Sie hatten also nie Bedenken, dass Ihre erzählende Malerei unmodern werden könnte?

Nein, das habe ich von Anfang an begriffen, zuerst im Bauch und dann im Kopf. Die Moderne war ein Einschnitt von noch nie dagewesener Tiefe. Plötzlich hatte rote Farbe nicht den Auftrag, so zu tun, als wäre sie ein Apfel, sondern sie sollte rote Farbe sein - und nichts anderes. Das ist natürlich ein ganz anderer Zugang, mit vielen Facetten, aber es ist unmöglich, dass diese Malerei den Platz von Mona Lisa einnimmt.

Nun zu einer anderen Seite Ihrer künstlerischen Begabungen: der Musik. In den 70er Jahren hatten Sie großen Erfolg mit Ihren Liedern. Hits wie "Sie hab’n a Haus baut" oder "Sein Köpferl im Sand" brachten Ihnen zwei goldene Schallplatten ein. Man schreibt Ihnen auch zu, dass Sie einer der Väter des Austropop sind.

Ich glaube nicht, dass ich das bin. Für mich stand immer der Text im Vordergrund. Ich halte mich für keinen guten Musiker. Ich kann ein Gstanzl schreiben und dieses begleiten. Das hat für das, was ich wollte, genügt. Aber die Texte waren für mich das Entscheidende, und ich habe sie deshalb im Dialekt gesungen, weil das eine bestimmte Verfremdung erzeugt. Dinge, die sonst vielleicht banal klingen, kann man so mit einer humoristischen Note transportieren. Es hat sicher auch eine Rolle gespielt, dass ich mit H.C. Artmann befreundet war. Von 1957 bis 1963 habe ich in Paris gelebt, und als ich nach Wien zurückgekehrt bin, habe ich den Wiener Dialekt, der ja meine Muttersprache ist, ganz neu erlebt. Mir wurde bewusst, was das eigentlich für eine grandiose Sprache ist, welche Ausdruckskraft darin steckt.

Was vermag der Wiener Dialekt aus Ihrer Sicht?

Der Wiener Dialekt macht mit dem Deutschen dasselbe, was die französische Sprache mit dem Lateinischen macht, nämlich um des Flusses willen die Endungen auszulassen. Ein Beispiel: "Ich habe einen Hut" - das stolpert und rumpelt, wenn man es singt. Aber im Wiener Dialekt fließt es: "I hob an Huat". Das hat mich dazu gebracht, Texte im Wiener Dialekt zu schreiben, die weder Folkloretexte noch Heurigenlieder sind, sondern einen sozialkritischen oder politischen Anspruch haben. Beim Austropop hingegen, wo es natürlich auch hochbegabte Leute gab, war der Dialekt der Inhalt. Das erste Dialektlied, das über das rein Folkloristische hinausgegangen ist, war wahrscheinlich Gerhard Bronners "Wie a Glock’n". Aber es hat keinen politischen oder hintergründigen Anspruch. Das war auch gar nicht die Absicht, sondern es ist aus musikalischer und poetischer Sicht einfach ein Kunstwerk ersten Ranges. Und Marianne Mendt hat dieses Lied mit ihrer hohen Begabung phantastisch gesungen. Ich denke, dieses Lied war eher der Ursprung vom Austropop.

Warum haben Sie trotz des Erfolges mit dieser Form von Musik aufgehört?

Ich war damals schon 40 Jahre alt und hatte die Reife zu begreifen, dass ich, um weiterhin Erfolg mit der Musik zu haben, mein ganzes Leben hätte ändern müssen. Das Musikgeschäft hat ja eine Dynamik - man muss herumfahren -, aber wir hatten kleine Kinder und ich wollte bei meiner Familie sein. Wenn ich mit 20 oder 25 Jahren diesen Erfolg gehabt hätte, hätte ich vielleicht anders agiert. Aber so habe ich dieses Kapitel eher abgewürgt. Ich wollte auf jeden Fall Maler bleiben.

Christine Dobretsberger, 1968 in Wien geboren, jahrelang Kulturredakteurin bei der "Wiener Zeitung", lebt nun als freie Journalistin, Autorin und Geschäftsführerin der Text- und Grafikagentur "Lineaart" in Wien.