Leopold Federmair. - © Foto: Alexander Ginzel
Leopold Federmair. - © Foto: Alexander Ginzel

Rein rechtlich darf Kaiser beim Grimmelshausen alles machen - denn wer sollte etwas einklagen? Es hat niemand einen Rechtstitel, das zu tun. Das Urheberrecht erlischt nach 70 Jahren, das ist auch ein Grund, wieso es immer wieder zu Neuübersetzungen von alten Werken kommt. Für den Verlag fallen in dem Fall keine Honorarkosten für den Autor an. So ist auch zu erklären, dass etwa zuletzt gleich vier Neuübersetzungen von F. Scott Fitzgeralds Roman "Der große Gatsby" erschienen sind.

Muss ein Übersetzer schnell arbeiten?

Bei Stars wie etwa Garcia Marquez gilt die Regel, dass die Übersetzung in etwa zeitgleich mit dem Original erscheinen sollte. Damit das neue Werk in aller Welt zur gleichen Zeit verfügbar ist. Profiübersetzer schaffen in zwei bis drei Monaten einen Roman von 300 bis 400 Seiten. Zu den Profiübersetzern möchte ich mich aber nicht zählen. Bei Prosa von nicht allzu hohem Schwierigkeitsgrad liegt mein Übersetzerschnitt bei fünf bis zehn Seiten pro Tag - mache ich mehr Seiten, steigt sofort die Fehlerquote, die Konzentration lässt nach. Dann habe ich allerdings erst die Rohfassung, die noch überarbeitet werden muss. Kein Verlag, jedenfalls kein vernünftiger, kommt auf die Idee, einem Autor vorzuschreiben, bis wann er die Arbeit an einem neuen Werk beendet haben muss. Die gleiche Freiheit sollte der Übersetzer haben. Es gibt heute genug schlechte Übersetzungen, denen man anmerkt, dass sie auf die Schnelle gemacht wurden.

Gibt es Konkurrenz unter den Übersetzern?

Im literarischen Bereich spricht man nicht gerne über Konkurrenz, doch es gibt sie, genauso wie in anderen Bereichen. Es geht um die Verteilung von Aufträgen - und auch etwa um die Frage, ob ein neuer Übersetzer in den Verlag gelassen wird.

Welchen Anteil machen Übersetzungen am deutschsprachigen Markt aus?

Eine genaue Zahl kann ich nicht nennen, doch ihr Anteil liegt weit über der Hälfte. Ab den 60er Jahren hat er stetig zugenommen. Das Positive daran: Auch randständige Literatur gerät in den Aufmerksamkeitsbereich der Leser. Heute kann, was vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre, ein kleines Land wie Island Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse sein. Der negative Aspekt: Möglicherweise kommt es so zu einer gewissen Angleichung, zu einer allgemeinen Ausrichtung an Büchern, die auf dem internationalen Markt erfolgreich sind, und die kommen fast immer aus dem angelsächsischen Raum.

Wie viel Geld verdient man als Übersetzer?

Nicht viel, außer man ist geschickt. Man kann mit einem Verlag eine Umsatzbeteiligung ausmachen, mit etwas Hartnäckigkeit vielleicht von fünf Prozent bei einem Autor, der noch nicht allzu bekannt ist. Das Risiko liegt dann beim Übersetzer: Wird das Buch ein Bestseller, wird er gut verdienen, wird es ein Flop, wird er einen Hungerlohn erhalten. Die Übersetzergemeinschaft fordert 22 Euro pro Normseite, bei einem 200-Seiten-Buch macht das etwa 4000 Euro. Das ist, je nachdem wie schwierig die Arbeit war, viel oder wenig Geld.

Warum übersetzen Sie nicht aus dem Japanischen?

Mach ich ja! Die Schwierigkeit sind die chinesischen Schriftzeichen, die ein Mensch im fortgeschrittenen Alter kaum noch erlernen kann. Die gesprochene Sprache verstehe ich ganz gut. Vor zwei Jahren führte ich ein Gespräch mit einer Überlebenden des Atombombenabwurfs in Hiroshima, damals war sie ein junges Mädchen, heute ist sie über 80 Jahre alt. Ihre Erzählung, an der ich kaum Änderungen vornehmen musste, habe ich ins Deutsche übersetzt, gemeinsam mit einem japanischen Kollegen, einem Germanisten. Er hätte die Arbeit nicht allein machen können - und ich auch nicht. Erschienen ist diese Erzählung in "Literatur und Kritik", für die Zeitschrift stellte ich ein Dossier zu Hiroshima und Nagasaki zusammen. Eigentlich eine Schande: Eines der berühmtesten japanischen Bücher, "Kinkakuji" von Yukio Mishima, gibt es bei uns nur in einer schlechten Übersetzung aus den 1960er Jahren, mit dem unsäglichen Titel "Der Tempelbrand"! Damals wurde die englische Übersetzung einfach ins Deutsche übertragen. Eine Neuübersetzung dieses Stücks Weltliteratur würde mich reizen.

Alexander Ginzel hat Architektur und Philosophie studiert und arbeitet als freier Kulturwissenschafter in Wien.
Wenzel Müller arbeitet als Journalist und Sachbuchautor in Wien.