In dieser Situation gibt es nur zwei Möglichkeiten: Wir Menschen können darauf entweder hedonistisch reagieren, indem wir uns jedes vorstellbare Vergnügen gönnen, oder asketisch und gesund, um unsere Lebenszeit so weit wie möglich auszudehnen. In den westlichen Industrieländern erleben wir die Kombination beider Lebensentwürfe in Form eines asketischen Hedonismus. Köche als öffentliche Stars sind eine historische Novität - und was sie kochen, muss köstlich und zugleich gesund sein. In Spitzenrestaurants wird heute weder geschlemmt noch gesoffen noch geraucht, die Menschen dort sind zu Asketen geworden.

Und was bedeutet diese Entwicklung für unser Verständnis vom Staat?

Zunächst einmal, dass diese Pädagogisierung und Therapeutisierung über den Staat und parastaatliche Institutionen in Form von Vorschriften und Gesetzen betrieben wird. Begonnen hat es mit der Gurtenpflicht für das Auto, dann kam der Helm für Motorradfahrer, jetzt für Rad- und Skifahrer, Licht am Tag bis hin zum Rauchverbot. Wenn Sie sich heute eine Autowerbung anschauen, geht es fast nur noch um die Sicherheitsaspekte - und darum, wie umweltfreundlich die Abgase doch sind.

Der Staat argumentiert bei diesen Vorschriften mit dem Sicherheitsaspekt als auch mit einer ökonomischen Komponente, etwa den Kosten für das Gesundheitssystem durch einen ungesunden Lebenswandel.

Das aber ist, entschuldigen Sie den harten Vergleich, die klassische Formel des Faschismus, die da lautet: "Gemeinnutz geht vor Eigennutz".

Was bedeutet dieses apodiktische Urteil über den postmodernen Staat für Ihr Verhältnis zu eben diesem? Eigentlich wäre dann ja Widerstand angesagt.

Für Widerstand bin ich schon zu alt - und schon Ernst Jünger sagte: "Opposition bedeutet Mitarbeit". Meine Position zu diesem Staat ist eine anarchische. Ich betrachte ihn in vielen Positionen als mir feindlich gesinnt, weil er in meine persönliche Freiheit eingreift.

Also Selbstaufgabe der eigenen Freiheiten angesichts der Zeitumstände?

Man sollte sich keinen Illusionen hingeben: Was sich ein Individuum so denkt, darauf kommt es nicht mehr an. Radikal zu denken bedeutet deshalb in meinem Alter, keine Aufrufe mehr zu machen. Es geht nur noch darum, mit der eigenen archaischen Lebensform so gut es eben geht in dieser Schlumpfwelt durchzukommen.

Diese Entwicklung ist aber nicht vom Himmel gefallen, sondern erhielt mehrheitliche Unterstützung in demokratischen Wahlen.

Wenn man unsere Demokratie mit jener der griechischen Polis vergleichen wollte, so entspräche diese einem Kriegsschiff, wo jeder zur Mitarbeit gezwungen ist - die griechische Antike befand sich ja zu rund 50 Prozent ihrer Zeit im Kriegszustand. Unsere Massendemokratie gleicht dagegen eher einem riesigen Passagierdampfer, auf dem es eine Mannschaft und Passagiere gibt: Die Passagiere werden versorgt und vergnügen sich, es kümmern sich aber immer weniger darum, wo die Reise hingeht. Für mich wurde das besonders deutlich, als im Mai Europas Regierungen in einer Nacht- und Nebelaktion ein 750-Milliarden-Euro-Paket zur Rettung der Gemeinschaftswährung und Griechenlands beschlossen haben.

Ich will absolut keinen inhaltlichen Vergleich machen, aber ich habe mich dabei an den 24. März 1933 erinnert gefühlt, den Tag, an dem die Ermächtigungsgesetze beschlossen worden sind. Damals wurde die Regierung - also die Exekutive - ermächtigt, Gesetze zu erlassen. Das Budget ist die Kernkompetenz eines jeden Parlaments, in dieser Mai-Nacht 2010 jedoch wurden sämtliche europäischen Parlamente mit einem Federstrich entmachtet. Den Parlamenten blieb gar nichts anderes übrig, als diesen Schritt im Nachhinein abzusegnen. Ausgerechnet in dem Moment, wo ständig über die Demokratisierung der EU gesprochen wird, passiert so etwas!

Nicht, dass ich eine Alternative zu dieser Vorgehensweise gesehen hätte oder dass ich nicht froh bin, dass es so etwas wie die EU gibt und Österreich Mitglied ist, aber das sind Entwicklungen, bei denen ich beginne, mich unbehaglich zu fühlen. Es gibt wenige Begriffe, die so oft missbraucht werden, wie die Demokratie: Alles, was einem gefällt, bezeichnet man als demokratisch, alles andere schlicht als undemokratisch. Heute sollte es dagegen um die Bewahrung der liberalen Werte gehen: der Freiheit des Einzelnen, von Minderheiten, auch der Toleranz gegenüber menschlichen Schrulligkeiten und Lastern. Das aber droht zu verschwinden.

Welche Bedeutung kommt dem Staat, insbesondere dem Nationalstaat, in Bezug auf die Identität des Einzelnen heute noch zu?

Jedes politische Gemeinwesen braucht so etwas wie eine vorjuristische Loyalität. Das geht nicht nur über Gesetze, dazu braucht es die Empathie der Einzelnen. Seit der Zeit der Französischen Revolution ist dieses Vehikel die Nation. Es ist das Konstrukt der Nation, die den Staat zusammenhält. Daher vermute ich auch, dass die Re-Nationalisierungstendenzen in Europa nicht ab-, sondern eher noch weiter zunehmen. Die These Jürgen Habermas´ von der postnationalen Situation teile ich nicht, ich halte das für eine Bonner Illusion, die seit der Berliner Republik wieder Vergangenheit ist. Der Begriff der Nation hat überall in Europa mit Ausnahme Deutschlands und Österreichs einen sehr positiven Klang. Ich glaube nicht, dass der europäische Nationalstaat vernünftigerweise in absehbarer Zukunft durch eine andere Organisationsform ersetzbar ist. Insbesondere hoffe ich das nicht, weil er der einzige Raum der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie ist. Dass gleichzeitig durch die EU-Gesetzgebung dieser Nationalstaat erodiert und Regionalismen gefördert werden, ändert an diesem Befund nichts.

Zur Person

Rudolf Burger gilt als einer der renommiertesten Philosophen Österreichs. Geboren 1938 in Wien, entstammt er einem kommunistischen Elternhaus, so dass der Marxismus sein Denken nachhaltig geprägt hat. Er studierte technische Physik an der TU Wien, promovierte 1965 und arbeitete als Universitätsassistent in Wien, am Battelle-Institut in Frankfurt am Main und im Planungsstab des Bundesministeriums für Forschung und Technologie in Bonn. 1973 holte ihn Hertha Firnberg als Leiter der Abteilung für sozial- und geisteswissenschaftliche Forschung ins neue Wissenschaftsministerium. 1979 habilitierte sich Burger und wurde 1987 Professor für Philosophie an die Universität für Angewandte Kunst in Wien, deren Rektor er von 1995 bis 1999 war.

Im Jahr 2000 wurde Burger mit dem Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet. Wichtige Arbeiten widmete er der Ästhetik und der politischen Philosophie. Werke u.a.: "Die Irrtümer der Gedenkpolitik. Ein Plädoyer für das Vergessen", "Ptolemäische Vermutungen", "Eine kleine Geschichte der Vergangenheit".

Philosophicum Lech

"Der Staat" steht im Zentrum des 14. "Philosophicum Lech", das vom 22. bis 26. September der Frage nachgeht: "Wie viel Herrschaft braucht der Mensch?" Bei dem Symposion im Vorarlberger Nobelskiort am Arlberg, das vom Philosophen Konrad Paul Liessmann ins Leben gerufen wurde, präsentieren Kulturtheoretiker und Politiker ihre Thesen zu Aufgaben, Möglichkeiten und Grenzen des modernen Staates.

Neben Burger und Liessmann diskutieren und referieren in Lech unter anderem der deutsche Historiker Christian Meier, der Politikwissenschafter Herfried Münkler, die Europa-Forscherin Sonja Puntscher-Riekmann, der Demokratie-Kritiker Hans-Hermann Hoppe und die Politologin Ulrike Ackermann. Die Politiker-Gilde vertreten Günther Öttinger, Gerhard Schröder, Franz Fischler und Alfred Gusenbauer. Den Abschluss der Tagung bildet Michael Köhlmeiers Referat "Ohne Staat. Traum und Albtraum der Dichter".