, aber wenn man viel Geld verdienen möchte, schlägt man gleich eine andere Karriere ein. Ich glaube, man schreibt, weil man schreiben will. Schreiben hat etwas mit dem Charakter des Homo Faber zu tun, das ist der Mensch, der etwas herstellen will.

Sie vergleichen den Schriftsteller mit einem Ingenieur?

Nein, ich meine nicht den Technokraten, den "Homo Faber" des Max Frisch. Ich meine es im aristotelischen Sinn. Ich meine den Macher, denjenigen, der etwas erzeugen will. Dazu gehört der Tischler ebenso wie der Lyriker oder der Maler oder der Komponist. Ich glaube, das ist eine ursprüngliche Art von Persönlichkeitsstruktur. Dass man etwas herstellt. Und ob das dann Tische sind oder Romane, das ist eine Frage der Begabung und der Interessenlage. Aber dieser Wunsch, etwas herzustellen, ist so ursprünglich, dass man dafür eigentlich keine Erklärung hat.

Arthur Miller hat Möbel geschreinert und geschrieben. Mit der handwerklichen Arbeit wollte er etwas gegen seine Ungeschicklichkeit tun.

Ja, wunderbar. Ich bin auch ungeschickt mit den Händen, aber ich fange nicht an zu schreinern. Für mich ist es schon eine Heldentat, Ikea-Möbel zusammenzubauen. Das kann ich allerdings. Ich habe es gerade in Wien wieder getan.

Ich hätte bei Ihnen eher antike Bauernmöbel vermutet.

Um Gottes Willen, wieso denn? Im Gegenteil!

Sie sind ein leidenschaftlicher Kinogänger. Was bedeutet das Kino für Sie?

Ich gehe viel ins Kino. Es gibt Filme, die ich unbedingt sehen möchte. Ich hatte sogar einmal die Idee, für eine Wochenzeitung eine Serie zu schreiben über richtig niveaulose Blockbuster-Filme, aber nicht um mich darüber lustig zu machen, das wäre zu einfach. Ich wollte sie ernst nehmen und das als Erlebnisbericht aufschreiben. Weil mir der Gedanke gefallen hat, einmal die Woche einen Blockbuster zu sehen. Ich mag das. Vor allem Science-Fiction und alle Arten von Außerirdischen-Invasions-Filmen.

Sie meinen Filme wie "Avatar"?

Das ist kein Invasions-Film. Aber den habe ich natürlich sofort gesehen, am ersten Wochenende, in New York. Am ersten Tag, als man noch gar nicht wusste, was einen erwartet. Den neuen Cameron-Film, 3D, den wollte ich ganz früh sehen. Und "Avatar" zu sehen, ohne vorher gelesen zu haben, was einen erwartet, das war überwältigend.