Karl Habsburg-Lothringen (2. v. r.) mit einer Gruppe von Milizsoldaten im Jahr 2011 während einer Blue Shield-Mission im antiken Cyrene in Libyen. - © Blue Shield Austria
Karl Habsburg-Lothringen (2. v. r.) mit einer Gruppe von Milizsoldaten im Jahr 2011 während einer Blue Shield-Mission im antiken Cyrene in Libyen. - © Blue Shield Austria

"Wiener Zeitung": Über ganz Österreich sind tausende blau-weiße Schilder an Hausmauern verteilt mit der Aufschrift "Kulturdenkmal" auf Deutsch, Englisch, Russisch. Nicht jedem behagt, an die Besatzungszeit und die späteren Verteidigungsstrategien des Bundesheers für den "Ernstfall" erinnert zu werden.

Karl Habsburg: "Blue Shield" ist tief im Bewusstsein verankert, denn der Kulturgüterschutz, besonders der militärische, hat in Österreich die längste Tradition. Eigentlich haben wir ihn dem Prager Frühling zu verdanken - als Folge davon, dass dem Bundesheer die militärische Kraft fehlte, die wir uns vielleicht gewünscht hätten. Darum wurde ein Mittel gesucht, um die Unrechtmäßigkeit eines Durchmarschs von Truppen des Warschauer Paktes durch Österreich darzustellen.

Auch viele Private, die alte Gemäuer renoviert haben, sind stolz auf ihr "Blue Shield".

Es wurde vielleicht etwas überproportioniert verwendet. Die meisten Länder, die heute ihr kulturelles Erbe auszeichnen möchten, tun das auf Listenbasis, in vier Klassifizierungen: Weltkulturerbe, nationales, regionales und lokales. Manche Besitzer herausragender Bauten haben sie gerne ausgezeichnet, andere nicht. Inzwischen wurden die Listen reduziert. Man arbeitet mit Cultural Landscapes, etwa für die Wiener, Grazer, Salzburger Altstadt. Für solche Ensembles mussten früher sehr viele Einzeldenkmale registriert werden. Nun haben wir in Österreich 130, 140 geschützte Kulturgüter, wo wir früher 90.000 hatten.

Ist das Schild weiterhin begehrt?

Zum Beispiel wurden wir nach dem Erdbeben in Haiti aktiv und haben blaue Schilder verteilt, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Kulturgüter auszuzeichnen, speziell da, wo es Schäden gegeben hat. Damit nicht hau-ruck weggeräumt wird. Dort tauchte die Frage auf: Haiti gehört nicht zur Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut - durften wir das Schild verwenden? Unsere Antwort war: selbstverständlich! Es gibt zwar nicht die Listenbasis, aber es war ein Krisenfall.

Also haben sich die Aufgaben des militärischen Kulturgüterschutzes auch auf die allgemeine Katastrophenhilfe ausgedehnt?

Das blaue Schild, das - wie hier an der Abtei Seckau - ein Kulturdenkmal anzeigt, ist in Österreich sehr beliebt. - © Hans Haider
Das blaue Schild, das - wie hier an der Abtei Seckau - ein Kulturdenkmal anzeigt, ist in Österreich sehr beliebt. - © Hans Haider

Ich bin immer fasziniert zu sehen, dass in Österreich eine starke Pro-Bundesheer-Bewegung vor allem auf der Ebene von Gemeinden existiert, denn in einem Krisenfall, bei Naturkatastrophen, Überschwemmungen, Lawinen braucht man die Soldaten.

Haben Sie noch eine Funktion im Österreichischen Bundesheer?

Selbstverständlich. Ich bin Kulturgüterschutz-Offizier und derzeit zugeteilt dem Institut für Human- und Sozialwissenschaften an der Landesverteidigungsakademie. Dort ist ein Expertenpool für Kulturgüterschutz untergebracht.

Kulturgüterschutz und Militär sind einmal in Österreich eine überraschende, doch effiziente Verbindung eingegangen. Erzherzog Franz-Ferdinand siedelte 1910 den staatlichen Denkmalschutz in seiner Militärkanzlei an. Der Thronfolger, weiß man aus den jetzt vom Bundesdenkmalamt publizierten Akten, setzte mit Vorliebe Manöver in solchen Gegenden der Monarchie an, wo er sich über besondere Problemfälle direkt informieren konnte - etwa über die uralten Holzkirchen in den Karpaten.

Da kann ich nur sagen: Gottseidank hat sich die Einstellung zum Denkmalschutz in den letzten Jahrzehnten geändert.

Karl Habsburg - © Hans Haider
Karl Habsburg - © Hans Haider

Blue Shield verbreitet in Krisen- und Katastrophenfällen weltweit Aussendungen mit Worten der Warnung, des Bedauerns, der Empörung - zuletzt etwa zu Ägypten, Libyen, Syrien und Christchurch in Neuseeland. Was aber geschieht praktisch?

Die juristische Grundlage ist heute eine andere als vor 15 Jahren - nicht zu reden von der Haager Konvention von 1954. Im Rahmen dieser neuen rechtlichen Möglichkeiten hat sich Blue Shield positionieren müssen.

In den letzten drei, vier Jahren, insbesondere auch durch die Fragen des Arabischen Frühlings, hat sich, was ich mit einem gewissen Stolz sagen kann, eine echte Struktur entwickelt, aus der man sehen kann, wie die Arbeit in der Zukunft ausschauen wird. Blue Shield kann heute - abgesehen davon, dass wir natürlich um internationale Aufmerksamkeit werben, und das kann man eben nur mit solchen Stellungnahmen - zusammenarbeiten mit Fachkräften im akademischen Museums-, Archäologie-, Archivbereich, aber auch im militärischen Bereich und jenem der Blaulichtorganisationen. Diese Zusammenarbeit hat es früher de facto nicht gegeben.

Auch beim Militär selbst hat die juristische Situation ein viel größeres Bewusstsein hervorgerufen. Missbrauch von Kulturgütern ist strafbar. Früher dachte man im Militär, wir können eigentlich machen, was wir wollen, denn wir sind nur unserem eigenen Engagement und dem Militärrecht verantwortlich. Dass sie hier Sanktionen treffen können, ist den meisten Militärs nun bewusst - oder wird ihnen langsam bewusst.

Für Syrien begann Blue Shield recht früh, schon im Mai 2011 zu intervenieren.

Eigentlich sollten wir schon alles bereithalten, bevor die Krise kommt, das wäre der Idealfall. Das Wichtigste ist natürlich die Erstellung der no-strike lists, also von Listen der Kulturgüter, die von keiner der kriegsführenden Parteien berührt werden sollten.