Das Problem der Moderne ist, dass wir das wissen, und dieses Wissen ist bereits in die Reflexion eingebaut. Demgegenüber waren die metaphysischen Ordnungen keine Setzungen, sondern Erkenntnisse über das empirische Sein hinaus. Gerechtigkeit entsprach dann einer objektiven Erkenntnis. Das gilt auch für Offenbarungsreligionen: Die Zehn Gebote sind für Gläubige keine Empfehlungen, sondern Gebote eines herrschenden und befehlenden Gottes.

Wenn wir aber heute sagen, wir erkennen dem Menschen eine bestimmte Würde zu, so sind das politisch-moralische Setzungen, von denen wir wissen, dass sie von uns selbst und nicht von einem Gott stammen. Wir wissen, dass wir diese immer auch zurücknehmen können - und das ist die grundsätzliche Unsicherheit der Moderne. Die Menschen sind frei, selbst wenn sie sich einreden, dass sie es nicht sind. Und sie wissen, dass sie frei sind.

Aber dieses Wissen kann doch auch wieder verloren gehen. Warum sollte nicht die Lehre von der unantastbaren Würde des Menschen eines Tages zur allgemeinen Erkenntnis werden - und das Wissen um deren menschliche Setzung zum Tabu?

Das ist natürlich durchaus denkbar, aber ich würde es bedauern. Es ist ja auch denkbar, dass wir alle muslimisch oder wieder katholisch werden. Aber frei in unseren Gedanken können wir dann nicht mehr sein. Ich bin allerdings nicht so pessimistisch, dass es so weit kommen wird.

Viele Menschen würden die absolute Unantastbarkeit der Menschenwürde, quasi als neue Offenbarung, durchaus als wünschenswert begrüßen.

Wissen Sie, ein kluger Moralist hat einmal gesagt: "Etwas Zucker im Urin, und der Freigeist geht zur Messe". Aber das ist nur die eine Seite der Moderne, denn natürlich gilt auch: "Etwas Zucker im Urin, und selbst der Heilige Vater geht zum Internisten". Die Consolatio , die Trostfunktion von Religion bei Trauer, in emotionalen Ausnahmesituationen, ist ein Teil der menschlichen Schwäche. Entscheidend ist: Man kann heute wissen, dass es sich dabei um Illusionen handelt, es verlässt sich ja auch niemand mehr darauf. Der moderne säkulare Staat beruft sich eben gerade nicht auf einen platonischen Ideen-Himmel, sondern auf weltanschauliche Neutralität. Religionsfreiheit heißt ja in letzter Konsequenz, dass die Menschen die Religion nicht mehr wirklich ernst nehmen. Denn wenn ich sie ernst nehme, sind die Lehren und Gebote der Religion immer über die säkularen Gesetze zu stellen.

Gilt diese Neutralität auch in Zukunft? Der Staat ist mit Hobbes angetreten, um Leib und Leben des Menschen zu schützen, später kam die Freiheit hinzu. Heute beginnt er dagegen seinen Bürgern Vorschriften für ein gutes, vor allem ein gesundes Leben zu machen, er entwickelt sich zum fürsorgenden Staat.

Burgers Thema beim "Philosophicum": "Triumph des Liberalismus. Ein Nachruf." Foto: Strasser
Burgers Thema beim "Philosophicum": "Triumph des Liberalismus. Ein Nachruf." Foto: Strasser

Es wird heute oft geschrieben und gesagt, der Liberalismus trete für einen Minimalstaat ein, im Idealfall wie etwa bei den Libertären sogar für gar keinen Staat. Damit kann man sich jedoch gewiss nicht auf Hobbes, allenfalls auf John Locke berufen, weil für diesen die Tausch-Gesellschaft noch vor dem Gesellschaftsvertrag existiert. Realhistorisch verhält es sich aus meiner Sicht aber genau umgekehrt: Die bürgerliche Gesellschaft und der moderne Staat entwickelten sich parallel zueinander. Die Leistung der modernen, bürgerlich-liberalen Gesellschaft besteht in der Monopolisierung des Politischen im Staat und in der gleichzeitigen Entpolitisierung der Gesellschaft; zuvor, etwa in der feudalen Gesellschaft, gab es mehrere politische Zentren. Dass der Liberalismus per se staatsfeindlich sei, ist also eine Legende.

Die zweite Legende ist, dass der Liberalismus eine moralische Befreiung gebracht habe. Das Gegenteil entspricht der historischen Realität: Der Liberalismus kam mit einer enormen Moralisierungskampagne gegen die angebliche Verkommenheit der feudalen Gesellschaft an die Macht. Moral wurde in seinen Händen zu einem Kampfmittel. Es ist kein Wunder, dass der Höhepunkt des Liberalismus mit dem moralisch rigiden Viktorianismus einherging. Zwischen 1760 und 1830 hat, so schreibt der französische Philosoph George Canguilhem, eine normative Klasse die Macht erobert. Diese Entwicklung setzt sich heute fort, dazu muss man sich nur die Debatte um die Thesen Thilo Sarrazins anschauen: Vor allem zu Anfang lief eine reine Empörungsdebatte auf moralischer Basis, die Sache selbst wurde allenfalls am Rande diskutiert. Ich persönlich breche jede Debatte ab, wenn einer nicht inhaltlich argumentiert, sondern lediglich ausruft, er sei empört.

Gerade in der Ära des Neoliberalismus ereignete sich, was ich die fortschreitende Mikro-Normierung des Alltags nenne. Im gleichen Maße, wie sich der Staat als Sozialstaat zurückzieht, expandiert er als therapeutischer Staat. Heute sind die großen politischen Themen Gesundheit, Sicherheit und Nicht-Diskriminierung. Im Fernsehen laufen ständig Spitals- oder Gerichtssendungen; und im Sport oder in der Freizeit wird Gefährlichkeit nur noch simuliert. Als 1970 Jochen Rindt tödlich verunglückte, kamen im Rennsport über ein Dutzend Fahrer ums Leben; heute ist das eine der sichersten Sportarten.

Diese Entwicklung hängt, denke ich, mit dem Transzendenz-Verlust unserer postmodernen Gesellschaft zusammen. Damit meine ich sowohl den Verlust an vertikaler, also metaphysischer, religiöser Transzendenz, als auch an horizontaler, also historisch-politischer Transzendenz: Es gibt keine tatsächlichen politischen Visionen, keine großen Programme und Utopien mehr. Wenn das aber der Fall ist, dann sind die Menschen auf die reine Immanenz ihrer Lebenszeit zurückgeworfen - und danach ist es aus und vorbei.