Kein Brot mehr, sondern Kultur entsteht heute in der ehemaligen Ankerbrotfabrik in Wien Favoriten. Zahlreiche Lofts entstanden im Zuge der Sanierung des architektonisch markanten Ziegelbaus aus dem neunzehnten Jahrhundert, in welchen Kunstinitiativen und Galerien eingezogen sind. So eröffnete etwa Ernst Hilger ebenso eine Dependance wie die auf Design der fünfziger Jahre spezialisierte Kunsthandlung Lichterloh.

Ein weiterer prominenter Mieter ist der Kärntner Maler Hans Staudacher, der hier genügend Raum für seine unzähligen Bilder aus vergangenen Jahrzehnten fand. Zwar malt er nicht mehr, möchte seine Schätze aber alle paar Tage betrachten und ordnen, aktiv und unruhig, wie er immer noch ist. Ehefrau Hannelore, die er liebevoll "Uschi" nennt, chauffiert ihn ins Atelier und weicht auch sonst - seit mehr als fünfzig Jahren - nicht von seiner Seite.

Der Empfang bei den Staudachers ist herzlich und ungezwungen, und Frau Hannelore tut gleich ihren Unmut darüber kund, dass ihr Mann keine Bilder mehr produziert. "Er sieht nicht gut und kann nicht mehr am Boden malen, aber wenigstens zeichnen könnte er wie früher. Das würde ihm guttun, denn er hat ja sein ganzes Leben gemalt!"

Schalk im Nacken

Staudacher winkt ab, grummelt Unverständliches und weist den Besuch an, ihm zu folgen. Mit Schirmkappe und Zigarre bestückt, wirbelt er von einem Regal zum nächsten. Den Schalk im Nacken, wie man es von ihm kennt, zieht er verschiedene Bilder hervor und kommentiert sie launig. Er hat aus allen Perioden etwas auf Lager: dichte Kompositionen auf Jute, gestische Großformate mit Textzeilen, Symbolen und Schriftzeichen oder Papierarbeiten und Zeichnungen auf Karton. Staudachers Werke wirken wie zu Bildern gewordene Gedichte, essenziell und leidenschaftlich.

Ob er sich bei manchen Bildern noch erinnern kann, was er im Schaffensprozess dabei gedacht hat? Staudacher: "Wenn man so schnell malt, kann man nicht auch noch denken! Einmal hat jemand zu mir gesagt: ,Bei dem Werk haben Sie sich wohl nix gedacht!‘ Ich habe geantwortet: ,Nein, eh nicht! Das geht über die Muskeln‘."

Ein anderes Mal habe ein Besucher seiner Ausstellung in der Secession 1959 abwertend über ein Bild gemeint, so etwas könne auch sein kleiner Sohn. Staudacher antwortete ihm: "Na, dann kommen Sie einmal und versuchen wir es beide!" Er habe ihn zu einer leeren Leinwand geführt, ihm eine Tube mit Farbe in die Hand gedrückt und ihn aufgefordert, auf die Leinwand zu zielen. "Er strengte sich an und schaffte nur ein kleines Patzerl. Dann habe ich ihm gesagt: ,Na, nicht einmal Sie können das - wie soll ihr kleiner Bub das schaffen?!"

Neben den zahlreichen Bildern im Atelier finden sich auch viele in Sammlungen und Galerien. Wie viele er insgesamt gemalt habe? Staudacher: "Tausende. Ich habe immer gemalt". Er läuft weiter von einem Bild zum nächsten und erzählt, dass er dieses nicht verkaufen will, aber auch jenes nicht. Warum nicht? "Meine Frau verkaufe ich ja auch nicht!"

Was mit diesen Arbeiten einmal geschehen soll, sei ihm egal. Seine Tochter und seine Frau mögen sich darum streiten. Es beeindruckt ihn auch überhaupt nicht, dass der Wert seiner Bilder am Kunstmarkt in den letzten Jahren so rasant gestiegen ist. Staudacher: "Was kosten die denn?" Antwort: großformatige Ölbilder aus den fünfziger und sechziger Jahren erreichen bis zu 50.000 Euro. "Da habe ich aber nix mehr davon."

Figurativer Beginn

Nur am Rande interessiert ihn auch die große Nachfrage nach seinen frühen Arbeiten. "Das ist mir wurscht". Viel mehr freut ihn, dass er in einer seiner vielen Laden gerade schwarze Tuschzeichnungen wiedergefunden hat. "Es geht um die Gestik", befindet er angesichts einer Zeichnung. "Der Unterschied entsteht nur durch das Material". Ob er jetzt Ordnung schaffe, während des Gesprächs? Staudacher, lachend: "Ja, absolute Unordnung". Wieder ein Fund: "Ah, das sind die Schwalben von St. Stephan." Dann entdeckt er ein Bild mit Pferden.

Obwohl er recht bald abstrakt zu malen begonnen hat, liegen Staudachers Wurzeln im Figurativen. "Man kann so oder so am Strich gehen. Malerei besteht auch aus Figuren kritzeln." Staudacher betrachtet sein Pferdebild: "Zirkuspferde am Westbahnhof in Villach. Das ist von Weihnachten 1945, da bin ich aus der Kriegsgefangenschaft heimgekommen, mit 45 Kilogramm". In dieser Zeit entstanden viele Tierbilder, nicht zuletzt, um die nachhaltigen Eindrücke des Krieges aufzuarbeiten.

Nach einem Aufenthalt in Paris, der ihn künstlerisch stark prägte, fand Staudacher zu seinem typischen Malstil des Informel. Er galt als "zorniger Wilder". Was ist er heute? "Ein alter Milder". Ob er sich über die vielen Ehrungen und Preise im Laufe seines langen Malerlebens freut? "Nein, das war nie wichtig. Ich habe ja auch erst ab Sechzig von der Malerei leben können".