Das ist insofern gut nachvollziehbar, weil die geschilderten Erfahrungswelten Ihrer Romanfiguren auch bei Nicht-Betroffenen Betroffenheit auslösen. Wahrscheinlich kann man extreme Körperbefindlichkeiten nur dann derart intensiv beschreiben, wenn man sie selbst erlebt hat?

Es gibt Bücher wie "Leben" von David Wagner, die das bezeugen. Er hat für seine Schilderung einer Lebertransplantation den diesjährigen Leipziger Buchpreis erhalten. Wahrscheinlich kann sich nur jemand, der eine solche Grenzerfahrung durchgemacht hat, so viel Witz und Ironie, aber auch ästhetische Distanz erlauben. Nichtinvolvierte würden sich vermutlich in Betroffenheitssätzen verlieren. Nichts ist schlimmer als Weinerlichkeit in der Beschreibung des körperlichen Elends.

Sie haben den Ausdruck "Körperanalphabetismus" geprägt. Was genau ist darunter zu verstehen?

Es ist eine Art Selbstvergessenheit. Ein gesunder Mensch muss sich nicht mit dem Körper auseinandersetzen. Er beschäftigt sich in der Regel erst dann damit, wenn er auf Zeichen stößt, die auf Krankheit hinweisen. Ein Körperanalphabet hat nie gelernt und nie lernen müssen, sich mit der Sprache der Krankheit zu beschäftigen, den eigenen Körper zu lesen. Körperanalphabetismus ist auch fehlende Empathie, fehlendes Vorstellungsvermögen.

In einem Gespräch haben Sie einmal zum Ausdruck gebracht, dass Sie durch die Konfrontation mit dieser Krankheit das Gefühl hatten, doppelt oder dreifach intensiv leben zu müssen, weil die Zeit davonrennt. Hat sich dieses Empfinden mittlerweile geändert?

Das gibt sich schon ein bisschen mit der Zeit, wenn man merkt, dass das transplantierte Organ hält. Es stellt sich quasi zwischen den Kontrollen im Krankenhaus eine Art Normalität ein. Aber die Ungeduld bleibt, das unverdrängte Wissen um unsere Endlichkeit und die Angst vor einem neuerlichen Organversagen.

Signifikant für Ihre Bücher ist die Tatsache, dass Sie heftige Themen wie Liebe, Leiden und Tod in eine Sprache verpacken, die niemals auch nur ansatzweise in die Nähe von Larmoyanz oder Sentimentalität gerät. Im Gegenteil, Ihre Romane berühren, aber ziehen den Leser keinesfalls hinunter.

Ich habe die Romane erst geschrieben, als es mir besser ging. In der Phase der Erkrankung wollte ich mich nicht damit beschäftigen, ich hätte die Kraft dazu nicht gehabt. "Die Zumutung" und "Über Nacht" sind keine Selbsterfahrungsliteratur, ich wollte nie meine persönliche Geschichte niederschreiben, deswegen habe ich mich auch geweigert, in Talk-Shows aufzutreten. Chronologisch erzählte Befindlichkeiten interessieren mich nicht. "Über Nacht" bietet verschiedene Lesearten, es ist ein durchkomponierter Text, der auf der formalen Ebene zeigt, dass Transplantation auch ein ästhetisches Verfahren ist.

Im Vordergrund standen also poetologische Überlegungen?

Jeder Schreibprozess ist auch eine Art Einverleibung und Aneignung von etwas Fremdem.

In "Die Zumutung" lassen Sie Ihre Hauptfigur Marianne den Satz sagen: "Man muss den Tod in ein Gespräch verwickeln, ihn ablenken. Er arbeitet weniger schnell, wenn man mit ihm spricht."

Ja, Sprache und Literatur können letztlich lebensverlängernd wirken. Schreiben ist für mich - ebenso wie Lesen - ein Sich-Einfühlen in andere, fremde Lebenswelten, die einem sonst verwehrt blieben, es ist Lebensgewinn, auch wenn die Zeit beim Verfassen von Romanen und natürlich auch beim Lesen vergeht, und es ist auch eine Form von flüchtiger Schicksalskorrektur. Schon als Kind konnte ich beim Lesen alles um mich herum vergessen.

Christine Dobretsberger, 1968 in Wien geboren, freie Journalistin und Autorin, Geschäftsführerin der Text- und Grafikagentur Lineaart.