Zeit für eine Rauchpause. Gattin "Uschi" übernimmt: "Und damals wäre er fast an einem Leistenbruch gestorben, den er jahrzehntelang nicht behandelt hat. 1983 musste er akut operiert werden und hat die Nacht zwischen Leben und Tod auf der Intensivstation verbracht". Kennen gelernt hatten die beiden einander in der Wiener Secession. "Es war die erste Ausstellung, die ich dort gesehen habe, und die war vom Staudacher". Aus Sympathie wurde Liebe, und aus Hannelore Uschnig wurde bald Uschi Staudacher. Ihren Traum von der Dolmetscherkarriere hing die Welthandel-Studentin an den Nagel. "Damals war das noch so. Ich blieb bei den Kindern. Später wollte ich gerne wieder arbeiten, aber mein lieber Mann hat das immer verhindert. Ich bin ja auch immer rasch Farben holen gegangen, wenn er welche gebraucht hat . . ."

Beeindruckt von Jandl

Gab es Kontakte mit anderen Künstlern? Uschi: "Schon, man hat sich getroffen und unterhalten, aber mehr nicht. Hans war ja kein akademischer Maler, er hat sich nirgendwo angeschlossen oder verbündet und war immer sehr direkt und hat alles so gesagt, wie er es gemeint hat. Das war nicht jedermanns Sache".

Ehemann Hans kehrt zurück: "Die Mutter vom Hundertwasser hat mich damals gefragt, ob ich glaube, dass ihr Bub einmal davon leben kann." Beeindruckt habe ihn vor allem Ernst Jandl: "Er hat immer phonetisch gedichtet. Ich habe ja auch viel mit Worten gemacht. Aber Jandl hat gedichtet, während ich geredet habe wie ein Onassis im Trockenen."

Wann hat er eigentlich zu malen begonnen? "Ich hab immer schon gekritzelt, schon auf der Schulbank. Ein Lehrer hat zu mir gesagt, ich soll Maler werden. Der Kritzler bin ich geblieben, allerdings hat er damals einen Maler und Anstreicher gemeint. Da habe ich was missverstanden."

Gemalt wurde in der Not auf allem, was irgendwie geeignet war: Zementsäcke, Jute, Kisten. Staudacher: "Beim E-Werk gab es Blöcke mit schwarzen Grafitstiften, da konnte man so schön damit zeichnen." Leider ist von diesen Werken nichts erhalten geblieben. Nach dem Krieg wurde Staudacher Schüler von Arnold Clementschitsch. Was er von ihm gelernt hat? "Aus der Vorstellung zu malen. Und trinken".

In Wien wurde Staudacher Mitglied der Secession, als Josef Hoffmann Präsident war. "Er war der Grandseigneur; er hat immer Stammplätze in den Wirtshäusern gehabt, das ,Hoffmanneckerl‘, und manchmal hab ich was mitessen dürfen, weil ich ja kein Geld hatte. Dann hat er sich so aufgeregt bei seiner letzten Biennale, weil die Kritiker ihn so angegriffen haben, dass er in der Nacht einen Schlaganfall gekriegt hat und gestorben ist."

Starke Gestik

Hoffmann war eine schicksalshafte Begegnung für Staudacher, denn der entsandte ihn 1956 zur Biennale nach Venedig. Interessant für den jungen Künstler war auch die Einschätzung des legendären kirchlichen Kunstmäzens Otto Mauer, der Staudachers Malweise und jene des Franzosen Georges Matthieu für ähnlich befand. Staudacher: "Monsignore Mauer hatte Mathieu nach Wien zur Teilnahme an einer Ausstellung eingeladen. Der kam, hatte aber keine Bilder dabei. Dann hat er im Astoria, wo er gewohnt hat, welche gemalt - und ich habe sie gerahmt. Aber ähnlich waren unsere Arbeiten nicht, wir haben nur beide spontan gemalt. Er hat eher mathematisch gemalt, er war ja auch Mathematiker, und ich aus dem Handgelenk."

In der kunstgeschichtlichen Kategorisierung wird Staudachers Werk wahlweise dem Informel, Tachismus oder Lettrismus zugeordnet. Was davon trifft für ihn selbst zu? "Gar nichts. Ein Maler macht Striche, Strichismus oder Fleckismus, man wird eingeteilt. Damit habe ich nichts zu tun gehabt. Ich wollte keine Kunstgeschichte machen, sondern malen". Die Malerei sei ein ständiger Versuch gewesen. "Ich hab immer ausprobiert. Es ist mir immer auf die Gestik angekommen. Früher hab ich mit dem großen Pinsel gemalt und mit starker Gestik, da war dann gleich fast alles schwarz. Damals hab ich ordentliche Muskeln gehabt, heute hab ich keine Kraft mehr".

Viele andere können von so viel Vitalität mit neunzig Jahren freilich nur träumen.

Barbara Freitag, geboren 1961, war u.a. bei der Aus-tria Presse Agentur (APA), Pressereferentin der Ludwig Boltzmann Gesellschaft und lebt nun als freie Kulturjournalistin in Wien.