Alles, was ich vorher in Korea gelesen hatte, war aus dem Bereich der spekulativen Philosophie gewesen. Das staatlich verordnete Maximum war Hegel, alles, was danach geschrieben wurde, stand auf dem Index. Natürlich auch Marx. Und deswegen hatte ich Korea so schnell wie möglich verlassen.

Und Heidelberg auch?

Ja, im Wintersemester 1968 bin ich nach Frankfurt gewechselt.

Das war wohl der richtige Zeitpunkt?

Genau. Es gab kaum ein reguläres Seminar, dafür viel öfter Stinkbomben und Proteste. Eine tolle Zeit.

Wie hat die Studentenbewegung auf Sie gewirkt?

Die Auseinandersetzung mit der Dritten Welt und den nationalen Befreiungsbewegungen war eine völlig neue Dimension, die ich zu Hause nie erfahren hatte. Damit habe ich mich sehr intensiv beschäftigt. Anfangs wollte ich meine Dissertation über den Geschichtsbegriff bei Husserl und Hegel schreiben, aber dann ist mir plötzlich die Idee gekommen, im Kontext der Solidaritätsbewegungen mit der Dritten Welt darüber zu forschen, wie die deutschen Studenten überhaupt die Dritte Welt verstehen. Wie sieht das Denkmuster der deutschen Linken aus? Und wer sind die Urahnen dieser Ideen? Deswegen lautete der Titel meiner Dissertation schließlich: "Die Bedeutung der asiatischen Welt bei Hegel, Marx und Max Weber". Zugegeben, ein riesiges Thema, aber damals hochaktuell. Meine Arbeit wurde raubkopiert und vor der Mensa verkauft.

Was waren Ihre Zukunftspläne, als Sie die Uni abgeschlossen hatten?

Ich wollte so schnell wie möglich nach Korea zurückkehren. Ich hatte vorgehabt, nur ein paar Jahre in Deutschland zu bleiben und das Binnenleben der Universitäten kennen zu lernen. Wenn ich nach Korea zurückkehren würde, wollte ich diese Erfahrungen als Anleitung für die Reform der Unis einbringen.

Was ist dann passiert?

Ich habe noch auf mein Rigorosum warten müssen und währenddessen an der Universität in Münster als Assistent gearbeitet. Im Juli 1972 hat der erste Annäherungsprozess zwischen Nord- und Südkorea stattgefunden, das war sehr ermunternd für die Linke. Und dann, im Oktober, installierte Park Chung-Hee eine Ein-Mann-Diktatur in Südkorea und verkündete eine neue, autoritäre Verfassung.

Meine wichtigsten Freunde wurden verhaftet, viele zum Tode verurteilt. Wie etwa der bekannte Dichter Kim Chi Ha, der jedoch begnadigt wurde und 1981 den Bruno-Kreisky-Preis erhalten hat.

Ich musste schnell reagieren, um den gefährdeten Leuten von Europa aus Hilfe zu leisten. Nach der Vorlesung und dem Seminar bin ich direkt in die politische Arbeit gewechselt. Wir haben Kongresse der Opposition überall auf der Welt organisiert, auch in Japan und in den USA. Nebenbei habe ich an meiner Habilitation gearbeitet.

Sie waren einer der Gründer des "Forums für Demokratie in Korea".

Ja, ich habe es als Gründungsvorsitzender geleitet. Durch den mutigen Einsatz der Koreaner in Europa haben auch ihre Landsleute in den USA und Japan einen wichtigen Impetus erhalten.

Der Status der meisten Koreaner in Europa war ja nicht einer von Migranten, sondern von Studenten. Nach einigen Jahren mussten sie alle zurückgehen. In den USA und Japan waren es eher Arbeitsmigranten, mit festen politischen Meinungen und Familienstrukturen.

Sind die hier politisierten koreanischen Studenten dann als Oppositionelle heimgekehrt?

Ja, genauso, wie das auch bei vielen anderen Auslandsstudenten der Fall war. Etwa im Iran. Da gingen auch viele zurück.

Wir haben noch auf eine günstige Gelegenheit gewartet. Aber dann fand 1980 ein brutaler Militärputsch in Südkorea statt, bei dem viele Menschen ums Leben kamen. Also mussten wir unsere Strategie ändern.

Woran hat sich diese neue Linie orientiert?

Der wichtigste Grund allen Übels ist die Teilung. Damit können die Regime alle ihre Maßnahmen legitimieren. Wenn Nordkorea vor der Tür steht, müssen wir zusammenhelfen und wer uns aus den eigenen Reihen kritisiert, ist ein Helfershelfer des Systems im Norden. Also habe ich mir gedacht: Die Wiedervereinigung muss man langfristig vorbereiten. Ich habe Nordkorea besucht und mit den dortigen Wissenschaftern gesprochen. Wie man weiß, ist die akademische Hierarchie in den sozialistischen Staaten von der Partei diktiert. Deswegen musste ich mich mit dem Machtapparat arrangieren.

Kim Il-Sung hat mich 1989 eingeladen und wir haben unter vier Augen über viele Dinge gesprochen. Natürlich haben die nordkoreanischen Medien das groß gebracht. Die Südkoreaner waren entsetzt.

Sie haben also einen Austausch zwischen süd- und nordkoreanischen Wissenschaftern organisiert?

Ja es ging darum, eine gemeinsame Perspektive zu schaffen. Gleichzeitig wollte ich von der Ebene der Politik weg. Rein politisch lässt sich die Wiedervereinigung nicht realisieren. Darum habe ich auch vorgeschlagen, eine dritte Partei einzuladen - die Auslandskoreaner. Ohne diese Vermittlung wären die Gespräche nicht möglich gewesen.

Wie ist es Ihnen gelungen, diese Treffen zu organisieren?

Die Vorbereitung war ziemlich kompliziert. Aber seit 1995 fanden jedes Jahr diese Treffen statt. Auf neutralem Boden, in Peking. Aus Süd- und Nordkorea nahmen jeweils rund 20 bis 25 Personen teil und fünf aus dem Ausland. Das war alles sehr kostspielig, wie etwa die Flüge und die Hotels. Gottseidank hatte ich finanzielle Unterstützer aus Südkorea.

Wer waren die?

Es ist immer von Vorteil, Absolvent einer Eliteschule zu sein. Viele Freunde von damals sitzen heute in den Konzernetagen von Firmen wie LG oder Samsung ganz oben. Jeder CEO hat die Möglichkeit, ohne Quittung viel Geld herzugeben.