"Seit jeher waren Rollenspiele mein liebstes Ausdrucksmittel." - Ursula Strauss und "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger beim Gespräch im Wiener Gasthaus Quell, dem Lieblingslokal der Schauspielerin.

- © Foto: Robert Wimmer
"Seit jeher waren Rollenspiele mein liebstes Ausdrucksmittel." - Ursula Strauss und "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger beim Gespräch im Wiener Gasthaus Quell, dem Lieblingslokal der Schauspielerin.
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Mit 14 war es ein realer Berufswunsch, weil ich den anderen, also die Schauspielerei, ja ad acta gelegt hatte. Und ich finde Kindergärtnerin nach wie vor einen ganz tollen, sehr schweren, und völlig unterschätzten Beruf, weil den Erzieherinnen eine große Verantwortung übergeben wird. Ich liebe Kinder und habe immer den Umgang mit Kindern geliebt. Ich wusste auch, dass ich etwas Soziales machen möchte, mit Menschen zu tun haben möchte. Insofern war es dann schon ein realer Wunsch. Aber je länger ich die Ausbildung gemacht habe, desto mehr habe ich bemerkt, dass ich vielleicht nicht stark genug dafür bin.

Hinsichtlich der zu übernehmenden Verantwortung?

Ja, da muss man sehr stark sein und braucht gute Nerven.

Gute Nerven brauchen Sie jetzt sicherlich auch?

Die brauche ich jetzt auch, aber ich habe nicht die Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen. Ich trage nur Verantwortung, mit meinen Kollegen gut umzugehen, ein angenehmes Arbeitsumfeld zu schaffen, damit wir unsere Geschichten gut erzählen können, aber Kinder sind einfach Schutzbefohlene und das ist eine ganz andere Nummer.

Zurück zum Theater: Wie ging es dann weiter, als Sie 1993 mit Ihrer Schauspielausbildung begannen?

Während der Ausbildung war ich eine zeitlang in Kiel, das war extrem aufregend und hat ungemein Spaß gemacht! Auch die "fremde" Sprache: Plattdeutsch! Wir spielten in einer alten Hafenkneipe und ich habe den Wirt nicht verstanden, weil er natürlich Plattdeutsch sprach. Danach habe ich in Wien sehr viel in der Off-Szene, also in Kellertheatern gespielt, später unter anderem am Volkstheater, im Ensembletheater und im Theater in der Josefstadt.

Wie gelang dann der Sprung zum Film?

Eigentlich schrittweise. Wenn man in diesen Bereich eintritt, gilt es als erstes die Angst vor der Kamera abzulegen. Die beste Übung dafür sind Werbecastings. Ich hatte das Glück bei einem dieser Werbecastings Rita Waszilovics kennenzulernen, die dann auch begonnen hat, Filme zu besetzen. Sie hat an mich gedacht und mich Barbara Albert vorgeschlagen. Es lief gerade das Casting für den Film "Böse Zellen".

Wo Sie auch gleich eine Hauptrolle bekamen.

Das war alles wahnsinniges Glück. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Parallel dazu hat mich Markus Schleinzer für den Film "Gelbe Kirschen" mit Josef Hader und Martin Puntigam besetzt. Das war eigentlich mein allererster Film, bei dem ich mitgewirkt habe, das war im Jahr 2000.

Mittlerweile zählen Sie zu den erfolgreichsten österreichischen Filmschauspielerinnen und wurden auch bereits zweimal mit der Romy als "beliebteste Schauspielerin" ausgezeichnet. 2012 erhielten Sie den Österreichischen Filmpreis als beste Schauspielerin für Ihre Rolle in Elisabeth Scharangs Spielfilm "Vielleicht in einem anderen Leben". Entsteht bei all diesen Auszeichnungen nicht gleichzeitig auch ein enormer Druck?

Preise sind eine tolle Bestätigung, und ich freue mich wirklich enorm darüber. Aber Preise sind immer eine Momentaufnahme - du wirst für einen bestimmten Film oder für eine Serie geehrt. Aber für mich geht es um die Arbeit, die Arbeit ist der Weg, die Auseinandersetzung mit den Figuren. Ich habe das große Glück, nicht auf einen Charakter festgelegt zu sein. Ich darf ganz unterschiedliche Frauen spielen, völlig verschiedene Geschichten erzählen und das ist für mich die größte Bestätigung, die man in diesem Beruf bekommen kann. So empfinde ich das jedenfalls. Von daher mache ich mir keinen Druck, oder besser gesagt, versuche es zumindest. Druck kommt ohnedies von außen genug.

"Ich habe das große Glück, nicht auf einen Charakter festgelegt zu sein. Ich darf ganz unterschiedliche Frauen spielen." Ursula Strauss - © Foto: Robert Wimmer
"Ich habe das große Glück, nicht auf einen Charakter festgelegt zu sein. Ich darf ganz unterschiedliche Frauen spielen." Ursula Strauss - © Foto: Robert Wimmer

Ihre erste Romy-Auszeichnung erhielten Sie 2010 für Ihre Darstellung der Chefinspektorin Angelika Schnell in der ORF-Krimiserie "Schnell ermittelt". War es ursprünglich nicht auch ein gewisses Wagnis diese Rolle anzunehmen, zumal es bekanntermaßen nicht leicht ist, eine Serienidentität auch wieder abzuschütteln?

Natürlich! Aber ich habe auch viel dafür getan, damit das möglichst nicht passiert. In den Drehpausen von "Schnell ermittelt" habe ich nicht Urlaub gemacht, sondern andere Filme gedreht. Wissen Sie, das was das Spielen für mich ausmacht ist dieses Im-Moment-Sein. Das ist so schwierig - im Alltag ebenso wie beim Spielen. Es zu schaffen im Moment zu sein, bei sich zu sein, die Sinne zu öffnen, die Signale des Gegenübers zu empfangen, all das ist nicht einfach, aber gleichzeitig genau das, worum es beim Spielen tatsächlich geht. Und eigentlich geht es auch darum im Leben. Jeder Moment ist so kostbar und reich an wahrzunehmenden Eindrücken.

Reizt es Sie nach mittlerweile bald sechs Jahren immer noch, die Rolle der Chefinspektorin Schnell zu spielen?

Auf jeden Fall! Von Angelika Schnell habe ich auch gelernt, die Alphaposition einzunehmen und das auch auszuhalten, was nicht immer leicht ist. Über einen so langen Zeitraum hinweg der leading character einer Serie zu sein, geht ziemlich an die Kräfte. Du stehst einfach im Mittelpunkt, egal ob das die Arbeit am Set betrifft oder die Wirkung nach außen.

Diese Führungsposition inne zu haben war für Sie also neues Terrain?

Absolut, und ich musste auch erst lernen, mit dieser Situation umzugehen. Schließlich steht man auch im Mittelpunkt der Kritik - egal ob diese positiv oder negativ ausfällt. Ich war jede Sekunde am Set, weil ich in fast jeder Szene dran war. Man hat also kaum Pausen, ist immer präsent, was einerseits anstrengend ist, andererseits auch dazu führt, dass man für das Klima am Set verantwortlich ist. Wenn du die Hauptfigur spielst, bist du auch dafür verantwortlich, wie es den Kollegen geht. Ich empfinde das jedenfalls so. Immer vorne zu stehen, diese Führungsposition auszuhalten war der Lernprozess, den diese Rolle mit sich gebracht hat. Und das ist mir anfangs sehr schwer gefallen und fällt mir immer noch nicht leicht.