Leopold Federmair bei seiner Lesung beim Ingeborg Bachmann-Wettbewerb, an dem er heuer im Juli teilgenommen hat. - © ORF Kärnten
Leopold Federmair bei seiner Lesung beim Ingeborg Bachmann-Wettbewerb, an dem er heuer im Juli teilgenommen hat. - © ORF Kärnten

Es gibt den Satz der Romantiker: "Ist denn das Weltall nicht in uns?" Eine rhetorische Frage von Novalis. Ich möchte dazu sagen: Nicht gerade das Weltall ist in mir, dazu bin ich zu klein, aber zwei, drei Länder haben sicher in mir Platz.

Wie verträgt sich Ihre Übersetzertätigkeit mit Ihrer eigenen literarischen Arbeit?

Im Augenblick ist es nicht nur die eigene literarische Arbeit, die dazu kommt. Ich unterrichte ja auch in Hiroshima an der Uni, und ich habe eine Tochter, die nicht zu kurz kommen soll. Ich arbeite grundsätzlich nur in meinem Zimmer an der Uni, Beginn um vier Uhr in der Früh, da ist mein Kopf herrlich frei. Meine eigene literarische Arbeit hat Vorrang, mit der beginne ich in der Regel. Wenn dann zwischen 8 und 9 Uhr die Kollegen kommen und es mit der Ruhe vorbei ist, nehme ich mir gerne eine Übersetzung vor. Diese Arbeit ist eher strukturiert, die kann ich auch zwischendurch machen. Manchmal empfinde ich sie gar als Erholung.

Weil Übersetzung auch einfach Handwerk ist?

Übersetzung bedingt einen schöpferischen Umgang mit Sprache, insofern möchte ich von Übersetzungskunst sprechen. Ein Übersetzer muss zwar keine Geschichte erfinden, wohl aber einen ausgeprägten Sinn dafür haben. Handwerk ist zum Teil auch dabei, die Satzstellung im Japanischen ist etwa anders als im Deutschen, und das gehört berücksichtigt. Man schaut zunächst auf das Satzende, weil dort und nicht am Anfang gewöhnlich die entscheidende Information steht.

Nehmen Sie bei Übersetzungen auch Kontakt mit den Autoren auf?

Ja, manche zähle ich inzwischen zu meinen Freunden. Die Arbeit des Übersetzers ist im Vergleich zu der des Autors weniger einsam, sie ist kooperativer. Man fragt den Autor, man fragt andere Helfer, man macht manchmal eine Übersetzung auch zu zweit. Meist wende ich mich an den Autor, wenn ich eine Verständnisfrage habe. Bei den Antworten ist allerdings stets Vorsicht geboten. Denn die Intention des Autors muss sich nicht unbedingt mit der Bedeutung des Textes decken. Hinzu kommt, dass der Autor einfach aus einer Laune heraus auch irgendetwas sagen kann . . . Ich habe einmal in einem Essay die Frage gestellt, ob der Übersetzer nicht das Original verbessern kann. Natürlich eine etwas provokante Frage, aber eine, auf die man nicht sofort mit Nein antworten muss.

Kommt es auch manchmal zu Ärger mit dem Autor, weil der meint, dass sein Werk nicht angemessen übersetzt wurde?

Ich persönlich habe diese Erfahrung noch nicht gemacht. Dieser Ärger tritt auch weniger zwischen Autor und Übersetzer auf, als dass er über die Medien transportiert wird, wenn etwa ein mächtiger Literaturkritiker schreibt: Das ist eine schlechte Übersetzung! Das kann dem Leumund des Übersetzers schaden, auch dem Verlag. Die Menschen kaufen dann das Buch nicht - oder erst recht, wenn diese Kritik für einiges Aufsehen gesorgt hat.

Was war bisher Ihre schwierigste Übersetzung?

Ich könnte nun fußballerisch antworten: Die schwierigste ist immer die, an der ich gerade arbeite. Aber Spaß beiseite. Ohne jetzt eine Hierarchie aufstellen zu wollen, aber die Übersetzung von Michel Houellebecqs erstem Roman, "Ausweitung der Kampfzone", war nicht einfach: sehr poetisch, sehr verrückt, sehr direkt - man spürt, dass dieses Werk regelrecht über den Autor gekommen war. Um dem Werk gerecht zu werden, habe ich versucht, unterschiedliche Stile nebeneinander zu stellen.

Inwieweit ist es nötig, dass Sie für Ihre Übersetzungen auch Recherchearbeit leisten, dass Sie sich etwa über bestimmte örtliche oder vergangene Situationen genau informieren?

Vieles geht hier über Sprache, über Sprachnachforschung: Welche Bedeutung hat dieses und jenes Wort, und aus welchem Kontext stammt es? So lassen sich viele Fragen klären. Stelle ich Nachforschungen an, muss ich darauf achten, dass ich darüber nicht den Rhythmus der Übersetzung verliere. In den Werken des argentinischen Autors Ricardo Piglia spielt die in seinem Land mächtige Pferdekultur eine große Rolle. Bei Fragen, die bestimmte Pferderassen oder Pferdefuhrwerke betreffen, rufe ich gerne eine Freundin an, die in Argentinien auf dem Land aufgewachsen ist und sich da bestens auskennt.

Wie überträgt man Werke in unsere heutige Sprache, die in einer Zeit spielen und geschrieben wurden, die uns sehr fremd ist?

Das ist auch eine allgemein literarische Frage. Was bedeuten uns Werke aus vergangenen Zeiten? Manche alte Autoren kann ich so lesen, als hätten sie heute geschrieben. Dazu zähle ich etwa Shakespeare, Montaigne und Dante. Ich habe meine Doktorarbeit über Johann Christian Günther geschrieben, einen Barockdichter, über den Goethe schrieb: "Er wusste sich nicht zu zähmen, und so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten." Manches von dieser Literatur zeichnet sich durch viel Rhetorik und Geschwurbel und zur Schau gestellte Gelehrsamkeit aus, das war damals so üblich.

Diese Literatur kann ich studieren, doch sie berührt mich im Grunde nicht. Reinhard Kaiser hat vor kurzem den "Simplicissimus" von Grimmelshausen, ein Werk aus dem 17. Jahrhundert, in unser heutiges Deutsch übertragen. Auch eine Art der Übersetzung, vom Deutschen ins Deutsche. Auch das kann man machen, nur sollte man, meine ich, dabei immer nahe am Original bleiben.

Wie sehr darf ein Übersetzer in das Original eingreifen?