"Wiener Zeitung": Herr Yazdi, kennen Sie exzessives Verhalten aus eigener Erfahrung?

"Über Facebook sollte man mit Menschen kommunizieren, die man aus dem realen Leben kennt. Aber wenn Sie sich heute die 14-, 15-Jährigen anschauen, dann haben die fast nur Online-Freunde." Kurosch Yazdi - © Foto: gespag
"Über Facebook sollte man mit Menschen kommunizieren, die man aus dem realen Leben kennt. Aber wenn Sie sich heute die 14-, 15-Jährigen anschauen, dann haben die fast nur Online-Freunde." Kurosch Yazdi - © Foto: gespag

Kurosch Yazdi: Nicht im Sinne einer Sucht - im Sinne eines Kontrollverlustes allerdings schon. Und das ist ja der Einstieg in eine Sucht. Das heißt, ich fange mit etwas an und mache es viel länger oder viel intensiver als ursprünglich beabsichtigt. Ich wollte früher zum Beispiel nach der Arbeit oft eine halbe Stunde fernsehen - einfach zum Relaxen. Oft sind es aber drei, vier Stunden geworden, weil ich ständig rumgezappt habe. Nachher habe ich mich dann immer geärgert, dass ich meine Zeit verplempert habe.

Ein solches Verhalten haben wohl die meisten schon einmal an sich selbst beobachtet. Was passiert da in unserem Gehirn?

Ursprünglich war es so gedacht, dass uns das "Belohnungszen-trum" im Gehirn immer wieder für Dinge belohnt, die wir geschafft haben. Unsere Vorfahren bekamen etwa einen Dopamin-ausstoß, wenn sie in der Steinzeit ein Tier erlegt haben. Aus diesem Grund haben wir auch solche Dinge auf uns genommen, die mühsam sind. Das Belohnungszentrum ist eigentlich als Motivationszentrum gedacht. Das Problem ist nur, wenn diese Belohnungen ständig zur Verfügung stehen - und zwar ganz kurzfristig -, dann wird der Dopaminausstoß zum Selbstzweck. Dann motiviert er mich nicht, Arbeit auf mich zu nehmen. Sondern er motiviert mich nur, immer wieder dieses kurzfristige Glück zu suchen. Uns stehen einfach zu viele kurzfristige Belohnungen zur Verfügung.

Und auf diese kurzfristigen Dopamin-Kicks müssen wir bewusst verzichten, um nicht süchtig zu werden?

Es ist nicht so, dass wir jeder Belohnung ständig aus dem Weg gehen müssen. Aber jeder von uns hat seine eigene Gefährdung, so wie ich etwa das Fernsehen. Nur dort muss man aufpassen und künstlich die Verfügbarkeit einschränken. Wo man nicht gefährdet ist, braucht man das natürlich nicht zu machen.

Wann wird exzessives Verhalten zur Sucht?

Sucht ist eine psychische Erkrankung und wird mit bestimmten Kriterien definiert. Nur wenn die zutreffen, kann von einer krankhaften Situation gesprochen werden. Kontrollverlust ist das eine. Ein anderes Kriterium ist der Leidensdruck. Das heißt, ich oder ein Anderer muss durch mein Verhalten einen erheblichen Leidensdruck erfahren. Wenn ich jeden Tag nur eine halbe Stunde twittere, werde wahrscheinlich weder ich noch sonst irgendjemand leiden. Wenn ich aber 17 Stunden am Tag twittere - und ich habe solche Patienten -, dann leiden viele darunter. Sie selbst, weil sie keine Zeit mehr zum Schlafen und zum Arbeiten haben. Und der Arbeitgeber, weil diese Menschen nicht mehr arbeiten.

Facebook bezeichnen Sie als den "Suchtcocktail unserer Gesellschaft": Likes, Freundschaftsanfragen, Nachrichten - sind das alles Dopamin-Kicks, die uns verhaltenssüchtig machen?

Das sind ganz kleine Aufwertungen. Ich fühle mich geehrt, wenn ich etwas poste und dann 17 Likes zurückkommen. Während in einer Schulklasse etwa drei Leute begrüßen, was ich sage, gleichzeitig aber auch drei Leute kritisch sind. Auf Facebook kann ich solche Leute sofort aus meinem Freundeskreis ausschließen. Das heißt, ich brauche mich gar nicht mit jenen auseinanderzusetzen, die eine andere Meinung haben.

Wie viele Verhaltenssüchtige wissen überhaupt, dass sie verhaltenssüchtig sind?

Das ist genau das Problem. Viele erkennen es selbst nicht. Es gehört also zur Reife dazu, sich selbst zu beobachten und zu schauen, wo man seine Schwächen hat. Die meisten erkennen es allerdings erst dann, wenn sie schon in der Sucht gefangen sind. Die Kaufsüchtigen etwa, die zu mir in die Ambulanz kommen, sind oft längst überschuldet, haben zehn Mahnungen bekommen und ihr Gehalt wurde gepfändet.

Nun sagen Sie überspitzt formuliert: Durch unsere Verhaltenssüchte werden wir beziehungsunfähig - und unsere Gesellschaft auf diese Weise in den Abgrund treiben. Im Endeffekt werden wir dann irgendwann Einwanderer aus Afrika brauchen. Denn dort seien die Menschen auch in 20 Jahren noch beziehungsfähig, weil sie die neuen "Technologiesüchte" noch nicht betreffen.

Das ist als Horrorszenario richtig. Wir verlieren unsere Beziehungsfähigkeit und werden einsam.

Was genau meinen Sie mit Beziehungsfähigkeit?

Viele verwechseln reale Beziehungen heutzutage mit dem, was ihnen online angeboten wird. Einfaches Beispiel: Jeder Mensch hat das Verlangen nach Sexualität. Wer das nicht hat, ist psychisch krank. Aber schauen Sie, wie viele Menschen das zugunsten von Internetpornografie aufgeben. Ich meine nur die Leute, die ausschließlich online Bilder und Kurzvideos konsumieren. Und das 14 Stunden am Tag. Die sind Online-Porno-süchtig, nicht sexsüchtig. Deren Ziel ist es nicht, eine Frau ins Bett zu bekommen.

Wie funktioniert diese Verwechslung? Es merkt doch jeder relativ schnell, dass das Konsumieren von Pornos keine Beziehung ersetzt.

Das Problem ist, dass es so einfach ist. Wir Menschen sind generell sehr träge. Das heißt, wenn ich bei McDonalds innerhalb von einer Minute meine Nahrung bekomme, dann koche ich nicht mehr selbst. Es geht einfach schneller. Obwohl ich mir bewusst bin, dass Fastfood nicht so gesund ist, als wenn ich mir selber etwas koche. Und genau diese Verwechslung passiert uns auch bei Beziehungen. Es ist einfach, im Internet zu irgendwelchen Pseudo-Kontakten zu kommen, sodass ich irgendwann immer träger werde.