Die beiden Therapeuten und "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Dagmar Weidinger in Richard Pickers Praxis. - © Foto: Markus Ladstätter
Die beiden Therapeuten und "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Dagmar Weidinger in Richard Pickers Praxis. - © Foto: Markus Ladstätter

Wenn ich Klerikern etwas vorwerfe, dann dass sie lügen! Sie lügen, weil sie sich kein anderes Leben vorstellen können. Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel: Lesen Sie einmal ein paar Biographien der großen Hitler-Gefolgsleute. Es ist erschütternd, wie deren Lebensläufe immer weiter entgleiten, wie die Mordlust immer mehr zunimmt und Korrektivmaßnahmen nicht mehr greifen. Trotzdem wird das Ganze durch eine Behauptung sanktioniert, eine glatte Behauptung - und zwar: Wir werden siegen. Als Therapeut verstehe ich, dass man ein Lebenskonzept braucht, das irgendwie stimmig sein muss, aber das ist zu viel!

Herr Bauer, Sie haben vorhin Reibungspunkte bei der Kombination Priester/Psychotherapeut angesprochen. Welche meinen Sie konkret?

Bauer: Dadurch, dass ich die Psychotherapieausbildung gemacht habe, bewege ich mich immer wieder an den Rändern kirchlicher Verfassung. Nehmen wir zum Beispiel die Abtreibung. Als Kirchenmann habe ich eine klare Position zu vertreten, nämlich: Das ist nicht erlaubt. Als Therapeut habe ich aber einen Menschen vor mir, der möglicherweise eine Abtreibung gemacht hat, und ich muss dafür sorgen, dass dieser Mensch in einer guten, gelingenden Weise mit dem, was er erlebt hat, leben kann.

Wechseln Sie da die Rollen, sind Sie einmal Priester und ein andermal Therapeut?

Bauer: Nein, viele Menschen kommen ja gerade deshalb zu mir, weil sie die Kombination Psychotherapeut und Seelsorger wollen. Die Kirche darf ja auch Stellung beziehen zu einer Sache, ohne dass das für mich als Therapeut gelten muss. In der Kirche würde eine Abtreibung eine Sanktion bedeuten, nämlich die Exkommunikation. Als Therapeut hat der Mensch von mir keine Konsequenzen zu erwarten.

Richard Picker: "Die Kirche hat, glaube ich, die größte Schwierigkeit mit einem modernen Weltbild - und mit allem, was solch ein modernes Weltbild mit sich bringt." - © Foto: Markus Ladstätter
Richard Picker: "Die Kirche hat, glaube ich, die größte Schwierigkeit mit einem modernen Weltbild - und mit allem, was solch ein modernes Weltbild mit sich bringt." - © Foto: Markus Ladstätter

Picker: Ist das nicht zu juridisch gedacht?

Bauer: Nein, denn auch wenn die Kirche sozusagen als Vorfeldorganisation für den Himmel hier Regeln aufstellt, kann ich sagen: Möglicherweise gibt’s darüber hinaus noch eine größere Wirklichkeit, die genau das, was du an Schicksal da mitträgst, in der Barmherzigkeit auffängt.

Und was tun Sie in dem Fall, wenn eine Frau zu Ihnen kommt, die die Abtreibung erst plant?

Bauer: Ich glaube, ich muss sowohl als Therapeut als auch als Seelsorger versuchen herauszuarbeiten, was das Beste für die Gesamtsituation ist. Da gehört die Frau dazu, das Kind, das sie im Leib hat, möglicherweise der Erzeuger, vielleicht andere Kinder, eine Familie und das soziale Umfeld. Um es mit Viktor Frankl (Begründer der Logotherapie, Anm.) zu sagen: Es ist meine Aufgabe, zu helfen, die in dieser Situation "sinnvolle" Lösung oder Entscheidung zu finden. Entscheiden wird dieser Mensch aber selber. Nicht ich. Auch wenn ich als Priester mit einem klaren Auftrag hier sitze, entscheidet immer noch der Mensch.

Picker: Das klingt so zufrieden. Mach’ ma ein Hackerl und die Sache hat sich.

Bauer: Na, sie macht das Hackerl und nicht ich. Wenn dieser Mensch so entscheidet, wie ich nicht entscheiden würde, dann leide ich ja.

"Die Kirche ist nicht das Erste für mich. Das Erste ist die Offenbarung. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, die Kirche zu verkünden, sondern das Evangelium." Gerhard Bauer - © Foto: Markus Ladstätter
"Die Kirche ist nicht das Erste für mich. Das Erste ist die Offenbarung. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, die Kirche zu verkünden, sondern das Evangelium." Gerhard Bauer - © Foto: Markus Ladstätter

Picker: Das kann ich nicht beurteilen, ob Sie leiden oder nicht. Das hängt von Ihnen selbst ab. Außerdem würde ich Sie vor dieser Kombination Therapeut/Seelsorger warnen, denn da kommen Sie aus den Schmerzen nicht mehr heraus.

Bauer: Wie ich mit meinen Schmerzen umgehe, ist eine andere Frage. Meine Schmerzen habe ich ja sowieso, ich kann mich in der Therapie nicht mit meiner emotionalen Wirklichkeit herausnehmen. Von solch einer Abstinenz träume ich nicht einmal mehr.

Herr Bauer, nehmen Sie die Kirche eigentlich nicht so ernst?

Bauer: Ich nehme die Kirche ernst, aber relativ. Die Kirche ist nicht das Erste für mich. Das Erste ist die Offenbarung. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, die Kirche zu verkünden, sondern das Evangelium. Die Kirche ist nur mein Dienstgeber und außerdem menschliches Machwerk. Frankl-mäßig sage ich: Nicht wir stellen die Fragen, sondern das Leben stellt die Fragen an uns. Auch die Kirche wird vom Leben angefragt. Ecken Sie mit solchen Ansichten nicht an?

Bauer: Das weiß ich nicht, man hat mich noch nicht zum Gespräch eingeladen. Aber ich würde auch dort meinen Mund nicht halten. Für mich ist die Kirche immer noch weiter als zum Beispiel die sozialistische Partei, denn dort muss jeder sagen, was Parteiprogramm ist. Ich kann auch dagegen reden, ohne hinausgeschmissen zu werden.

"Wir haben’s in der katholischen Kirche mit einer Offenbarungsreligion zu tun, da kommt’s nicht darauf an, wonach mir gerade ist. Da gibt’s was zu vertreten. ´Am Anfang war das Wort´ - damit sind Sie geliefert!" Richard Picker - © Foto: Markus Ladstätter
"Wir haben’s in der katholischen Kirche mit einer Offenbarungsreligion zu tun, da kommt’s nicht darauf an, wonach mir gerade ist. Da gibt’s was zu vertreten. ´Am Anfang war das Wort´ - damit sind Sie geliefert!" Richard Picker - © Foto: Markus Ladstätter

Picker: Eine Zeit lang geht das so. Wir müssten eigentlich streiten - dann kämen diese nebulosen Formulierungen von Leben, Fragen ans Leben etc. heraus und würden ihr wahres Gesicht zeigen. Aber so geht das irgendwie wie eine Schlange dahin, rechts, links, rechts, links, aber Sie glauben es ja selber nicht!

Bauer: Was glaube ich nicht?

Picker: Was Sie jetzt gerade erzählt haben.

Bauer: Doch. Ich bin fest davon überzeugt, denn sonst würde ich das nicht schon dreizehn Jahre als eingetragener Therapeut aushalten.

Picker: Das ist keine Kunst als eingetragener Therapeut. Gut, das ist ein anderes Thema, aber ich finde, so glatt geht das nicht!

Bauer: Es ist nicht glatt, das Leben ist keine glatte Geschichte.

Picker: Kann Sie eigentlich noch irgendetwas überraschen?

Bauer: Natürlich können mich Dinge überraschen, aber wenn ich länger nachdenke, wachse ich hinein in die Überraschung, sodass sie ins Alltägliche integrierbar wird.

Picker: Nützt nichts, es ist glatt.

Bauer: Wir werden uns nicht einigen.

Dagmar Weidinger, geboren 1980, promovierte Kunsthistorikerin, lebt und arbeitet als freie Journalistin in Wien.