Nicholas Ofczarek als Grenzjäger und Birgit Minichmayr als Weib in Karl Schönherrs Drama "Der Weibsteufel", das in Martin Kuejs Inszenierung am Burgtheater zu sehen war. - Foto: ©Georg Soulek
Nicholas Ofczarek als Grenzjäger und Birgit Minichmayr als Weib in Karl Schönherrs Drama "Der Weibsteufel", das in Martin Kuejs Inszenierung am Burgtheater zu sehen war. - Foto: ©Georg Soulek

Wiener Zeitung: Bereits als junge Schauspielerin eroberten Sie das Publikum des Burgtheaters im Sturm. Haben Sie je mit dem Gedanken gespielt, als dessen erste Direktorin in die Theatergeschichte einzugehen?

Birgit Minichmayr: Nein, um Gotteswillen. Das wäre ein überaus anstrengender Job und reizt mich überhaupt nicht.

Sie wirkten in zahllosen Theater-, Film- und TV-Produktionen als Darstellerin mit. Würde es Sie reizen, selbst zu inszenieren?

Die Lust, die eigene Handschrift über eine künstlerische Produktion zu legen, kann ich gut nachvollziehen. Es liegt mir aber nicht, ins Blaue hinein über solche Ambitionen zu sprechen. Wenn ich ein konkretes Angebot hätte, würde ich darüber nachdenken.

Sie haben mit vielen namhaften Regisseuren gearbeitet, etwa Frank Castorf, Martin Kušej und Michael Haneke. Wodurch zeichnet sich eine gute Beziehung zwischen Akteuren und Regisseuren aus?

Wichtig ist mir die Zusammenarbeit auf Augenhöhe, bei der man sich gegenseitig ernst nimmt und die wechselseitigen Verantwortungen anerkennt. Hierarchisches Gefälle und Unhöflichkeiten kann ich nicht ausstehen. In der Theater- und Filmarbeit geht es oft um Emotionen. Das sollte aber niemand als Freibrief interpretieren, sich schlecht benehmen zu dürfen, um seine Wichtigkeit zu demonstrieren.

Anfang September feierte "Glanz und Elend der Kurtisane" in der Volksbühne Berlin unter der Regie von René Pollesch Premiere. In dieser Woche wurde die Polesch-Inszenierung "Cavalcade" am Akademietheater uraufgeführt, in der Sie ebenfalls zu sehen sind. Laborieren Sie bereits an einer Überdosis Pollesch?

Im Gegenteil. Ich kann derzeit nicht genug von René bekommen.

Pollesch ist dafür bekannt, dass er in vielen seiner Stücke theoretische Diskurse mitverhandelt. Auf welche Weise gelangte in Wien die Theorie auf die Bühne?

Proben verlaufen bei diesem Regisseur gänzlich anders, als man das am Theater gewohnt ist. Das beginnt damit, dass es keinen fertigen Text gibt. Bei Pollesch hat man es zuallererst mit einem Autor zu tun. Wir führen lange Gespräche, setzen uns intensiv mit Inhalten auseinander: Das ist die eigentliche Hauptarbeit. Die Bühne erarbeiten wir uns später, der Text wird bis zuletzt umgestellt.

Entspanntes Proben muss man sich wohl anders vorstellen.

Mich stört das überhaupt nicht. Ich werde nicht nervös, wenn zwei Tage vor der Premiere eine Masse an neuen Texten auf mich zukommt. Es gibt bei Pollesch keinen Erfüllungsauftrag, keine festgeschriebenen Rollen - und damit auch keine Zielgerade, die man bis zur Premiere unter allen Umständen zu überqueren hat. Das kann unglaublich befreiend wirken, das heißt aber nicht, dass es kein Interesse an einem wirkungsvollen Abend gäbe.

Pollesch sieht die Theorie auch als Instrument, um das eigene Leben genauer unter die Lupe zu nehmen. Kann das funktionieren?

Etwas gedanklich zu verstehen, bedeutet ja nicht automatisch, das auch umsetzen zu können oder zu müssen. Ich kann diesem Blick auf das Leben, den man sich in der Auseinandersetzung mit kritischen Denkern aneignet, viel abgewinnen.

Das Verhältnis von Bühnenrolle und "echtem" Leben ist ein weiteres zentrales Pollesch-Thema. Handelt auch "Calvacade" davon?

Ja. Auf der Bühne kann es nie um ein authentisches Leben gehen. Ein Beispiel eines Textes, den ich in Berlin sage: Wenn sich eine Schauspielerin beim Schlussapplaus noch heulend verbeugt, weil sie annimmt, sie wäre noch in der Rolle, dann kann ich nur sagen, sie war auch in der Rolle nur sie selbst. Und das ist ein grundlegendes Missverständnis. Es wird immer gefragt: Was hat die Rolle mit einem gemacht und nicht, was hat man mit der Rolle gemacht. Und das passiert mir auch öfters, dass immer angenommen wird, ich spiele mich teilweise selbst. Es ist und bleibt immer eine Rolle.

Wie halten Sie es bei Ihren Auftritten?

Natürlich habe ich Spaß daran, mich einzubringen. Habe ich auf der Bühne einen Salto zu schlagen, will ich diesen fantastisch machen. Gegenüber dem sogenannten Method Acting, bei dem alles über die vermeintlich wahrhaftige Empfindung gespielt wird, hege ich zunehmend Zweifel.

Warum?

Je älter ich werde und je länger ich diesen Beruf ausübe, desto mehr plädiere ich für Betriebsgeheimnisse. Ich will gar nicht so genau wissen, was ein Schauspieler in seiner Rolle empfunden, wie eine Schauspielerin in die Figur gefunden hat. Warum schreibt ein Autor den ersten Satz? Wie führt ein Maler den Pinsel? Künstlerische Prozesse kann man ohnehin nie restlos erklären. Schauspieler üben einen schillernden Beruf aus, der keineswegs künstlich aufpoliert werden muss, indem man ununterbrochen davon redet, wie sehr man wegen einer Figur gelitten, mit einer Rolle gehadert hat. Es ist für mich unverständlich, auf solche Art über diesen Beruf zu sprechen. Schließlich sind Schauspieler keine Schwerstarbeiter.

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