"Wiener Zeitung": Herr Burger, vor rund 2400 Jahren hat mit Platons "Politeia" das Nachdenken über den Staat mit der Frage begonnen, wie Gerechtigkeit für die Menschen erreicht werden kann. Wird das, was wir heute Staat nennen, diesem hohen Anspruch gerecht?

Rudolf Burger: Die Moderne, und damit meine ich die bürgerlich-nachrevolutionäre Auffassung vom Staat, unterscheidet sich fundamental von jener Vorstellung einer idealen menschlichen Gemeinschaft, die in der Tradition von Platon steht. Die klassische griechische Philosophie hat tatsächlich so etwas wie ein gerechtes Gemeinwesen als Idealbild gehabt. Die Struktur dieses Gemeinwesens - ich sage bewusst Gemeinwesen, nicht Staat - war dann gerecht, wenn sie einem metaphysisch begründeten Ordnungsprinzip entsprochen hat. Das gilt für die Kosmos-Analogie der griechischen Polis genauso wie für die Ordo-Auffassung der mittelalterlichen christlichen Philosophie.

Rudolf Burger. Foto: Strasser
Rudolf Burger. Foto: Strasser

Die moderne Philosophie, die für mich mit Thomas Hobbes "Leviathan" von 1651 begonnen hat (siehe extra-Artikel ,Wölfe und Bürger´ , steht im Unterschied dazu vor folgendem Problem: Der Himmel ist leer, es wohnt kein Gott darin und es gibt auch keine substanzmetaphysisch verbindliche normative Wahrheit. Die Menschen sind daher unter einem leeren Himmel allein unter sich, und es gibt kein philosophisch erschließbares oder religiös geoffenbartes Ordnungsprinzip mehr. Die Menschen sind allein und müssen miteinander um knappe Güter, Waren genauso konkurrieren wie um Respekt oder Anerkennung. Dadurch werden sie einander aber auch gefährlich, obwohl sie zwecks wirtschaftlicher Produktion und menschlicher Reproduktion gleichzeitig aufeinander angewiesen sind.

Diese Situation wird bei Hobbes durch die Figur des Gesellschaftsvertrags aufgelöst, der die Menschen aus ihrem Naturzustand herausführt. In diesem Vertrag wird alle Macht ein für alle Mal einer zentralen Instanz übertragen, bei Hobbes ist das die Geburtsstunde des großen Leviathan . Ich nenne das die Faltung der menschlichen Boshaftigkeit auf sich selber, um die Gesellschaft zu pazifizieren, eben weil wir nichts anderes haben als uns selbst. Das ist der Kern des Problems der Moderne.

Und wie gelangten dann die Konzepte von Freiheit und Gerechtigkeit in unser modernes Denken über den Staat?

Bei Hobbes entsteht der Leviathan aus der Logik der Freiheit. Die Menschen sind frei, im Naturzustand hat jeder das Recht auf alles. Und Gerechtigkeit ist in diesem Zusammenhang eine reine Tauschgerechtigkeit: Der Mensch - und Karl Marx wird das später genauso schreiben - ist so viel wert, wie andere für seine Arbeit zu zahlen bereit sind, nicht mehr und nicht weniger. Das ist auch die Substanz unserer bürgerlichen Gesellschaft, in der alle Menschen in diesem Sinne gleich sind, und die Basis jeder kapitalistischen Gesellschaft, die sich ja dadurch definiert, dass die Arbeitskraft selbst zur Ware wird.

In der Sklavengesellschaft ist das nicht der Fall, weil es Herren gibt, und Sklaven keine Vertragspartner sind; Ähnliches gilt auch für den Feudalismus. Im Kapitalismus ist jeder so viel wert wie seine Arbeitskraft - und das ist gerecht nach der bürgerlichen Vorstellung von Gesellschaft, in der es keine ausgleichende und austeilende Gerechtigkeitsinstanz wie den Staat gibt. Wenn der Staat dies dennoch tut, so beruft er sich nicht auf bürgerliche, sondern auf aristotelische oder christliche Prinzipien. So gesehen, erachte ich es zwar als obszön, dass es in unserer Gesellschaft zu solch extremen Ungleichgewichten bei der Vermögensverteilung kommt: Wenn Supperreiche wie Warren Buffet, Bill Gates oder George Soros die Hälfte ihres Vermögens spenden, ist das für mich tatsächlich ekelerregend, aber das ist im Grunde ein ästhetisches, kein moralisch begründbares Urteil. Gerechtigkeit hat damit nichts zu tun, weil unsere Moderne insofern nihilistisch ist, als sie keine metaphysische Instanz mehr besitzt. Es existiert keine inhaltliche Definition mehr von Gerechtigkeit. In der Moderne entwickelte sich deshalb auch der Ruf nach Gerechtigkeit zu einer Kampfparole für die Zu-kurz-Gekommenen und gleichzeitig zu einer Status-quo-Legitimation für die Wohlhabenden, der Begriff wurde zu einer ideologischen Waffe. Solange Menschen Menschen sind, werden sie darüber streiten, was in konkreten Lagen gerecht und was böse ist. Das wird erst enden, wenn wir Menschen keine Menschen mehr sind. Wenn sie sich darüber einmal einigen, dann wäre die Geschichte tatsächlich zu Ende, wir würden dann allerdings in einem Termiten-Staat leben.

Sie zeichnen ein nihilistisch-materialistisches Bild der Moderne. Aber gibt es nicht spätestens seit 1945 den Versuch und das Bemühen, den "leeren Himmel über uns" wieder zu bevölkern, und zwar mit der Unantastbarkeit der Würde des Menschen?

Ja, diesen Versuch gibt es, aber das sind menschliche Setzungen, und wir selbst sind uns dessen voll bewusst.

Aber es sind doch eben immer menschliche Setzungen, auch die griechische oder mittelalterlich-christlichen Vorstellungen einer metaphysischen Ordnung waren das.