Was hat Sie denn überwältigt?

Es ist der visuelle Reichtum, diese ganze erfundene Welt. Die Bäume, der Dschungel, die Tiere. Man merkt, dass es nicht einfach nur hingezeichnet ist, sondern wirklich von Biologen entworfen. Man merkt, dass diese Bäume leben könnten. Es ist natürlich alles auf dem Computer gemacht. 3D allein ist es nicht. Bei Avatar ist es wirklich diese überwältigende visuelle Erfahrung, die der Film bietet. Man sieht wie durch ein Fenster in eine ganz reiche, komplexe, ganz und gar erfundene Welt. Ich wünschte nur, die Story wäre besser gewesen, die war idiotisch.

Bei einem Film verzeihen Sie sogar eine schwache Story?

Ja, weil es visuell so erstaunlich war. Ich fand Camerons "Titancic" auch einen sehr guten Film. Da gibt es auch ein kluges und gut aufgebautes Drehbuch. Grundsätzlich wird jeder größere neue amerikanische Sciene-Fiction- Film von mir gesehen. Ich bin so gut wie immer enttäuscht, aber ich habe immer die echte, naive Hoffnung, etwas Tolles zu sehen. Manchmal wird sie erfüllt, wie bei "Avatar".

Sie sprechen vom Kino wie von einer Droge. Lassen Sie sich da gern in Ausnahmezustände versetzen?

Ja, ich mag das. Aber natürlich mag ich auch Filme, die das nicht versuchen. Ich bin ein großer Bewunderer von Lars von Trier. Ich war einer der wenigen Leute, die "Antichrist" fantastisch fanden.

Sie haben Lars von Trier in einem Artikel über "Antichrist" als "den größten Avantgardisten" bezeichnet.

Darauf habe ich wütende Briefe bekommen, weil die Leute, die den Film nicht gesehen hatten, solch eine Berührungsangst mit diesem Thema hatten. Viele hatten ja panische Furcht, den Film zu sehen. Nicht ganz zu Unrecht übrigens.

Legen Sie ans Kino andere Maßstäbe für sich an, als an die Literatur, die Sie lesen?

Ich würde nicht einfach zum Vergnügen Tom Clancy oder John Grisham lesen und sagen, "das hat kein Niveau, aber das macht mir Spaß". Das macht mir keinen Spaß. Aber Science-Fiction-Filme schon. Vielleicht weil sie das, was ich eigentlich mache, überhaupt nicht berühren.

Sind Sie sicher, dass das was Sie im Kino sehen, nicht doch Ihr Schreiben beeinflusst?

Ein Film wie "Battle L.A." hat mit meinem Schreiben wirklich nichts zu tun. Lars von Trier durchaus.

Warum ist Lars von Trier wichtig für Sie?

Sein Film "Dogville" zum Beispiel zeigt das absurde Nebeneinander von Menschen auf engem Raum. Wenn man einfach Wände wegblendet, dann hat man die Situa-tion, dass irgendwo eine Frau vergewaltigt wird und gleich daneben spielen Kinder. So ist es ja auch in der Welt. Nur ist eine Wand dazwischen. Das Prinzip von Lars von Trier ist: Er nimmt eine These, die sich eigentlich nicht verteidigen lässt, und dann dreht er einen Film, um diese These zu verteidigen. Bei "Antichrist" ist die These: Es gibt den Teufel, es gibt Hexen, sie gehören verbrannt. "Dogville" spielt die These durch, dass Nächstenliebe und Verzeihen falsch sind. Richtig ist die Rache. Trier ist so stark in der emotionalen Steuerung des Zuschauers, dass man am Ende des Films fast immer diese nicht zu verteidigende These einen Augenblick lang für richtig hält.

Er ist ein großer Manipulator.

Allerdings. Manche Leute haben da eine starke Abwehrreaktion. Aber ich lasse mich ganz gerne von einem großen Künstler manipulieren.

Sie werden doch gar nicht manipuliert, wenn Sie die Absicht durchschauen.

Es funktioniert trotzdem. Ich fand es bei "Dogville" am Ende richtig, dass die Kinder erschossen werden. Man erlebt dieses Hinmorden aller Bewohner des Dorfes als eine Erleichterung und eine große Gerechtigkeit. Endlich keine christliche Milde mehr. Und das ist eine ganz große Sache, die Kunst tun kann: Einem auf diese Weise zu zeigen, wie fragwürdig vieles ist, was man für sicher hält.

(Eine Sms piept auf Kehlmanns Handy. Er schaut nach.)
Sie sind immer wieder mit dem Handy beschäftigt - wie einige Figuren von "Ruhm".

So handysüchtig bin ich nicht. Ich bin nur kurz vor dem Aufbruch nach New York. Dort werde ich in den nächsten Monaten an der New York University unterrichten, und jetzt warte ich auf Nachrichten wegen der Wohnung. Ich bin nur gespannt, ob ich die Wohnung kriegen werde.

Unterrichten Sie "creative writing" - ein Fach, das künftige Schriftsteller hervorbringen soll?
Gott sei Dank nicht. Einfach nur deutsche Literatur. Darüber bin ich froh. Mir hat ein befreundeter amerikanischer Autor erzählt, wie grauenvoll das ist, immer die schlechten Sachen von den Studenten lesen zu müssen. Ich hab ihn gefragt, sagst du ihnen, dass es schlecht ist, und er sagte: "I give my love to everybody, that’s how I got tenure." "Tenure" ist die feste Anstellung. Es war halb ein Scherz, aber wenn die Performance des Lehrers nach der Zufriedenheit der Studenten beurteilt wird, heißt das eben, dass er nicht zu kritisch sein darf.

Deshalb machen solche Schreibkurse wohl auch niemanden zum Schriftsteller.
Doch, aber nur die, die ohnehin Schriftsteller geworden wären.
Christina Bylow lebt als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Sie schreibt Filmkritiken, Porträts, Interviews und Feuilletons.