Warum haben die Konferenzen ein Ende gefunden?

2003 sind wir endlich am Boden Koreas gelandet und haben uns in Pjöngjang getroffen. Für 2004 war die Folgekonferenz in Seoul geplant. Deswegen bin ich auch der fatalen Einladung nach Südkorea gefolgt. Plötzlich war ich im Auge des Taifuns.

Sie sind 2003 das erste Mal nach den langen Exiljahren nach Seoul geflogen und dort gleich am Flughafen von den Behörden aus der Maschine geholt worden.

70 Männer des südkoreanischen Geheimdienstes KCIA warteten auf dem Rollfeld. Mein Rechtsanwalt, der mit mir im Flugzeug war, hat mit ihnen verhandelt. Eingeladen hatte mich die "Demokratische Stiftung", eine staatliche Organisation, die während der liberalen Zeit des Präsidenten Kim Dae-jung gegründet worden war. Sie wollten mich auszeichnen, weil ich mich im Ausland für Demokratie in Korea eingesetzt habe.

Der Geheimdienst hat mich nicht gleich verhaftet, das wäre für sein Image schlecht gewesen. Am nächsten Tag bin ich freiwillig in das Quartier des KCIA gegangen, wo die Verhöre stattgefunden haben, und zwar von morgens bis abends ohne Unterbrechung. Ich stand insgesamt zwölf Mann gegenüber, jede halbe Stunde haben sie sich abgewechselt. Damit wollten sie meine klare Linie brechen. Es waren echte Verhörspezialisten, und sie hatten einen Lastwagen voll mit Akten über mich zur Verfügung.

Nach dem Geheimdienst wurde ich noch vom Staatsanwalt verhört, das dauerte nochmals drei Wochen. Und exakt einen Monat nach meiner Landung, am 22. Oktober 2003, wurde ich verhaftet. Neun Monate musste ich in Einzelhaft verbringen.

Wie lauteten die Vorwürfe gegen Sie?

Ich wurde nach dem sogenannten Nationalen Sicherheitsgesetz (NSG) angeklagt. Nach diesem Gesetz war mein Nordkorea-Besuch eine strafbare Handlung.

Wie waren die Bedingungen während der Haft?

Die Zelle war etwa drei Quadratmeter groß. Tag und Nacht war das Neonlicht eingeschaltet. Nicht einmal einen Stuhl haben sie mir gewährt. Aber nach über 30 Jahren in Europa kann man nicht mehr auf dem Boden sitzen.

Hat die deutsche Regierung gegen Ihre Inhaftierung protestiert?

Ja. Auf offiziellem und inoffiziellem Weg. Und bei jeder Gerichtsverhandlung war entweder der Konsul oder der Botschafter selbst anwesend. Am meisten geholfen haben aber die weltweiten Protestaktionen. Viele bekannte Intellektuelle und Politiker haben sich öffentlich für mich eingesetzt, wie etwa mein Doktorvater Habermas, Günter Grass, Richard von Weizsäcker, Noam Chomsky und viele andere. Der entscheidende Druck war aber folgender: 2005 war Südkorea als Gastland der Frankfurter Buchmesse vorgesehen. Habermas hat öffentlich verkündet: Wenn Du-Yul Song bis dahin nicht frei ist, sollten die Organisatoren das Gastland wieder ausladen.

Wie ist der Prozess verlaufen?

Am 30. März 2004 wurde ich in erster Instanz zu sieben Jahren Haft verurteilt. Dann gingen wir in Berufung und am 21. Juli wurde meine Haftstrafe auf Bewährung ausgesetzt. Während meiner Zeit in Freiheit in Südkorea wurde ich ständig von vier Polizisten begleitet, zwei vorne und zwei hinten. Das war wie im Gefängnis. Also bin ich wieder zurück nach Deutschland. Erst 2008 bin ich von allen Anklagepunkten freigesprochen worden.

Hat der Wissenschafter-Austausch zwischen Nord und Süd später noch einmal stattgefunden?

Nein, ich war nicht mehr dazu in der Lage, die Treffen zu organisieren. Vor meiner Heimkehr nach Südkorea hatte ich immer eine gewisse Distanz zur Realpolitik - obwohl ich ein sehr politischer Mensch bin. Aber danach war ich nicht mehr im reinen Sinn ein Teil des wissenschaftlichen Personals, sondern habe politisch polarisiert. Egal, ob ich das wollte oder nicht.

Stefan Kraft lebt als freier Publizist und Journalist in Wien.