"Wiener Zeitung": Herr Federmair, Sie haben den Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzung erhalten - eine Überraschung für Sie?

Leopold Federmair: "Übersetzung bedingt einen schöpferischen Umgang mit Sprache. Ein Übersetzer muss zwar keine Geschichte erfinden, aber einen Sinn dafür haben." - © Alexander Ginzel
Leopold Federmair: "Übersetzung bedingt einen schöpferischen Umgang mit Sprache. Ein Übersetzer muss zwar keine Geschichte erfinden, aber einen Sinn dafür haben." - © Alexander Ginzel

Leopold Federmair: Es war schon eine Überraschung. Denn Stipendien hatte ich wohl bereits erhalten, doch nie einen richtigen Preis, das ist mein erster. Ich glaube, im Literaturbetrieb gibt es eine gewisse Dynamik: Hast du einmal einen Preis erhalten, folgen die anderen bald hinterher. Manche Autoren werden dabei einfach übersehen - und zu denen gehörte auch ich bisher.

Wie unterscheidet sich eine gute von einer schlechten Übersetzung?

Für mich ist eine Übersetzung ein schöpferischer, ein sprachschöpferischer Akt, zu vergleichen etwa mit der Arbeit eines Musikers, der sich Partituren vornimmt und sie interpretiert. Nun kann der Musiker die Vorlage gewissermaßen nur "durchziehen" und "korrekt" wiedergeben, das wäre die schlechte Interpretation.

Er kann sich aber auch mit Inspiration an die Arbeit machen, das verspricht schon eher eine gute Interpretation. Auch eine gute Übersetzung lebt gerade von den inspirierenden Momenten, wobei für mich zugleich wichtig ist, möglichst nahe am Original zu bleiben. Die Königsdisziplin der Übersetzung ist gewiss die Lyrik. Hier heißt es, die poetische Kraft auf mehreren Ebenen adäquat zu transformieren: auf der Sinnebene, der Lautebene, der rhythmischen und der Bildebene. Wobei man sich dem Ideal wohl immer nur nähern, es aber nie ganz erreichen kann. Was der Autor durch Eingebung, im Schwung oder auch durch Reifenlassen erreicht hat, muss der Übersetzer durch viel Nachdenken wieder aufleben lassen. Das Gebot zur "Treue" wird gerne belächelt, mir ist es dennoch wichtig.

Sie sind Autor, Essayist, Literaturkritiker. Wie kamen Sie zum Übersetzen?

Angefangen hat es schon in der Schule. Ich ging auf ein humanistisches Gymnasium. Im Lateinunterricht mussten wir bis zur nächsten Stunde eine Seite übersetzen - ich beließ es aber nicht bei der einen Seite, ich übersetzte in der Nacht das ganze Buch, das machte mir Spaß. Später kam ich zum Übersetzen durch meine zahlreichen und langen Auslandsaufenthalte. Nach dem Studium ging ich nach Paris. Ich hatte das Bedürfnis, die fremde Sprache und die fremde Kultur genau kennen zu lernen. Ein Mittel war für mich die Lektüre französischer Literatur. So begann ich eines Tages, in meiner Pariser Dachwohnung Mallarmé zu übersetzen, zunächst nur für mich, um das Original besser zu verstehen, an eine Veröffentlichung dachte ich überhaupt nicht.

Wann kam es zu Ihrer ersten Buchübersetzung, die auch veröffentlicht wurde?

Das war Anfang der 90er Jahre. Von Paris war ich nach Sizilien gezogen, wo ich meine erste Frau kennen lernte, eine Argentinierin. Sie studierte Literatur und kannte den mexikanischen Lyriker José Emilio Pacheco sehr gut. Ich schlug Jochen Jung, damals noch Lektor beim Residenz Verlag, vor, Pacheco ins Deutsche zu übertragen. Mit Erfolg. So kam es zu der Veröffentlichung von Pachecos Roman "Der Tod in der Ferne" - die Übersetzung machte ich zusammen mit meiner Frau. Uns kam entgegen, dass die Frankfurter Buchmesse damals gerade Mexiko als Schwerpunkt hatte. Bei der nächsten Übersetzung kam der Vorschlag nicht von mir, sondern vom Deuticke Verlag: Ob ich mir nicht Marcel Béalu vornehmen wolle. Der Autor, ein französischer Surrealist, war damals schon 90 Jahre alt. Sein Roman, um den es ging, stammte aus den 50er Jahren: ein düsteres und zugleich funkelndes Werk, ein spätsurrealistisches Meisterwerk, das ich gerne ins Deutsche übertrug: "Die Erfahrung der Nacht".

Man sollte denken, ein Übersetzer hat sich in einem Universitätsstudium die Sprache genau angeeignet, die er ins Deutsche überträgt. Das ist bei Ihnen aber nicht der Fall. Und Sie übersetzen nicht nur aus einer, sondern gleich aus drei Sprachen: aus dem Französischen, Italienischen und Französischen.

Das sind alles romanische Sprachen, da ist es nicht so schwierig, von einer Sprache zur anderen zu wechseln. Sicher, die ersten Übersetzungen aus dem Spanischen machte ich in enger Zusammenarbeit mit meiner Frau, alleine hätte ich das nicht hinbekommen. Nach Sizilien haben wir zusammen in Ungarn gelebt, in einer Kleinstadt. Anfangs unterhielten wir uns noch auf Italienisch, wie wir es gewohnt waren. Doch von Tag zu Tag wurde unser Italienisch schlechter, und so beschlossen wir von einem Tag auf den anderen, nur noch Spanisch miteinander zu reden.

Eine Ihrer nächsten Stationen war Argentinien, und heute leben Sie in Japan. Ist für die Übersetzertätigkeit nicht der dauernde Kontakt mit der deutschen Sprache notwendig?

Das halte ich nicht für unbedingt notwendig. Und verweise dabei gerne auf die Exilliteratur: Erich Fried emigrierte nach England, lebte dort und schrieb trotzdem weiter auf Deutsch. Die frühen Prägungen sind wohl entscheidend. Die deutsche Literatursprache ist in mich regelrecht hineingeschossen, als ich 14, 15 Jahre alt war, und das verschwindet nicht so schnell wieder. Eher verschwindet jetzt im gesetzteren Alter das, was ich mir zuletzt angeeignet habe. Denn das Kurzzeitgedächtnis wird mit dem Alter schwächer, während das Langzeitgedächtnis zum Teil sogar stärker wird. Ich habe also nicht das Gefühl, in dieser Hinsicht beeinträchtigt zu sein. Ich werde oft gefragt, wo meine Heimat sei, welche Wurzeln ich hätte. Ich denke, dass ich von Argentinien sehr viel in mir aufgenommen habe.