"Wiener Zeitung": Herr Kubelka, im Zuge der diesjährigen Viennale wird es am 27. Oktober zur österreichischen Premiere Ihrer neuen filmischen Arbeit "Antiphon" kommen.

"Ich habe in meiner Arbeit und in meinem Denken nie Kompromisse gemacht. Im täglichen Leben bin ich immer zu Kompromissen bereit, beim Filmemachen nicht." Peter Kubelka - Foto: © Robert Wimmer
"Ich habe in meiner Arbeit und in meinem Denken nie Kompromisse gemacht. Im täglichen Leben bin ich immer zu Kompromissen bereit, beim Filmemachen nicht." Peter Kubelka - Foto: © Robert Wimmer

Das Werk ist als exaktes Gegenstück Ihres 1960 uraufgeführten, rund sechsminütigen Filmes "Arnulf Rainer" konzipiert. Was konkret darf man sich darunter vorstellen bzw. weshalb ist Ihnen "Arnulf Rainer" offensichtlich so wichtig, dass Sie sich abermals mit diesem Film befassen wollten?

Peter Kubelka: Der Film "Arnulf Rainer" ist mir deshalb so wichtig, weil er mir Ende der 1950er Jahre dazu gedient hat, zu den essenziellen Elementen des Films vorzudringen. Das Einfachste, das Essenzielle, das den Film ausmacht, ist Ton und Schweigen, Licht und Dunkelheit. Dieser Film ist metrisch gestaltet, d.h. ich habe das Prinzip, welches die Menschen schon früh im Kosmos erkannt haben, nämlich dass sich alles wiederholt, dass die Gestirne kreisen, das Herz rhythmisch schlägt, das Jahr sich zyklisch erneuert - diese Erkenntnisse habe ich übernommen und für den Film ins Visuelle übertragen. In der Musik gab es dieses Ebenmaß schon sehr lange.

In der Architektur ebenfalls.

Ja, das waren auch meine Vorbilder. Ich wollte den Film von dieser Knechtschaft des Geschichtenerzählens befreien. Der Film ist immer noch eine Nachahmung des Melodrams des 19. Jahrhunderts. Man sieht verkleidete Menschen, die etwas darstellen sollen. Hierfür sprechen sie einen Dialog, den man für sie geschrieben hat, und dazu spielt eine Musik, die die Gefühle steuern soll, die man als Zuseher haben soll. Das ist etwas, das in meinen Augen sehr wenig mit Film zu tun hat. Das kann man zwar machen, aber damit kommt man niemals dorthin, wo der Film seine stärksten Möglichkeiten hat.

Was sind Ihrer Ansicht nach die stärksten Möglichkeiten des Films?

Die Aufsprengung der Zeit in kleinste Elemente, nämlich in 24stel Sekunden. Und die Möglichkeit, diese 24stel Sekunden zu steuern, zu bearbeiten und dann konzentriert in der Zeit abzuspielen. Das ist die Großartigkeit, die der Film zur Schar der anderen Medien dazu gebracht hat, diese Möglichkeit, das visuelle Feld 24 Mal in der Sekunde zu definieren.

"Arnulf Rainer" verzichtet also vollständig auf Bilder?

Ja, man könnte sagen, mit "Arnulf Rainer" ist der Pol des filmischen Universums erreicht, also die einfachste Form. Es ist ein Film, wo Licht und Dunkelheit, Ton und Schweigen genau ausgewogen sind, sodass es über die ganze Länge hindurch auf der Leinwand gleich hell und gleich dunkel, gleich laut und gleich leise ist. Im "Arnulf Rainer"-Film allein kommt dies vielleicht noch nicht vollständig zur Geltung, aber die filmische Gegenform "Antiphon" schließt sozusagen das Werk.

Um einen asiatischen Vergleich zu bemühen: "Arnulf Rainer" wäre das Yin, "Antiphon" das Yang. Beide Filme ergänzen sich fugenlos zu einem Ganzen.

Im Rahmen der "Viennale" werden beide Filme unter dem Titel "Monument Film" subsumiert.

Folgender Ablauf ist vorgesehen: Zuerst wird "Arnulf Rainer" projiziert, gefolgt von "Antiphon". Danach werden beide Filme gleichzeitig nebeneinander gezeigt. Da sich die beiden Filme ergänzen, wird das Licht ständig räumlich hin- und herwandern, dasselbe passiert mit dem Ton.

Das zugrundeliegende Modell ist einfach zu finden. Es entspricht dem Rosenkranzbeten in der Kirche. Ich habe das in meiner Jugend erlebt - und es gehört zu den großen Erlebnissen von Ekstase. Einer Ekstase für Sitzende, sehr ähnlich dessen, was ich im Kino mache.

Eine Ekstasemöglichkeit zu schaffen ist also Grundintention Ihrer filmischen Arbeit?

So ist es. Ich schaffe eine spezifisch filmische Ekstase. Als Abschluss von "Monument Film" werden beide Filme übereinander projiziert. In der Projektion wird das Licht überwiegen, das heißt, es ist eigentlich immer hell und stets ein Ton vorhanden.

Und jetzt kommt noch ein neuer Punkt hinzu: Ich möchte mit "Monument Film" auch ein Denkmal für das Medium Film schaffen, welches die Materialität des Films verständlich macht und erklärt.

Sie sprechen die Unterscheidung zwischen analogem und digitalem Film an?

"Ich wollte den Film von der Knechtschaft des Geschichtenerzählens befreien. ": Peter Kubelka im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger. - Foto: © Robert Wimmer
"Ich wollte den Film von der Knechtschaft des Geschichtenerzählens befreien. ": Peter Kubelka im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger. - Foto: © Robert Wimmer

In der gegenwärtigen Politik - Film gegen digitales System - handelt es sich nicht um eine friedliche, harmonische Fortsetzung von bewegten Bildern, sondern es handelt sich um eine feindliche Übernahme durch ein völlig verschiedenes Medium, welches sich ganz anders verhält als der Film. Nur ein Faktum: Einige Kinos, die nun, wie man es nennt, auf ein digitales System umrüsten, bekommen als Auflage, ihre klassische Filmausrüstung zu zerstören. Das ist Kulturmord.

Sie haben sich bis dato dagegen gewehrt, dass Ihre Filme digitalisiert werden?

Ja. Für mich wäre das so, wie wenn ich Ölgemälde machen würde und plötzlich sagt jemand: Ölgemälde wird es nicht mehr geben, keine Farben, keine Leinwand, aber alle Gemälde werden sorgfältig im Kunstdruck reproduziert. Dann würde ich als Maler sagen: Das geht nicht, denn der Kunstdruck ist nicht imstande, ein Gemälde wiederzugeben. Er gibt einen Eindruck wieder, der mit dem ursprünglichen Gemälde aber nichts zu tun hat. Das digitale System erzählt in Wirklichkeit einen Film, es schildert ihn, bildet ihn ab, aber es ist nicht der Film.